SCHWEIZ/CHINA: Chinas Uhren ticken anders

Ängste vor einer Krise in China sind für den Chef der Handelskammer Schweiz-China unbegründet. Im Interview erklärt Schindler-Manager Kurt Haerri auch, wieso er Missionieren in der Menschenrechtsfrage als falsches Rezept betrachtet.

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Schweizer Uhren sind in China ein begehrtes Gut: Plakatwerbung in der Stadt Chongquing. (Bild: Keystone/Daniel Rosenthal)

Schweizer Uhren sind in China ein begehrtes Gut: Plakatwerbung in der Stadt Chongquing. (Bild: Keystone/Daniel Rosenthal)

Kurt Haerri, das Freihandelsabkommen mit China wird von Behörden und Wirtschaft als Meilenstein gefeiert. Jetzt häufen sich Nachrichten über eine schwächelnde chinesische Wirtschaft. Folgt auf die Euphorie schon die Ernüchterung?

Kurt Haerri*: Wir machen häufig den Fehler, dass wir die chinesische Wirtschaft wie eine westliche Marktwirtschaft beurteilen. Und vernachlässigen, dass die chinesische Wirtschaft nach wie vor stark staatlich gelenkt ist. Die Entwicklung Chinas verläuft nicht nach unserer ökonomischen Logik.

Dann ist die Abschwächung des Wirtschaftswachstums kein Grund zur Beunruhigung?

Haerri: Nein, was jetzt abläuft, ist so geplant gewesen. Es entspricht genau dem zwölften 5-Jahres-Plan von 2011.

Also ein gezieltes Bremsmanöver?

Haerri: Die chinesische Wirtschaftspolitik hat zwei Hauptziele. Erstens Wachstum, um jedes Jahr 20 Millionen Menschen aus der Armut in einen qualifizierten Arbeitsprozess zu führen. Und zweitens Reformen. Für die neue Regierung sind jetzt die Reformen und nicht mehr das Wachstum zuoberst auf der Prioritätenliste.

Was heisst das konkret?

Haerri: Das Ziel der Reformen ist es, die Abhängigkeit vom Export und von den Investitionen zu reduzieren und den Binnenmarkt zu stärken. Dieser Umbau ist in den jüngsten Wachstumszahlen klar sichtbar. Der Einzelhandel ist signifikant gewachsen, während sich die Zunahme der Ausfuhren und der Investitionen sowie die Kreditvergabe verlangsamt haben.

Hat sich diese Strategie unter der neuen Regierung akzentuiert?

Haerri: Ja, ganz eindeutig. Das kam im letzten Mai auch beim Besuch von Ministerpräsident Li Keqiang in Zürich zum Ausdruck. Er machte indirekt deutlich, dass für das Erreichen der langfristigen Ziele auch ein jährliches Wirtschaftswachstum von knapp unter 7 Prozent genügt. China fokussiert zurzeit stark auf die Bereiche Umwelt, Gesundheit und Bildung.

Westliche Ökonomen werten die jüngste Entwicklung, die auch von Liquiditätsproblemen im Finanzsektor begleitet war, aber als Krisensignal.

Haerri: Sicher gibt es Probleme im Bankensektor und bei den chinesischen KMU, die unter starkem Preisdruck stehen und teilweise gewaltige Finanzierungsschwierigkeiten haben. Ich würde aber nicht von einer Krise, sondern von einer Gesundschrumpfung sprechen. Wachstum per se ist nicht mehr das Ziel.

Hat diese Entwicklung für die Handelspartner Chinas also auch positive Seiten?

Haerri: Es ist keine schlechte Entwicklung. Denn die Reformen betreffen auch die Kommunistische Partei selber. Wir spüren das auch bei der Handelskammer. Es kommt vermehrt vor, dass Besuche von chinesischen Delegationen kurzfristig abgesagt werden. Ein anderes Beispiel: Von den teuersten Restaurants in Peking, die auch von Parteifunktionären frequentiert wurden, haben in jüngster Zeit viele den Laden geschlossen.

Sie sprechen den Kampf gegen die Korruption an.

