Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

SCHWEIZ: «Letzte Chance für Glencore & Co.»

Alle börsenkotierten Firmen sollen künftig einen Umwelt- und Sozialbericht publizieren. Das fordert die Stiftung Ethos. Der neue Direktor will Nachhaltigkeit zu seinem Schwerpunktthema machen.
Interview Hans-Peter Hoeren
Wachablösung bei Ethos: Vincent Kaufmann (links) soll an der heutigen Generalversammlung zum neuen Direktor und Nachfolger von Dominique Biedermann gewählt werden. (Bild Eveline Beerkircher)

Wachablösung bei Ethos: Vincent Kaufmann (links) soll an der heutigen Generalversammlung zum neuen Direktor und Nachfolger von Dominique Biedermann gewählt werden. (Bild Eveline Beerkircher)

Interview Hans-Peter Hoeren

Dominique Biedermann (57) ist ein Pionier in Sachen Mitbestimmung von Aktionären in der Schweiz. Ob bei Nes­tlé, der UBS oder Novartis – immer wieder hat er Ämterkumulierungen kritisiert oder mehr Transparenz bei den Vergütungen angemahnt. Seit 1998 ist Biedermann Direktor der Stiftung Ethos. Diese vertritt an den Generalversammlungen der börsenkotierten Unternehmen die Stimmen von mehr als 200 Pensionskassen. Die Stiftung pflegt zudem im Rahmen eines Dialogprogramms einen umfangreichen Austausch mit den Unternehmen. An der heutigen Generalversammlung von Ethos soll der stellvertretende Direktor Vincent Kaufmann (35) im Rahmen einer langfristigen Nachfolgeplanung Biedermann auf den Direktorenposten folgen. Biedermann selbst soll zum Präsidenten der Stiftung gewählt werden und wird sich künftig vor allem auf strategische Fragen konzentrieren.

Vincent Kaufmann, Sie arbeiten seit über zehn Jahren bei Ethos. Was hat Sie als jungen Ökonomen gereizt, bei einem Stimmrechtsberater anzufangen?

Vincent Kaufmann: 2001 war das Jahr des Groundings von Swissair, der Bilanzfälschungen und des Konkurses des US-Konzerns Enron. Dieser hat zum Verschwinden von Arthur Andersen, einer der damals fünf grössten Revisionsgesellschaften, geführt. Als damaliger Student der Finanzwissenschaft haben mich die Ursachen für diese Firmenkonkurse sehr interessiert. Die Corporate Governance (Anmerkung der Redaktion: Grundsätze für die Leitung und die Organisation eines Unternehmens) war immer einer der Gründe, warum diese Firmen gescheitert sind. Dadurch bin ich auf Ethos gestossen.

Sie werden heute Dominique Biedermann als Direktor von Ethos ablösen, wie gross sind diese neuen Schuhe?

Kaufmann: Dominique ist ein sehr erfolgreicher und öffentlich sehr bekannter Direktor. Ich hatte über ein Jahr Zeit, um mich auf die neue Aufgabe vorzubereiten. Dominique hat mich gecoacht. Das war die beste Vorbereitung, um in diese neuen Schuhe hineinzufinden.

Wo liegen die grössten Herausforderungen für Ethos in den nächsten Jahren?

Kaufmann: In den vergangenen Jahren haben wir uns sehr stark mit dem Thema Corporate Governance beschäftigt. Der Hauptfokus bei der Gründung von Ethos war aber die Förderung von Investments, die Nachhaltigkeitskriterien genügen. Dieses Thema möchte ich wieder mehr in den Vordergrund rücken. Ein Ziel wäre es, dass in fünf Jahren alle börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz einen Umwelt- und Sozialbericht veröffentlichen.

Was erhoffen Sie sich davon? Diese Berichte sind oft sehr nichts sagend.

