Nationalbankpräsident Thomas Jordan erhält Schützenhilfe von unverhoffter Seite

Ausgerechnet eine Analyse der Credit Suisse zeigt auf, dass die Politik der Schweizer Nationalbank auch viele Gewinner hat. Dabei hatten die Banken in den letzten Monaten scharf gegen die SNB-Spitze geschossen.

Daniel Zulauf
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SNB-Präsident Thomas Jordan am Jahresend-Mediengespräch der Nationalbank vergangene Woche.

SNB-Präsident Thomas Jordan am Jahresend-Mediengespräch der Nationalbank vergangene Woche.

Marcel Bieri/Keystone (Bern, 12. Dezember 2019)

Das Negativzinsregime der Schweizerischen Nationalbank (SNB) entfalte fast keine Wirkung mehr und es sei «strukturell problematisch». Mit einer auf diese Kurzformel reduzierten Studie startete die Schweizerischen Bankiervereinigung im Oktober einen öffentlich vorgetragenen Frontalangriff auf die Negativzinspolitik der SNB. Deren Chef Thomas Jordan hatte deren Beginn auf den Tag genau vor fünf Jahren verkündet – in der Erwartung, dass sie nur vorübergehend nötig sein würde.

Inzwischen sehen sich die Vertreter des Noteninstituts immer öfter genötigt, ihre Politik zu rechtfertigen. Jetzt erhalten die Frankenhüter Schützenhilfe von unverhoffter Seite. Im Urteil von Credit-Suisse-Chefökonom Oliver Adler ist die Politik der SNB nach wie vor «angemessen». Während die Bankiervereinigung behauptet, der Franken sei nicht mehr überbewertet, kommen die Credit-Suisse-Ökonomen zum gegenteiligen Schluss.

Wer in Franken zahlt, erhält mehr

Nach ihren Berechnungen erhalten Konsumenten, die mit der Schweizer Valuta bezahlen, im Durchschnitt immer noch 10 Prozent mehr für die gleiche Ware als solche, die in Euros oder Dollars bezahlen – weil der Franken eben überbewertet sei. Für die Exportbranche liege die Überbewertung deutlich höher.

Die Credit-Suisse-Ökonomen machen auch eine ganz andere Rechnung als die Bankiervereinigung, wenn es darum geht, Nutzen und Kosten der Negativzinspolitik zu bewerten. Während der Branchenverband in seiner Analyse allein die Kosten dieser Politik für die Banken, die Kleinsparer und für das Vorsorgesystem ins Zentrum stellt und davon die Notwendigkeit ableitet, dass die SNB sofort den Ausweg aus dem geldpolitischen Krisenmodus in Angriff nehmen sollte, zeigen die Credit-Suisse-Ökonomen auch auf, dass es im derzeitigen geldpolitischen Regime durchaus aus auch Gewinner gibt.

Bund hat 23 Milliarden Schuldzinsen eingespart

So haben der Bund und die Kantone seit Beginn der Ultratiefzinspolitik im Jahr 2008 rund 23 Milliarden Franken an Schuldzinsen eingespart – zum Nutzen der Steuerzahler. Zwar werfen die Sparkonti keine Zinsen mehr ab, doch diese Einbusse werde allein durch den Rückgang der Hypothekarzinsen aufgewogen, der die Hauseigentümer seit 2007 um über 10 Milliarden Franken entlastet habe. Weil in der Schweiz auch die Mieten an den Hypothekarzins gekoppelt sind, dürfen sich auch viele Mieter zu den Nutzniessern der Negativzinspolitik zählen.

Für die Pensionskassen ist das Negativzinsregime insofern eine Last, als die vom Vorsorgesystem gehaltenen Barmittel grösstenteils mit dem geltenden Strafzins von -0,75 Prozent belastet werden. Doch davon sind nur rund 5 Prozent der Vorsorgegelder betroffen. Rund ein Drittel des Vorsorgekapitals ist in Aktien investiert, die primär dank den tiefen Zinsen stark im Wert gestiegen sind.

Selbst für den Bankensektor sei die Belastung des Negativzinsregimes nicht so eindeutig, wie dies die Bankiervereinigung dargestellt hatte. Die Analyse sei keine Reaktion auf die Studie des Branchenverbandes, betonte CS-Ökonom Adler am Dienstag in Zürich. Sie sei aber ein Versuch, die heiss gelaufene Diskussion im Land zu entemotionalisieren.