Shopping-Zukunft
Schweizer Banken wollen das Bargeld abschaffen

Mit einer neuen App wollen Banken ihre Kunden zum bargeldlosen Bezahlen erziehen. So, dass wir überhaupt kein Bargeld mehr brauchen. Was in Schweden längst funktioniert ist hierzulande ein Problem: Denn die Schweizer hängen an ihrem Bargeld.

Sabina Galbiati
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Bezahlen mit Bargeld: Bald ein Bild der Vergangenheit?

Bezahlen mit Bargeld: Bald ein Bild der Vergangenheit?

Keystone

Man sitzt zu dritt oder viert im Restaurant, Pizza und Tiramisu sind gegessen; der Wein ist getrunken. Die Rechnung kommt. Alle beginnen mühsam das Geld zusammenzukramen, weil keiner die Rechnung übernimmt.

Der eine hat nur eine Hunderternote bei sich, der andere nur die Kreditkarte. Den Rest kann man sich denken. Ähnliche Szenen kennen wir von Kinokassen oder Ferienbuchungen.

Virtuelles Konto: So funktionierts

Hat der Kunde ein Konto bei einer Bank, die sich an der App beteiligt, kann er sich die App der Bank auf sein Smartphone herunterladen. In der App kann der Kunde das Bankkonto wählen, mit dem er sein virtuelles Konto auf dem Handy auflädt. Beteiligt sich die Bank des Kunden noch nicht an der App, kann der Kunde eine bankneutrale App herunterladen und das virtuelle Konto mit seiner Kreditkarte aufladen. Will er zu einem späteren Zeitpunkt seinen Anteil an einer Taxifahrt mit Freunden oder einem Essen mit Bekannten bezahlen, öffnet er die App, wählt die Funktion «Senden», tippt die Handynummer des Freundes und den Betrag ein; schreibt optional eine Nachricht und bestätigt das Senden. Sein Freund erhält das Geld auf sein eigenes App-Konto und kann, wenn er will, den Betrag auf sein Bankkonto überweisen oder im virtuellen Konto für spätere Zahlungen belassen. Umgekehrt kann man bei seinen Kontakten mit der Funktion «Anfordern» Geld verlangen. Die Transaktionslimite liegt bei 500 Franken pro Tag und Monat und 5000 Franken pro Jahr. Eine Aktivitätenliste zeigt alle getätigten Transaktionen an. Die App ist mit einem Code geschützt, der nur dem Kunden bekannt ist. Sollte er das Handy verlieren oder es ihm gestohlen werden, muss er seinen Account telefonisch schliessen. Sollte der Code durch unvorsichtiges Handeln des Kunden dem Verbrecher zugänglich werden, ist der maximale Schaden auf 500 Franken beschränkt. (gal)

Wie wäre es aber, wenn einer bezahlt und die anderen überweisen ihm ihren Betrag fürs Kinobillett ad hoc mit dem Smartphone?

Mit einer App (siehe Box) will SIX Payment Services in Zusammenarbeit mit grösseren Schweizer Banken diesen Service ermöglichen. Starttermin ist auf Ende 2014 geplant.

Die App, mit der Freunde und Bekannte untereinander Rechnungen begleichen können, ist ein erster Schritt – wenn auch noch in Kinderschuhen – mit denen Schweizer Banken sich fit machen wollen für eine bargeldlose Zukunft.

Das Problem: Schweizer lieben Bargeld. Im Vergleich zur Kreditkarte oder Debitkarte ist es die günstigere Alternative. Kommt hinzu, dass man in der Schweiz problemlos Bargeld beim Automaten abheben kann.

Für die Kunden ist das sehr attraktiv, für Banken überhaupt nicht. Denn mit Bargeld verdienen sie kaum Geld. Die App soll die Leute ans schnelle und bargeldlose Bezahlen gewöhnen.

Bezahl-Dschungel verunsichert

Gegenspieler der Banken ist nicht nur der Kunde als Gewohnheitstier. Immer mehr Onlinegiganten wie Amazone, Google oder Paypal, aber auch Mobilfunkanbieter wie Swisscom grasen den Banken bei Bezahl-Dienstleistungen via Internet den Markt ab. Von einem Umbruch mit disruptiver Kraft ist die Rede.

Will heissen: «Die digitalen Medien zusammen mit dem Internet erschaffen ganz neue Wirtschaftsunternehmen», sagt Katja Rost, Soziologieprofessorin an der Uni Zürich.

«Diesen Umbruch kann man vergleichen mit der industriellen Revolution, als die Dampfmaschine massentauglich wurde.» Die Buch- und Musikindustrie hat uns gezeigt, welche Veränderungen des Marktes möglich sind.

«Kodak, einstiger Marktleader in der Fotografie, hat den digitalen Wandel verschlafen und ging ein.» In der Bankenwelt ist es noch lange nicht so weit.

«Ich erwarte nicht, dass Google in nächster Zeit eine Bank eröffnet, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass sie ihre Finanzdienstleistungen vor allem im Zahlungsbereich ausbauen werden», sagt Andreas Dietrich, Bankprofessor an der Universität Luzern.

Derzeit herrsche beim mobilen Zahlen mit Handy oder Tablet noch ein Wirrwarr, das die Kunden verunsichere, sagt Dietrich. Internetdienste, Mobilfunkanbieter, Kreditkarteninstitute und Banken tüfteln alle an ihren mobilen Bezahlsystemen.

So bekommt der Kunde schnell das Gefühl, er brauche für den Pizzaservice, Coop, Manor und den Kiosk eine eigene Bezahl-App. «Das ist aus Sicht des Konsumenten unsinnig, denn er nutzt ein Angebot nur, wenn er damit schneller und einfacher bezahlen kann als mit Kreditkarte oder Bargeld», so Dietrich.

Er hat eine Umfrage gemacht zum mobilen Bezahlen. Die Antworten zeigen, dass die Konsumenten mit dem Angebot an Bezahlmöglichkeiten noch überfordert sind.

Auf lange Sicht wird sich der Dschungel jedoch lichten. «Ich schätze, dass sich vielleicht zwei Anbieter von mobilen Bezahlsystemen durchsetzen.»

Das werden mit grosser Wahrscheinlichkeit jene sein, die das beste virtuelle Portemonnaie fürs Handy anbieten. «Dort werde ich alle Daten meiner Kundenkarten und Kreditkarten abgespeichert haben.»

Die Schweden machens vor

Und wo wollen die Schweizer Banken hin mit ihrer neuen App? Langfristig sollen Kunden auch Kleinstbeträge an den Händler bezahlen können.

Dem Taxifahrer oder der Marktfrau am Gemüsestand schickt man das Geld aufs Geschäftshandy; im Kleidergeschäft tippt man statt der Telefonnummer einen Code an der Kasse als Empfänger ein. Das sei aber noch Zukunftsmusik, hiess es an der Medienkonferenz diese Woche in Zürich.

Wie sie klingen mag, diese Musik, zeigt Schweden. Dort ist das Bargeld schon teurer als mobiles Zahlen. Selbst Kaugummis oder Zeitungen werden digital bezahlt. Bargeldautomaten gibt es kaum mehr.

«Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren Schweden eingeholt haben», sagte Niklaus Santschi, CEO der SIX Payment Services. «Technisch wären wir bereits in wenigen Monaten so weit wie Schweden.»