Kaufmann: Tatsächlich sind Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte oftmals eher Marketingtools als institutionalisierte Berichte. Oft fehlt es hier an der Transparenz. Nur 20 Prozent der börsenkotierten Unternehmen in der Schweiz informieren über ihre CO2-Ziele. Wir fordern nicht nur eine Bilanz des letzten Jahres, sondern auch Angaben über aussagekräftige Zielsetzungen für die Zukunft. Wir wollen beispielsweise nur in Firmen investieren, deren Geschäftspolitik dazu beiträgt, dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde sich in den nächsten Jahrzehnten nicht um mehr als 2 Grad erhöht.

Wie messen Sie die Nachhaltigkeit eines Unternehmens?

Kaufmann: Es gibt internationale Standards, die man anwenden kann, beispielsweise den G 4 der Global Reporting Initiative. Dieser hat klar messbare Kriterien. Ein solcher Standard ist mit dem international weit verbreiteten Rechnungs­legungsstandard IFRS (International Financial Reporting Standards) für Finanzberichte vergleichbar.

Welche Indikatoren sind denn Ihrer Meinung nach entscheidend?

Kaufmann: Es geht uns neben der CO2-Bilanz um Themen wie die Zukunft der Arbeitsplätze, der Menschenrechte und um Umweltfragen. Ein wichtiger Aspekt ist für uns auch der Prozentsatz der Frauen in Führungspositionen – das ist ein sehr interessanter Indikator. Nicht für ein Jahr, sondern für die Entwicklung von fünf oder mehr Jahren und die dazugehörigen Ziele für die Zukunft. Daran können wir schnell erkennen, ob der Verwaltungsrat etwas ändern will oder nicht. Auch Zahlen zur Aus- und Weiterbildung oder zu den Sozialbedingungen, zur betrieblichen Gesundheitsförderung oder zur Arbeitssicherheit sind interessant. Wichtig ist, dass die formulierten Ziele anspruchsvoll sind.

Wie wollen Sie denn bei einer Bank die CO2-Bilanz messen?

Kaufmann: Das ist sicher weniger einfach als bei einem Industrieunternehmen. Bei Finanzinstituten interessiert uns aber die CO2-Bilanz von Geldanlagen oder auch von Krediten für grössere Projekte.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Kaufmann: Die Credit Suisse hat zum Beispiel das asiatische Unternehmen April, das in grösserem Massstab mit Tropenholz handelt, finanziert. Das ist ein Verstoss gegen die Richtlinien der CS. Das Unternehmen wird wegen seiner Geschäftspolitik heftig kritisiert und hat bereits das Nachhaltigkeitslabel FSC (Forest Stewardship Council; Label steht für nachhaltige Forstwirtschaft) verloren.

Wo steht die Schweiz weltweit beim Thema Nachhaltigkeitsberichte?

Kaufmann: Aktuell gehört die Schweiz eher zu den Negativbeispielen. Es gibt eine entsprechende Initiative der UNO. Gemäss dieser sollen Unternehmen, die sich an der Börse listen lassen wollen, verpflichtet werden, einen derartigen Bericht anzufertigen. Die deutsche und die britische Börse haben die Initiative der UNO akzeptiert, in der EU und in Frankreich wird das diskutiert. Bei der Schweizer Börse ist das noch kein Thema.

Was erwarten Sie von der Börse?

Kaufmann: Wir erwarten von der Schweizer Börse eine Direktive wie 2001 bei der Corporate Governance. Damals war es oftmals nicht transparent, wer im Verwaltungsrat der Unternehmen sass. Diese Direktive der Schweizer Börse hat durch die Definierung von grundlegenden Transparenzregeln im Bereich von Verwaltungsräten oder Vergütungen viel zur Entwicklung der Corporate Governance beigetragen. Jetzt wollen wir die gleiche Entwicklung im Bereich Umwelt und Soziales. Dafür braucht es entweder ein Gesetz oder eine Direktive der Schweizer Börse.

Wir erhalten jedes Jahr einen schön gestalteten Nachhaltigkeitsbericht von der Firma Glencore Xstrata. Wie aussagekräftig ist dieser?

