Frankenschock
Schwarzmalen oder nicht? Die Krisenszenarien für die Schweiz

Keine Schönen Aussichten: Die UBS rechnet damit, dass Arbeitslosigkeit steigt und Pensionskassen leiden. Zudem besteht das Risiko, dass sich die Zinsen wieder schlagartig ändern können und dass es zu Schockwellen kommen könnte.

Andreas Schaffner
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Drei Szenarien für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Schweiz: im schlimmsten Fall über 5 Prozent.

Drei Szenarien für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Schweiz: im schlimmsten Fall über 5 Prozent.

Keystone

Es kommt nicht gut. Das ist die wichtigste Aussage, welche der UBS-Schweiz-Chef Lukas Gähwiler und der UBS-Chefökonom Daniel Kalt gestern an einem gemeinsamen Auftritt verkünden.

Frankenschock führt zu tieferen Preisen

Die Konsumentenpreise in der Schweiz sind im Februar gesunken. Billiger wurden Benzin und Diesel, Lebensmittel sowie Pauschalreisen, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) gestern mitteilte. Insgesamt sei für Importgüter im Vergleich zum Vormonat 0,9 Prozent weniger bezahlt worden, die Preise der Inlandgüter seien hingegen stabil geblieben, hiess es. Neben dem Benzinpreis sanken auch die Preise bei den alkoholischen Getränken und diversen Nahrungsmitteln. Teurer wurden Fruchtgemüse wie Tomaten, Peperoni, Gurken oder Auberginen, zudem ebenfalls Teigwaren und Rindfleisch.

Diverse Detailhändler hatten nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses Mitte Januar die Preise für importierte Nahrungsmittel und andere Produkte gesenkt. In der Folge musste für Shampoo, Kosmetika und andere Pflegemitteln im Februar weniger bezahlt werden. Wegen Aktionen wurden auch kleinere Haushaltsgeräte billiger. Möbel und grosse elektrische Haushaltsgeräte verteuerten sich allerdings. (SDA)

Es kommt nicht gut mit der Wirtschaft in der Schweiz, mit der Arbeitslosigkeit, mit den Zinsen, mit dem Bankensystem und mit dem Pensionskassen.

Schuld daran ist das wirtschaftliche Umfeld mit nicht nur sehr tiefen, sondern sogar negativen Zinsen und die Aufhebung des Mindestkurses zum Euro. «Ein Paukenschlag», sagte Gähwiler zum Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vom 15. Januar. «Es ist eine verrückte und verkehrte Welt», beschreibt Kalt die Situation.

Doch alles der Reihe nach. Da sind zunächst die Fakten. Die Zinskurven. Sie zeigen auf, was der Markt heute bereit ist für eine Anleihe der Schweiz — in der Bankersprache «Eidgenosse» genannt — zu bezahlen. In normalen Zeiten sind Zinsen von 1,5 bis 5 Prozent üblich. So viel müsste der Staat dann dafür bezahlen, dass ihm ein Anleger sein Geld zur Verfügung stellt, seine Obligation abkauft.

Doch die Finanzwelt steht kopf und das hat zur Folge, dass die Anleger heute sogar bereit sind, für zehnjährige Staatsanleihen einen Zins von null Prozent in Kauf zu nehmen. Die erste Schlussfolgerung für die UBS-Ökonomen aus dieser Zinssituation verspricht schon nichts Gutes: Hochgerechnet auf die nächsten 15 Jahren sind Anleger bereit, auf eine durchschnittliche Verzinsung zu verzichten. Sie kaufen lieber heute die sicheren Schweizer Obligationen als das Geld zu horten und den allgemeinen Preiszerfall – eine Deflation – zu gegenwärtigen.

Nun stellen sich die UBS-Ökonomen die nächste Frage: Was heissen die tiefen Zinsen für das System in der Schweiz genau? Sie beginnen hochzurechnen, in Szenarien zu denken.

Was ist wahrscheinlich? Was passiert, wenn es schlimmer wird, was, wenn es doch zu Aufhellungen kommt? Daniel Kalt kommt dabei nicht umhin, schwarzzumalen. In der Sprache des Ökonomen: Es kommt zu einem Wachstumseinbruch. «Wir werden an den Rand einer Rezession kommen», so der Experte weiter.

Im besten Fall werde es danach eine Erholung geben, im schlimmsten Fall, wenn es also mit der Eurokrise schlimmer wird und die Exportwirtschaft noch mehr leidet, wird sich die Erholung bis nächstes Jahr verzögern. Das wäre dann eine echte Rezession. In der Folge würde die Arbeitslosenquote von heute knapp über 3 auf über 5 Prozent wachsen.

Schulden machen wird belohnt

Die Negativzinsen führen jedoch zu weiteren entscheidenden Folgeproblemen. Zunächst: Das Schuldenmachen wird belohnt, das Sparen bestraft. Dies bekommen nicht nur die privaten Sparer zu spüren, die auf ihren Sparkonten keinen Zins mehr erhalten, sondern auch die professionellen Anleger.

Das Schweizer Vorsorgesystem wird laut der UBS in einem solchen Umfeld massiv höher belastet. Die Sanierung der AHV wird schwieriger. Die Bank-Ökonomen rechnen hier mit einem Fehlbetrag von 1,4 Milliarden Franken, der sich anhäuft. Bei der zweiten Säule, den Pensionskassen, ist die Umverteilung von der heute beruflich aktiven Bevölkerung zu den Rentnern schon heute voll im Gang. Sie würde sich bei anhaltend tiefen und negativen Zinsen noch mehr verstärken, da die Kassen aufgrund gesetzlich festgelegter Renditeziele gezwungen würden, die tiefen Kapitalerträge zu kompensieren.

Der Grossteil der Pensionskassen dürfte in der Folge stärker in Unterdeckung fallen, so die Befürchtung. Mit entsprechenden Folgen: Für viele Pensionskassen müssten erneut Sanierungsmassnahmen getroffen werden; die betroffenen Unternehmen und Kantone würden dadurch finanziell geschwächt. Die Politik ist also gefordert, die Rentenreform, so die Folgerung der Ökonomen, dringender denn je.

Bleiben die Banken, das Banksystem. Nicht nur werden sichere Anlagemöglichkeiten immer schwieriger. Besonders die Margen im Geschäft mit den Hypothekarkrediten kommen zum Erliegen. Die Banken zahlen im schlimmsten Szenario sogar drauf. Was dies für die Kantonalbanken, Raiffeisenbanken und Regionalbanken bedeutet, kann man sich denken.

Erinnerungen werden wach an die Achtzigerjahre, als die SNB die Zinsen nach einer Tiefzinsphase rasch und heftig aufgehoben hat und eine Immobilien- und Bankenkrise auslöste. Dieses Zinsänderungsrisiko schliesslich, auch das haben die UBS-Ökonomen angeschaut, könnte bei den Banken ähnliche Schockwellen auslösen. Wahrlich keine schönen Aussichten.