SCHWEDEN: Lästige Münz-Millionen

Bei der grössten Geldumtausch-Aktion der Geschichte des Landes sind umgerechnet 180 Millionen Franken verloren gegangen. Doch das kümmert dort fast niemanden – Bargeld stirbt in Schweden aus.

Niels Anner, Kopenhagen
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Niels Anner, Kopenhagen

Man sagt, in der Schweiz liege das Geld auf der Strasse herum. In Schweden liegt es in den Sparschweinen, Schubladen oder unter der Matratze – und keiner interessiert sich dafür. Anders ist nicht zu erklären, dass in dem Land Ende August Münzen im Wert von umgerechnet 180 Millionen Franken wertlos wurden. Sie sind bereits seit Ende Juni ungültig, doch bis Freitag hatten die Schweden die Möglichkeit, alte Münzen mit Jahrgang bis 1971 umzutauschen.

Doch viele wollten nichts von dieser grössten Umtauschaktion in der schwedischen Geschichte wissen. Damit können sie nur noch im Altmetall entsorgt werden – oder allenfalls als Silber eingeschmolzen werden. Bei den Geldscheinen ist die Lage nicht viel anders: Die alten 100- und 500-Kronen-Noten können zwar noch bis Juni 2018 umgetauscht werden. Aber es sind umgerechnet noch über 500 Millionen Franken im Umlauf, und die Erfahrung vergangener Umtauschaktionen zeigt: Es werden sich sicher wieder einige hundert Millionen in Luft auflösen.

Barzahler deutlich in der Minderheit

Leif Jacobsson, der zuständige Projektleiter der Reichsbank, kann da nur noch mit den Schultern zucken: Mehr war nicht zu erwarten – denn Bargeld spielt für einen Grossteil der Schweden schlicht keine Rolle mehr. Nur noch rund ein Fünftel der Einkäufe werden laut Studien mit Noten und Münzen bezahlt. Oder anders betrachtet: Der Wert des Bargeldes im Umlauf liegt im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt in Schweden bei 1,2 Prozent, in der Euro-Zone bei 10,3 und in der Schweiz bei 11,2.

Grossteil der Firmen will bis 2030 ganz verzichten

Schwedischen Geschäften ist es erlaubt, gar kein Bargeld mehr anzunehmen – sie müssen dies einfach klar deklarieren. Laut einer Studie der Technischen Hochschule Stockholms (KTH) glauben zwei Drittel der befragten Detailhandelsunternehmen, dass sie im Jahr 2030 ganz darauf verzichten werden. Die Forscher sehen die schwedische Gesellschaft deshalb schneller als jede andere bargeldlos. Auch eine deutliche Mehrheit der schwedischen Bankfilialen nimmt bereits kein Bargeld mehr an. Kosten- und Sicherheitsüberlegungen sind Gründe, aber auch die fehlende Nachfrage. Nicht nur in Schweden, sondern in ganz Skandinavien setzt sich das Bezahlen mit Karte unaufhaltsam durch. Laut einer Analyse der dänischen Nationalbank zahlen die Menschen in Schweden, Dänemark und Norwegen zwischen 300 und 400 Mal pro Jahr mit Karte – rund dreimal mehr als der europäische Durchschnitt. Selbst Kleinstbeträge für Postkarten oder Kaugummis am Kiosk werden mit der Karte bezahlt.

Senioren wehren sich

Wenn nicht mit Karte bezahlt wird, dann mit dem Handy. Apps sind auch in Supermärkten gängiges Bezahlmittel. Auch Verkäufer von Obdachlosen-Zeitungen, Flohmarktstände oder die Kirchen bei der Sammlung der Kollekte kommen ohne Bargeld aus.

Die Kritiker werden leiser, aber es gibt sie. Senioren-Orga­nisationen etwa finden, ältere Menschen würden ausgegrenzt – 140 000 Personen haben letztes Jahr eine Petition für die Erhaltung von Bargeld unterschrieben. IT-Experten warnen vor Systemausfällen, die sofort ganze Teile der Gesellschaft blockierten. Bengt Nilervall vom Detailhandelsverband betont, dass man dabei nicht naiv sein dürfe: «Es sind die Banken, die an den Karten verdienen.» Dies fängt bei den Kindern an: Mehrere Banken kennen keine Altersgrenze mehr. 7- oder 8-Jährige mit eigener Karte sind keine Seltenheit mehr. Was sollen sie da auch noch mit Münz?