Einreisesperre
Schweizer Firmenchefs im Trump-Dilemma

Die beiden Basler Pharmaunternehmen Roche und Novartis äussern sich klar zum Einreise-Dekret des neuen US-Präsidenten. Andere wiegeln ab.

Fabio Vonarburg und Renzo Ruf
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Donald Trump als Bedrohung für die Pharmabranche? Mehr und mehr Unternehmen wehren sich (rechts der Roche-Turm in Basel).Montage: Marco Tancredi

Donald Trump als Bedrohung für die Pharmabranche? Mehr und mehr Unternehmen wehren sich (rechts der Roche-Turm in Basel).Montage: Marco Tancredi

Um 15.36 Uhr stand die Novartis-Aktie gestern auf dem Tagestiefpunkt. Was war passiert? Donald Trump traf sich mit Vertretern der Pharmabranche in Washington. Mit dabei war auch Novartis-Konzernchef Joseph Jimenez.

Trump sagte zur versammelten Pharmagilde, er erwarte von der Geschäftswelt branchenspezifische Zugeständnisse. Seine erste Forderung: Die Arbeitgeber sollen in den USA neue Produktionsstätten bauen. Trumps zweite Forderung: Er verlangt von den Medikamentenherstellern, dass sie die Preise senken, die sie den staatlichen Krankenkassen Medicare und Medicaid für ihre Produkte verrechneten. In Trumps Worten: «Wir haben keine Wahl. Wir müssen die Preise stark drücken.»

Geschäftstermine platzen

Nach den deutschen Autobauern passiert es nun auch bei den Pharmariesen wie Roche und Novartis. Kaum hat er sein Amt angetreten, möchte der neue US-Präsident bereits einen massiven Einfluss auf die Geschäftstätigkeit von international tätigen Unternehmen ausüben. Kommt hinzu, dass Donald Trump am vergangenen Wochenende auch eine Einreisesperre gegen Bürger aus sieben Ländern ausgesprochen hat und damit auch Geschäftstermine in den USA platzen liess.

Die meisten von der «Nordwestschweiz» angefragten Schweizer Unternehmen üben sich in Zurückhaltung, wenn es um die Bewertung Donald Trumps jüngstem Dekret geht. Erst einmal ein paar Tage abwarten, so lautet der Grundtenor. «Nestlé verfolgt die globale Situation grundsätzlich sorgfältig und gibt ihren Mitarbeitern entsprechende Reise- und Sicherheitshinweise», heisst es aus der Zentrale des weltgrössten Nahrungsmittelherstellers. Man habe keine Anhaltspunkte, dass es bislang irgendwelche Probleme gab. Auch der Bieler Uhrenhersteller Swatch spürte noch keine Auswirkungen der Regeln: «Sich Sorgen machen bringt nichts», heisst es. Und die Zurich Versicherung gibt bekannt: «Sollten Mitarbeitende von der Einreisesperre betroffen sein, erhalten sie die nötige Unterstützung.» Zudem halte die Zurich die Anzahl Geschäftsreisen schon lange auf dem absoluten Minimum. Dies durch
den «Einsatz von Audio-, Video, Web-und Telekonferenzen».

Versicherung zeigt sich kulant

Für praktisch alles kann man sich versichern, aber nicht gegen die Folgen der Taten von US-Präsident Donald Trump. So sind auch die Kosten nicht gedeckt, die bei Iranern, Syrern, Somaliern, Sudanesen, Irakern, Libyern und Jemeniten anfallen, weil sie wegen Trumps Dekret nicht in die USA einreisen können. Die erste Schweizer Versicherung hat nun reagiert: Die AXA Winterthur teilte gestern mit, dass man die Kosten übernehmen werde, obwohl ein solches Ereignis gemäss den Allgemeinen Versicherungsbedingungen nicht gedeckt sei. «Angesichts der unerwarteten Ereignisse, auf die unsere Kundinnen und Kunden keinerlei Einfluss haben, möchten wir aber möglichst unkompliziert helfen und weiten deshalb die Deckung entsprechend aus», sagt Markus Müllhaupt von der AXA Winterthur.

