Interview

Schweizer Wirtschaftsführer appelliert an Firmenchefs: «Jetzt keine Leute entlassen!»

Walter Kielholz, 69, ist als Präsident des Rückversicherers Swiss Re von Berufs wegen ein Risikospezialist. Im Interview erklärt er, warum auf den Absturz der Wirtschaft eine «mächtige Gegenbewegung» folgen wird – und weshalb zurzeit die Virologen und Epidemiologen zu viel Einfluss haben.

Patrik Müller
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Für einen Mann wie Walter Kielholz, der seit einem Vierteljahrhundert die Geschicke von Swiss Re bestimmt, ist jede Krise relativ – sogar die Coronapandemie: «Wäre ich 1914 Konzernchef geworden, hätte ich in diesem Zeitraum zwei Weltkriege erlebt – und die grosse Depression.» Seine Analyse der aktuellen Lage ist schonungslos und zugleich von Zuversicht geprägt. Auch, was den Systemwettbewerb zwischen der Demokratie und autoritären Staaten betrifft.

«Es ist ein gutes Zeichen, wenn Leute es wagen, den Bundesrat oder gar Herrn Koch zu kritisieren»: Walter Kielholz, Präsident der Swiss Re.

«Es ist ein gutes Zeichen, wenn Leute es wagen, den Bundesrat oder gar Herrn Koch zu kritisieren»: Walter Kielholz, Präsident der Swiss Re.

Sandra Ardizzone / SON

Ich erreiche Sie telefonisch am Hauptsitz der Swiss Re in Zürich. Wie viele Leute arbeiten vor Ort?

Walter Kielholz: Normalerweise sind hier am Mythenquai 2500 Leute am Arbeiten, zurzeit pro Tag noch 30 bis 50. Das Arbeiten von zuhause aus funktioniert hervorragend.

Swiss Re ist einer der internationalsten Konzerne. Ist Ihr Geschäft ohne Reisetätigkeit, ohne Fliegen machbar?

Wir haben die Reisetätigkeit sehr früh eingeschränkt. Ich beobachtete das mit Skepsis. Doch zum Glück hat unser Group Chief Operating Officer nicht auf mich gehört... Dank ihr müssen wir jetzt nicht reihenweise Leute in der ganzen Welt einsammeln.

Wenn die Pandemie vorbei ist: Wird das Reisen auf deutlich tieferem Niveau bleiben?

Das glaube ich nicht. Der Drang, einander zu sehen und zu treffen, ist sehr menschlich. Auch bei jungen Leuten.

Als Swiss-Re-Präsident sind Sie Risiko-Spezialist von Berufs wegen. Lässt sich in irgendeiner Form abschätzen, wann die Welt wieder in den Normalzustand gehen wird?

Das wird erst dann der Fall sein, wenn ein Impfstoff vorliegt. Vorher gibt es wohl wirksamere Medikamente, welche die Symptome bekämpfen. Aber der entscheidende Punkt, das»End Game», ist der Impfstoff, den man zuerst bei Risikogruppen und dann beim medizinischen Personal und schliesslich bei möglichst allen Menschen einsetzen wird.

Wann erwarten Sie dieses «End Game»?

Frühestens im ersten Quartal 2021. Der Impfstoff muss dann sehr schnell in Massenproduktion gehen können, aber das halte ich für kein grosses Problem. Er muss davor einfach breit getestet worden sein, kein Pfusch, damit die Bevölkerung das Vertrauen hat und sich impfen lässt.

In diesem Moment ist der Schrecken vorbei? Auch der wirtschaftliche?

Ja, ein Impfstoff löst das Problem – denn er eliminiert die Angst.

«Solange die Angst da ist, kann die Politik zwar Einschränkungen im öffentlichen Leben verhängen, aber die wirtschaftliche Misere wird erst mit einem Impfstoff beendet sein.»

Dann ist alles wieder gut?

Nicht sofort, aber der wirtschaftliche «Bounce back», also die Rückkehr des Wachstums, wird sehr schnell geschehen. Es gibt Nachholbedarf: Die Leute wollen wieder konsumieren, sie wollen wieder reisen. Ich gehe von einer mächtigen Gegenbewegung aus.

Ein eigentlicher Rausch?

Nicht überall. Restaurants, Hotels oder Airlines werden den Aufschwung so nicht spüren – die Kunden holen nicht doppelt und dreifach nach, was sie verpasst haben.

Was passiert in den neun bis zwölf Monaten, bis der Impfstoff da ist?

Solange die Angst dominiert, schreien viele nach noch härteren Massnahmen – und wer diese fordert, bekommt Applaus. In manchen Ländern ertönt der Ruf nach dem starken Mann. Diese Krise könnte autoritäre Tendenzen verstärken.

Sprechen Sie auch von der Schweiz?

Ich habe den Eindruck, dass bei uns die kritische Auseinandersetzung auch in Krisenzeiten funktioniert. In den Zeitungen treten Leute auf, die den Bundesrat oder gar Herrn Koch zu kritisieren wagen, das ist ein gutes Zeichen. Nur die SRG ist nach wie vor unkritisch. In der Schweiz sehe ich eher die Gefahr, dass quasireligiöse Strömungen Auftrieb erhalten.

