SCHWEIZ: Eine Branche bangt um ihre Goldgrube

Für die Versicherungsbranche ist die Schweiz ein gutes Pflaster. Vor allem im Schadengeschäft verdient sie prächtig. Doch wie lange noch?

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Swiss Life ist einer von vielen Versicherungs-Konzernen in der Schweiz, die zukünftig vor Herausforderungen stehen könnten. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Swiss Life ist einer von vielen Versicherungs-Konzernen in der Schweiz, die zukünftig vor Herausforderungen stehen könnten. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Daniel Zulauf

Den Schweizerinnen und Schweizern eilt der Ruf, ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis zu haben, voraus. Doch was sie für Versicherungsleistungen ausgeben, hält sich gemessen an ihrem Monatsbudget in Grenzen. Der letzten Erhebung des Bundesamtes für Statistik zufolge gibt ein durchschnittlicher Haushalt 3,6 Prozent seines Bruttoeinkommens für nicht obligatorische Versicherungsprämien aus. Zieht man davon die Aufwendungen für Krankenkassen-Zusatzversicherungen ab, reduziert sich der Budgetposten auf 2 Prozent. Fast gleich viel legen Herr und Frau Schweizer für Telefon und Internetzugang auf den Tisch, und die Grundversorgung der Krankenkasse kostet mehr als das Doppelte.

Doch für die Versicherungswirtschaft hat der Schweizer Markt eine beträchtliche Grösse. Das hängt damit zusammen, dass das durchschnittliche monatliche Bruttoeinkommen eines Schweizer Haushaltes mit 10 063 Franken (im Jahr 2012) weit über dem internationalen Durchschnitt liegt, und die Tarife für Sachversicherungen über jenen der meisten anderen Länder liegen.

Schweiz sorgt für Gewinn

Nicht von ungefähr ist das Geschäft in der Schweiz für weltweit tätige Versicherer von Bedeutung. Die Zurich erwirtschaftete 2014 im Inland «nur» rund 8 Prozent ihres gesamten Prämienertrages. Aber die Schweiz steuerte 18 Prozent zum operativen Konzerngewinn bei. Der französische Axa-Konzern verdiente 2014 hierzulande fast 10 Prozent seines Gruppengewinns, bei einem Prämienanteil von 11 Prozent. Dasselbe Muster gilt für die deutsche Allianz und die italienische Generali, wenn auch in einem viel geringeren Ausmass (siehe auch Tabelle).

Was für diese Weltkonzerne Bestand hat, trifft noch weit mehr auf die lokalen Anbieter zu. Die Baloise erwirtschaftet im Heimmarkt rund 60 Prozent ihres Prämienvolumens und erzielt damit 63 Prozent des Konzerngewinns. Bei der Helvetia erreicht der inländische Gewinnanteil nahezu 70 Prozent, bei einem Prämienanteil von 60 Prozent. Die Mobiliar betreibt gar kein Auslandgeschäft.

Aufschlussreicher als die absolute Höhe der Gewinne ist deren Verhältnis zum eingesetzten Eigenkapital. Nur da­raus lässt sich erkennen, was für die Risikokapitalgeber am Ende übrig bleibt und wie attraktiv ein Geschäft ist. Hier drängt sich ein Blick in die Spartenrechnungen auf, wie sie die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) auf ihrer Webseite für alle in der Schweiz tätigen Versicherer publiziert. Daraus wird ersichtlich: Die Goldgrube der Schweizer Assekuranz ist das Schadensgeschäft, besonders die Versicherungen von Sachwerten wie Autos, Hausrat, Immobilien, aber auch Personenversicherungen.

Axa Winterthur, die Schweizer Tochter des Pariser Grosskonzerns, brachte es als führende Anbieterin mit einem Marktanteil von 12,4 Prozent auf eine Eigenkapitalrendite im Jahr 2013 von 18,5 Prozent. Auch die Eigenkapitalrendite der Zurich Insurance (Marktanteil 9,9 Prozent) kommt mit 14,3 Prozent nicht bescheiden daher, vor allem wenn man sie mit jenen der Banken vergleicht. Bei den lokalen Mitbewerbern ist das Bild nicht anders: Die Mobiliar erreichte 2013 im Schadengeschäft eine Eigenkapitalrendite von über 20 Prozent, bei der Baloise waren es 18 Prozent und bei der Helvetia rund 13 Prozent und diese ausgewiesenen Zahlen müssen nicht die ganze Wahrheit sein. Wenn die Unternehmen ihre satten Gewinne nutzen, um mehr als unmittelbar nötig in die Reserven zu stecken, was viele in den vergangen Jahren getan haben dürften, dann sind die effektiven Renditen sogar noch deutlich höher.