Auch die Fluggesellschaft Swiss zeigt sich kulant. Wer von der Einreisesperre betroffen ist und dadurch seinen Flug in die USA nicht antreten darf, kann seinen Flug einmal umbuchen, teilt Swiss der «Nordwestschweiz» mit. Der späteste Reisetermin dieser Umbuchung ist derzeit auf den 31. Juli festgesetzt, wobei sich dieser je nach politischer Entwicklung in den USA noch verändern könne. (fvo)

Pharmariesen kritisieren Dekret

Doch es gibt sie, Schweizer Unternehmen, die Stellung beziehen. Am offensivsten kommentiert die Basler Pharmabranche das Dekret. Sowohl Roche wie auch Novartis stärken ihren Mitarbeitenden den Rücken. Novartis schreibt: «Wir stehen voll und ganz hinter unseren Mitarbeitenden aller Nationalitäten und Religionen.»

Ähnlich äussert sich der zweite Basler Pharmariese Roche. Mediensprecher Patrick Barth: «Wir streben danach, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem alle Mitarbeitenden unabhängig von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung oder Religion ihren Beitrag leisten und ihr Potenzial ausschöpfen können.» Roche ist in über 100 Ländern aktiv, Novartis in über 140. Dementsprechend müssten ihre Mitarbeitenden ihr Wissen und ihre Fähigkeiten dort einsetzen können, wo sie benötigt würden. «Wir beschäftigen hochqualifizierte Talente und verlassen uns darauf, dass diese an unseren weltweiten Standorten arbeiten können», so der Roche-Sprecher.

Google-Gründer an Demonstration

Trump hat mit seinem Dekret dafür gesorgt, dass dies vorerst nicht mehr möglich ist, und wurde dafür teils harsch kritisiert. Bill McDermott, der Chef des deutschen Softwareherstellers SAP, schrieb in einem
E-Mail an seine Mitarbeiter: «Wir werden unsere Menschenrechte gegenseitig verteidigen und jeden Versuch zur Diskriminierung auf jedweder Grundlage zurückweisen.» Auch Reed Hastings, CEO des Streamingdienstes Netflix, meldete sich zu Wort: «Durch Hass und den Verlust von Verbündeten wird Amerika unsicherer. Eine sehr traurige Woche.» Und Dropbox-CEO Drew Houston sagte, «Massnahmen, die die Schwächsten betreffen, sind unamerikanisch.» Es war aber GoogleMitgründer Sergey Brin, der das klarste Statement ablegte. Er nahm am Flughafen San Francisco an einer Demonstration teil.

Zurück zum Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und der Pharmabranche. Die Vertreter der Medikamentenhersteller liessen es nicht dabei, sich die Forderungen von Trump anzuhören, sondern versuchten ihrerseits, dem USPräsidenten Zugeständnisse abzuringen. So nutzte auch Novartis-Chef Joseph Jimenez seine Chance. Er sagte zu Trump: «Uns würde es helfen, wenn der Steuerfuss gesenkt würde. Das wäre eine massive Hilfe.» Eine Aussage, die Trump keinesfalls überraschte. Er gab zurück: «Das haben wir vor.» Zudem versprach der Präsident erneut, dass er den Unternehmern entgegenkommen und Dutzende oder Hunderte von Aufsichtsbestimmungen und Vorschriften streichen werde.

Gegen Börsenschluss haben sich die Novartis-Aktien leicht erholt. Insgesamt waren die Pharmatitel mitverantwortlich, dass der Leitindex SMI gegenüber dem Vortag an Wert einbüsste. Die allgemeine Stimmung leide unter Befürchtungen
um mögliche weitere disruptive Entscheidungen der neuen US-Regierung, hiess es
am Schweizer Aktienmarkt.