Kaufmann: Der Bericht ist in der Tat schön gemacht, aber es fehlen entscheidende Angaben, beispielsweise zu den Zielen der CO2-Reduktion oder zur Anzahl und zu den Resultaten der Audits von Lieferanten bezüglich deren Einhaltung der Menschenrechte. Auch die formulierten Ziele entsprechen nicht dem, was wir vom Unternehmen erwarten.

Warum?

Kaufmann: Der Vorentwurf des Bundesrates zur Aktienrechtsrevision sieht vor, dass die Zahlungen von Rohstofffirmen an Staaten transparent gemacht werden. Vor einem Monat wurde zudem eine neue Volksinitiative lanciert für verantwortungsvolle Konzerne mit einer Sorgfaltspflicht im Bereich Menschenrechte und Umwelt. Die Zivilgesellschaft erwartet mehr von den grossen Konzernen wie Glencore. Es ist die letzte Chance für diese Unternehmen, um sich selbst zu regulieren, sonst wird dies früher oder später zu neuen Gesetzen führen. Man kann nicht mehr gleich wirtschaften wie vor einer Generation.

Zum Schluss noch ein ganz anderes Thema: Ethos ist auch Aktionärin bei Sika und fordert nun eine Abschaffung der Opting-out-Klausel. Wieso?

Kaufmann: Die Schweiz ist das einzige Land mit Opting-out-Klausel. Die Klausel in ihrer heutigen Form ist keine Schutzmassnahme für Familienunternehmen, sondern ein finanzieller Vorteil für die Familien. Damit sind wir nicht einverstanden. Wir haben deshalb in die Aktienrechtsrevision den Vorschlag eingebracht, diese Klausel künftig nur auf einen bestimmten Aktionär zu beschränken.

Was würde das bringen?

Kaufmann: Nehmen Sie das Beispiel Sika. Dort sollte die Klausel nur für die Familie Burkard gelten. Diese muss keine Offerte machen für das gesamte Kapital, wenn ihr Aktienanteil eine bestimmte Hürde überschreitet. Wenn diese dann ihren Anteil an Saint-Gobain verkauft, müsste Saint-Gobain verpflichtet sein, dem Rest der Aktionäre auch ein Angebot zu machen. Ob ein zweiter Aktionär von dieser Klausel Gebrauch machen darf, sollte die Generalversammlung entscheiden können.

Auch die Firma Schindler kennt Stimmrechtsbeschränkungen. Alfred N. Schindler hat vor einigen Monaten erklärt, er werde im Falle eines Ausstiegs der Familien dafür sorgen, dass alle Aktionäre ein Angebot erhielten. Wäre das eine faire Lösung?

Kaufmann: Ich vertraue Alfred Schindler, dennoch wird es kaum auf Dauer so bleiben. Die Frage für uns ist, wie es seine Nachfolger künftig handhaben. Der Vater der heutigen Burkard-Erben, Romuald, hat das auch gesagt: «Ich bin treu mit meinem Unternehmen.» Und jetzt ist es anders gekommen.

Welchen Ausgang wünschen Sie sich bei Sika?

Kaufmann: Dass die Familie eine faire Vereinbarung mit dem Verwaltungsrat trifft, die Saint-Gobain aussen vor lässt. Der Verwaltungsrat hat mehrere Vorschläge gemacht. Ich bin sicher, dies könnte etwas Positives bringen für die Familie und das Unternehmen. Eine grosse Mehrheit des Kapitals wäre sicher bereit, eine Kapitalerhöhung mitzumachen, um die Aktien der Familie zu kaufen und eine Einheitsaktie bei Sika einzuführen.

Hinweis

Vincent Kaufmann (35) trat 2004 als Corporate-Governance-Analyst bei Ethos ein und wurde später Deputy of Corporate Governance. Seit 2013 ist er Vizedirektor von Ethos.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.