Beispiellos tiefes Zinsniveau

Weniger glänzend stellt sich dagegen die Rentabilität der Leben-Sparte dar. Axa Winterthur schaffte es darin 2013 auf eine Eigenkapitalrendite von nur 6,9 Prozent, Baloise auf 7 Prozent und die Mobiliar auf 6 Prozent. Die Swiss Life ist mit ihrer im Vergleich zum Schadengeschäft immer noch bescheidenen Eigenkapitalrendite von 10,7 Prozent geradezu eine Ausnahmeerscheinung. Grund für die eklatante Diskrepanz zwischen den beiden Sparten ist das beispiellos tiefe Zinsniveau. Seit sieben Jahren bewegen sich die Zinsen mit einigen kurzen Unterbrüchen nach unten. Nirgends ist dieser Trend so ausgeprägt wie in der Schweiz, wo die Renditen von Anleihen der Eidgenossenschaft mit bis zu zehnjähriger Laufzeit ein negatives Vorzeichen aufweisen. Die Lebensversicherer ächzen unter ihren Beständen an alten Policen, deren Zinsgarantien auf dem Finanzmarkt kaum mehr zu verdienen sind, ohne grössere Anlagerisiken in Kauf zu nehmen.

Axa Winterthur setzt Rotstift an

Das gilt in besonderem Mass für das sogenannte BVG-Geschäft mit der beruflichen Vorsorge. Die Nachfrage von Pensionskassen kleinerer und mittelgrosser Betriebe, die bei der privaten Versicherungswirtschaft eine vollständige Deckung des Anlagerisikos suchen, ist ungebrochen. Doch das Geschäft bindet bei den Versicherungsunternehmen grosse Mengen von Eigenkapital, das im Vergleich zum Schadengeschäft eine weit unterdurchschnittliche Verzinsung erhält. Vor wenigen Jahren waren es noch acht Anbieter, die sich diesen Markt gegenseitig streitig machten. Inzwischen sind es noch deren sechs.

Am Gründonnerstag hat Axa Winterthur die schrittweise Senkung des Umwandlungssatzes in der Vollversicherung im überobligatorischen Teil von 5,6 Prozent auf 5 Prozent bis 2018 bekannt gegeben. Versicherte, die noch im aktiven Berufsleben stehen und einen Jahreslohn von mehr als 84 600 Franken nach Hause tragen, werden auf die über diesen Betrag hinaus gehende Versicherungssumme eine Kürzung des bisherigen Rentenversprechens hinnehmen müssen. Die Massnahme dürfte bald etliche Nachahmer finden, denn das zu Grunde liegende Problem, dass die garantierten Pensionsleistungen der Rentner über die Verzinsung des angespartes Alterskapitals nicht mehr vollständig gedeckt werden können und deshalb durch Abstriche auf der Anlagerendite der aktiven Bevölkerung subventioniert werden müssen, ist ein generelles Dilemma.

Härterer Kampf um Marktanteile

Doch ebenso wie die tiefen Zinsen den Lebensversicherern das Geschäft verderben und den künftigen Rentnern das Einkommen im Ruhestand vermindern, dürfen die Schweizer Versicherungsnehmer in nächster Zeit auf eine Phase mit fallenden Prämien für ihre Auto-, Hausrats- oder Haftpflichtpolicen zählen. Der Kampf um Marktanteile im lukrativen Schadengeschäft hat nach Aussagen von Marktbeobachtern bereits 2014 zugenommen und wird sich weiter akzentuieren. Die Allbranchen-Versicherer suchen durch den Ausbau des Schadengeschäfts nach einer Kompensation für das zunehmend ertragsschwache Leben-Geschäft. Dieser Wettbewerb spielt sich allein über den Preis ab.

Ein Vorbote dieser Entwicklung war der Übernahmekampf um die Nationale Suisse, die im letzten Jahr zum hohen Preis von 1,8 Milliarden Franken ins Eigentum der Helvetia übergegangen war. Ob die Rechnung der Ostschweizer unter den Bedingungen eines intensivierten Preiskampfes immer noch aufgeht, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Sicher ist, dass sich die Assekuranz nicht darauf verlassen kann, dass ihr das Schadengeschäft als Goldgrube auf ewige Zeiten erhalten bleibt. Mit dem Ende des Versicherungskartells Mitte der Neunzigerjahre hatte sich der Wettbewerb in der Branche zunächst deutlich belebt. Der Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 brachte diesen aber rasch wieder zum Stillstand, weil sich die Versicherer aus berechtigter Vorsicht lieber auf Besitzstandswahrung als auf Wachstum einstellten.