Wie meinen Sie das?

Es kommt die Stunde der Vereinfacher. Rechte sagen, man müsse die Grenzen gleich für immer dicht machen – sie ignorieren, dass sie im Spital von Ausländern und Grenzgängern behandelt werden. Grüne freuen sich, dass nicht mehr geflogen wird. Und für die Linken steht der Schuldige sowieso fest: Der Kapitalismus hat versagt! So kocht jeder sein Süppchen. Die liberalen Kräfte müssen dagegen halten.

Wie kommen wir über die Zeit, bis der Impfstoff vorhanden ist?

Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr von der Universität Zürich verwendete einen interessanten Begriff: Man müsse die Wirtschaft «einfrieren». Unsere Unternehmen und die Wirtschaftsstrukturen sind eigentlich gesund. Friert man sie ein, kann man sie – hoffentlich möglichst intakt – wieder auftauen, wenn die staatlichen Einschränkungen aufgehoben sind.

Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Von allein geht das natürlich nicht. Entscheidend ist der Schutz der Arbeitsverhältnisse. Kommt jetzt eine Welle von Kündigungen, geht es nach dem Ende des Stillstands viel zu lange, bis die Wirtschaft wieder bereit ist.

«Kurzarbeit hilft hier enorm. Firmen sollten jetzt keine Leute entlassen. Die Haushalte müssen in der Lage sein, ihre Lebenshaltungskosten zu finanzieren.»

Die Kosten dafür sind enorm. Widerstrebt Ihnen als Liberalem diese staatliche Überbrückung?

Nein, genau dafür ist Kurzarbeit da, und dafür haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber in all den Jahren Abgaben bezahlt. Avenir Suisse schätzt die Kosten für Kurzarbeit pro Monat auf etwa 7 Milliarden Franken. Das ist enorm viel Geld, verhindert aber grössere Schäden. Den Kurzarbeits-Topf kann man dann wieder auffüllen, wenn die Krise vorbei ist.

Trotz Kurzarbeit ist die Arbeitslosigkeit stark gestiegen. Was ist zu tun, damit wir nicht, wie die USA, in Massenarbeitslosigkeit hineinlaufen?

Wir sehen jetzt, was das Instrument der Kurzarbeit wert ist. Als Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft habe ich Kontakt zu Museen in den USA. Da haben einige Museen von einem Tag auf den anderen viele Mitarbeiter entlassen. Den Museen fehlen die Einnahmen, also konnten sie die Löhne nicht mehr zahlen. Wenn sie dann wieder öffnen, wird es ein riesiger Aufwand sein, die Leute wieder anzustellen. Solche Absurditäten sind bei uns nicht möglich.

Langfristig könnte bei uns dasselbe passieren, wenn alles geschlossen bleibt.

Bei uns kann der Kulturbetrieb – zumindest Theater und Oper – die laufende Saison 2019/20 aus heutiger Sicht wahrscheinlich weitgehend abschreiben. Im September gehts dann wieder los; so lange kann man finanziell überbrücken. Es gibt sicher Branchen, die noch länger leiden werden: Reisen, Gastronomie, Hotellerie und so weiter. Aber indem man die Wirtschaft nach und nach wieder öffnet, entlastet man das System.

Walter Kielholz, 69, machte Karriere in der Finanzindustrie, war Hauptmann im Militär und ist kritisches Mitglied der FDP.


Walter Kielholz, 69, machte Karriere in der Finanzindustrie, war Hauptmann im Militär und ist kritisches Mitglied der FDP.

Sandra Ardizzone / SON

Fordern Sie die baldige Eröffnung von Geschäften?

Warum beispielsweise Juweliergeschäfte oder Möbelhäuser geschlossen bleiben müssen, leuchtet mir nicht ein. Unter Einhaltung der Hygienevorschriften könnten sie den Betrieb wieder aufnehmen. Das gilt auch für andere Geschäfte, etwa Kleiderläden. Die Sommermode muss bald weg. Vielleicht ist die Wiedereröffnung mit zusätzlichen Massnahmen verbunden, etwa der Maskenpflicht.

Virologen und Epidemiologen haben zurzeit viel Macht. Ist das richtig? Oder müssen bei der Frage des Lockdown-Endes andere Wissenschafter, etwa Ökonomen und Verfassungsrechtler, genauso viel zu sagen haben?

Die Experten aus der Medizin haben jetzt ihre «five minutes of fame». Entsprechend inszenieren sie sich. Ihr Wissen ist gefragt, aber zunehmend stellt sich die Frage: Wer regiert eigentlich das Land? Wer ist legitimiert, weitreichende Entscheidungen zu treffen?

«Gilt als Grundlage für diese Entscheidungen einzig die Meinungen von Virologen und Epidemiologen? Ich glaube, es setzt eine Gegenbewegung ein. Die Politik will wieder selber entscheiden.»

