Tourismus
Schweizer Bergbahnen kämpfen ums Überleben – der nahende Winter ist ein Problem

2452 Seilbahnen, Skilifte und Sesselbahnen gibt es in der Schweiz. Davon stehen 572 im Wallis, 510 in Graubünden, 403 im Kanton Bern und 344 in der Zentralschweiz. Nun wollen die Bergbahnen das schwächere Sommergeschäft stärken, weil im Winter die Erträge wegbrechen.

Roman Seiler
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Erst der schneearme Winter, dann ein nasskalter Frühling und Frühsommer: Es dauerte gut sechs Monate, bis Petrus ein Einsehen hatte. Erst seit Juli spielt das Wetter in die Karten der Schweizer Bergbahnen. Dennoch transportierten sie zwischen Mai und August fast gleich viele Gäste wie im extrem warmen Sommer 2015. Ueli Stückelberger, Direktor des Seilbahnen-Verbands: «Der Umsatz und die Frequenzen dürften in etwa gleich ausfallen wie im letzten Jahr.»

Die Sommersaison der schweizer Bergbahnen

Die Sommersaison der schweizer Bergbahnen

Nordwestschweiz

Allerdings generieren die Bergbahngesellschaften im Sommer nur rund einen Fünftel ihrer Verkehrserträge. Im Wintergeschäft schrumpfen die Umsätze schweizweit, vorab wegen der Frankenstärke, sagt Stückelberger: «Daher reisen weniger Touristen aus dem Euroraum in die Schweiz. Zudem fahren etliche Schweizer deswegen vermehrt in Österreich oder Frankreich Ski.» Die Branche erwirtschaftete im letzen Winter noch 660 Millionen Franken. Das waren acht Prozent weniger als in der Vorjahressaison.

Der Finanzchef der Weissen Arena Gruppe in Flims, Falera und Laax räumt im Geschäftsbericht ein: «Im Moment ist es sehr schwierig, in unserem Kerngeschäft Geld zu verdienen.» Roland Zegg, Tourismusexperte von Grischconsulta, sagt: «Die Einbussen im Wintergeschäft sind dramatisch. Die Schweizer Skigebiete müssen sich vollständig neu ausrichten und brauchen neue Gäste aus neuen Märkten.»

Entwicklung der Wintersaison

Entwicklung der Wintersaison

Nordwestschweiz

Weniger Pistenkilometer-Bolzer

Nicht nur wegen des starken Frankens würden Fernmärkte wie die Golfstaaten, USA und Asien wichtiger. Auch die Demografie spiele mit: «In Deutschland, Frankreich, Italien, aber auch der Schweiz steigt die Zahl der Senioren.» Dies bedinge eine entsprechende Anpassung des Angebots. Skifahren bleibe zentral. Aber von Pistenkilometer-Bolzern allein können die Bergbahnen nicht mehr leben. Daher müssten sie beispielsweise auch Schneeschuhlaufen oder Trottinett-Fahrten möglich machen, für Biker Trails bauen und für Liebhaber von Abenteuersportarten attraktiver werden.

Zudem sollten Bergstationen Ausflugsziele sein – für Naturliebhaber, aber auch für Geniesser guter Kulinarik. So befördert die Stockhornbahn im Simmental laut Stückelberger keine Skifahrer mehr, sondern nur Gäste, die das Gastroangebot auf dem Gipfel nutzen. Auf dem Niesen im Berner Oberland werden kulturelle Veranstaltungen organisiert. «Das bringt spürbar mehr Frequenzen», so Stückelberger.

Weil der Winter schwächelt, muss die Sommersaison gestärkt werden, sind sich Berater Zegg wie Verbandsdirektor Stückelberger einig. Einfach wird das nicht, wie der Geschäftsverlauf der Branche seit Mai belegt. So sind laut Zegg die Durchschnittspreise in diesem Sommer gesunken, weil Bergbahnen vermehrt Gäste mit Pauschalangeboten oder günstigen Spezialabonnements befördern. Rege benützt wird unter anderem das Angebot für Kunden der Grossbank UBS, bei 35 Bergbahnen ein Ticket für 10 Franken zu erhalten.

Von solchen Aktionen und dem guten Wetter profitieren aber nicht alle Regionen: Graubünden und die Zentralschweiz liegen im Minus (siehe Grafik). Bahnen im Berner Oberland setzen weniger um, obwohl sie mehr Leute befördern.

Die Widersprüche haben mit der Gästestruktur zu tun:

  • Das Berner Oberland und das Wallis seien gegenüber Graubünden besser aufgestellt, weil sie mehr Gäste aus Ferndestinationen hätten, sagt Zegg: «Graubünden hat weiterhin neben den Schweizer Gästen vor allem Touristen aus Deutschland und Italien.» Zudem bekomme Graubünden stärker als andere Regionen die Abwanderung von Gästen in günstigere Destinationen in Österreich oder in Südtirol zu spüren.
  • Die Zentralschweiz hingegen ist stark betroffen vom Rückgang des Ferntourismus aus Asien. «Terrorängste und neue Visa-Auflagen halten diese Gäste teilweise fern aus Europa», sagt Zegg. Weniger Gäste aus Asien hätten auch die Jungfraubahnen, sagt Stückelberger: «Allerdings ist deren Umsatzanteil, wenn man das gesamte Berner Oberland betrachtet, bedeutend kleiner als derjenige der Titlis-Bahnen in der Zentralschweiz.»
  • Destinationen, die viele Schweizer Gäste und Tagesausflügler anziehen wie Adelboden-Lenk oder die Flumserberge gehe es relativ betrachtet gut, sagt Stückelberger. Doch auch anderswo werden inländische Gäste für Bergbahnen wichtiger. Deshalb fördere der Branchenverband Schneesportlager von Schulen stark, um Jugendliche zu motivieren, Ski zu fahren.

Schliessungen sind selten

Was es erstaunlicherweise kaum gibt, sind Schliessungen. Denn ohne Bahn verliert ein Ort massiv an touristischer Attraktivität. Daher ist die Gesellschaft gerade in kleinen Tourismusorten wie Vals «too big to fail». Hier zahlte die Gemeinde eine halbe Million Franken, um den Verlust der Bahn im Geschäftsjahr 2015/2016 zu begrenzen. Andernorts sprangen Mäzene ein: So half die griechische Reederfamilie Niarchos, die Lagalp-Bahn im Oberengadin zu retten. In Gstaad schossen Milliardäre wie Ernesto Bertarelli und André Hoffmann Geld ein.

Dennoch kämen gewisse Bergdestinationen nicht darum herum, zu prüfen, ob sie Teilgebiete schliessen wollen, sagt Stückelberger. Denn die Kapazitäten der Bahnen sind heute auf wenige Spitzentage ausgelegt. Daher räumt der Chef der Weissen Arena Gruppe, Reto Gurtner, ein: «Unser Skigebiet ist heute zu gross.» Er fragt sich , ob alle Anlagen offen sein müssen, wenn sich nur wenige Leute im Gebiet aufhalten.