Haerri: Er hat absolute Priorität und steht zuoberst auf der Agenda der neuen Regierung. Sie will dem Eindruck der persönlichen Vorteilnahme und Bereicherung von Parteifunktionären mit Entschlossenheit entgegentreten.

Für die Luxusgüterindustrie hat das aber auch Nachteile.

Haerri: Kurzfristig ja. Als abschreckendes Beispiel gilt der entlassene Parteifunktionär, dessen Bild mit elf verschiedenen Schweizer Uhren am Unterarm im Internet zirkulierte und grosse Empörung auslöste.

Heisst das, dass sich die Schweizer Uhrenindustrie auf härtere Zeiten gefasst machen muss?

Haerri: Die Folgen der neuen Politik spiegeln sich in den Exportzahlen: Der Absatz von Schweizer Uhren in China ist im ersten Halbjahr um 19 Prozent gesunken. Die chinesische Luxusgütersteuer wird auch nach dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens beibehalten. Dennoch mache ich mir keine Sorgen um den Erfolg der Uhrenindustrie. Zum einen erfolgt der Rückgang auf einem sehr hohen Niveau. Zum anderen ist der Brand «Schweizer Uhr» in China derart stark, dass man fast nichts falsch machen kann.

Gilt das auch für die Uhrenverkäufe an chinesische Touristen in der Schweiz?

Haerri: Absolut. Hier muss ja keine Luxussteuer bezahlt werden, und die Kunden sind vor Fälschungen geschützt. Die chinesischen Touristen kommen vor allem nach Luzern und nach Interlaken, um Uhren zu kaufen. Hinzu kommt, dass der chinesische Tourismus langfristig ein gewaltiges Wachstumspotenzial hat.

Werden die Chinesen künftig die Schweiz auch als Individualtouristen und nicht nur in Gruppen bereisen?

Haerri: Es gibt einen starken Trend in diese Richtung. Zwei Hindernisse stehen dem Individualtourismus zurzeit noch im Weg. Erstens haben die wohlhabenden Leute oft mangelnde Englischkenntnisse. Wichtiger ist zweitens der Kampf der Regierung gegen die illegale Auswanderung. Für individuelle Auslandreisen braucht es in der Regel eine formelle Einladung von einer Firma oder einer Institution. Diese übernehmen dann die Verantwortung für eine reguläre Rückkehr.

Was sagen Sie den Vertretern von Nichtregierungsorganisationen, die bereits laut über ein Referendum gegen das Freihandelsabkommen nachdenken, weil die Menschenrechte im Vertragstext nicht erwähnt sind?

Haerri: Wir sollten unsere Möglichkeiten im Bereich der Menschenrechte nicht überschätzen. Missionarische Aktivitäten haben kaum Aussichten auf Erfolg. Den besten Beitrag, den die Schweiz zur Verbesserung der Menschenrechtssituation leisten kann, ist, das Land in seinen Bemühungen zu einem nachhaltigen Wachstum zu unterstützen. Wenn es den Menschen wirtschaftlich besser geht, folgt der Reformdruck von innen. Das ist bereits heute der Fall.

Fürchten Sie sich vor einem Referendumskampf?

Haerri: Nein. Denn die grossen Vorteile des Abkommens sind offensichtlich. Es wäre aber eine Belastung für unsere Beziehungen mit China. Das Atmosphärische spielt für die Chinesen eine zentrale Rolle. Ein China-Bashing mit Blick auf eine Volksabstimmung wäre fatal. Ich vergleiche das mit dem Fussgänger, der am Fussgängerstreifen den Vortritt erzwingt und von einem Auto überfahren wird. Der Fussgänger ist zwar formal im Recht, aber er ist tot. Europa würde uns auslachen, wenn wir dieses Abkommen scheitern liessen.

Hinweis

* Kurt Haerri (51) ist seit 2006 Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-China. Der Bauernsohn aus dem aargauischen Birrwil ist seit 1987 für den Schindler-Konzern tätig, davon während sieben Jahren in China. Heute leitet er den Bereich Global Marketing & Sales.