Ist das richtig?

Ja, denn der politische Prozess bezieht alle massgeblichen Bereiche mit in die Entscheidung ein. So ist das in einer Demokratie, auch wenn wir Krise haben.

Demokratien agieren meist langsamer als autoritäre Staaten. China hat die Pandemie mit rigorosen Massnahmen zurückgedrängt. Wird die Demokratie geschwächt aus der Coronakrise hervorgehen?

Welches System in dieser Situation besser funktioniert, lässt sich noch nicht sagen. Die bisherigen Erfahrungen sind widersprüchlich. China scheint relativ erfolgreich zu handeln. Aber schauen Sie sich andere autoritär regierte Staaten an, etwa den Iran: Ein Debakel. Sie können in Asien auch das relativ autoritäre Singapur mit Südkorea und Taiwan, die demokratisch sind, vergleichen: Sie alle sind mit der Pandemie gut fertig geworden.

Das grösste demokratische Land, die USA, haben die grössten Zahlen an Infizierten und Toten.

Ich warne immer davor, die USA zu unterschätzen. Sie entwickeln in Krisen oft unglaubliche Kräfte und auch Innovationen. Wir werden sehen, wer am Ende am erfolgreichsten ist in der nachhaltigen Bekämpfung des Coronavirus, und wo der Impfstoff zuerst entwickelt werden wird. Am Ende ist es vielleicht weniger eine System- als eine Vertrauensfrage.

Dort, wo die Bürger dem Staat vertrauen, wird das Virus wirksamer bekämpft?

Ja. Nehmen Sie Singapur. Dort waren keine Polizisten und Soldaten in den Strassen zu sehen, sondern die Kontrolle der Bevölkerung fand übers Smartphone statt. In Singapur geniessen die Behörden relativ hohe Glaubwürdigkeit, man»gehorcht» ihnen. Aus Italien hingegen, gewiss kein Überwachungsstaat, erreichen uns Bilder wie im Krieg, da muss das Militär die Ordnung sicherstellen. Dort sagten sich die Leute: «Von unserer Regierung haben wir schon viel Unfug gehört.» Darum haben sie den Anweisungen vor allem zu Beginn nicht wirklich Folge geleistet.

Und die Schweiz?

Hier ertönte zu Beginn der autoritäre Ruf: «Alle einsperren!» Der Bundesrat hat richtigerweise darauf verzichtet und an die Eigenverantwortung appelliert: «Bleibt zu Hause.» Und die allermeisten Leute verhalten sich offensichtlich vernünftig.

«Bei uns geniessen Regierung und Verwaltung hohes Vertrauen und hohe Glaubwürdigkeit.»

In China hat das Regime die Bevölkerung angelogen, indem es anfänglich das Virus verschwieg und dann kleinredete.

Demokratische Staaten sind in der Regel transparent, die Wahrheit kann nicht unterdrückt werden. Das ist die Kehrseite des angeblich so erfolgreichen chinesischen Systems: Dort wütete das Virus lange Zeit, ohne dass die Bevölkerung informiert worden wäre. So verloren die Behörden wertvolle Zeit, die Ausbreitung zu stoppen.

Die Pandemie fällt in die Schlussphase Ihrer langen Karriere als CEO und Verwaltungsratspräsident bei Swiss Re, wo Sie seit einem Vierteljahrhundert tätig sind. Was sind die grossen Linien der Veränderungen?

Es ist noch etwas früh, meinen eigenen Nachruf zu schreiben (lacht). Wenn ich die Welt von heute mit jener vor 25 Jahren vergleiche: Diese Veränderungen sind unglaublich. Als ich 1997 CEO wurde, standen die ersten PCs herum und viele fragten sich: «Was machen wir mit diesen Dingern?» Die technologische Revolution, die kurz darauf begann, ist beispiellos.

Welches waren die grössten Einschnitte in Ihrer Karriere in der Finanzindustrie?

Eine Zäsur waren sicher der 11. September 2001 mit den Anschlägen von New York und die Finanzkrise 2008/2009. Die Coronakrise wird oft mit der Finanzkrise verglichen. Ich sehe hier aber wenig Parallelen. Viel eher finden sich diese bei 9/11: Ein äusseres Ereignis, das die Realwirtschaft trifft – und auf der ganzen Welt Angst auslöst. Angst vor einem Gegner, den man nicht in den Griff bekommt. Damals den Terrorismus, jetzt dieses Virus. Beide in gewisser Form unsichtbar. Doch der Terrorismus wurde schliesslich zurückgedrängt, und das Virus wird besiegt werden.

Die Generalversammlung naht. Wird Swiss Re die Dividende wegen der Krise aussetzen?

Nein, wir halten am Dividendenantrag fest. Es gibt doch bei der Dividende immer zwei Seiten: Einer zahlt, einer bekommt sie. Viele Empfänger sind Pensionskassen, Sozialversicherungen oder Rentner - all diese schädigt man, wenn man nun die Dividende streicht. Was soll daran solidarisch sein?