SCHWINGEN: Nur die ganz Bösen kassieren

Vor vier Jahren hat man die Werbemöglichkeiten beim Schweizer Traditionssport gelockert. Wer morgen in Kilchberg gewinnt, kann weit mehr als einen Muni verdienen.

Ernst Meier
Drucken
Teilen
Schwingerkönig Matthias Sempach jubelt als Sieger des Schwingfestes vom 13. Juli 2014 in Savièse, Wallis. Sempach gehört zu den Grossverdienern in seinem Sport. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Schwingerkönig Matthias Sempach jubelt als Sieger des Schwingfestes vom 13. Juli 2014 in Savièse, Wallis. Sempach gehört zu den Grossverdienern in seinem Sport. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Schwingerkönig Matthias Sempach isst gerne Emmentaler, Kilian Wenger grüsst vom Jungfraujoch, und der Kilchberg-Sieger Christian Stucki fährt mit einem Iveco-Lastwagen vor. Die öffentliche Wahrnehmung der Schweizer Sägemehl-Champions hat sich in den letzten vier Jahren markant verändert. Nicht nur durch das Eidgenössische Schwingfest – das 2013 mit über 250 000 Besucher zum Volksfest wurde – hat der Sport enorm an Popularität gewonnen. Schwinger zieren heute vermehrt Plakatwände oder Zeitungsinserate.

Möglich gemacht hat dies der Eidgenössische Schwingerverband (ESV), der 2010 das Werbeverbot für Schwinger lockerte. Seither ist es den Athleten erlaubt, für Firmen oder deren Produkte und Dienstleistungen offiziell zu werben. Der ESV sicherte sich jedoch ein Mitspracherecht. «Jeder Werbevertrag eines Schwingers muss von uns abgesegnet werden. 10 Prozent des bezahlten Honorars sind dem Verband abzutreten», erklärt Rolf Gasser, ESV-Geschäftsleiter. Das Geld fliesst in die Nachwuchsförderung.

Werbegelder für 50 Schwinger

Wie viel Sempach, Wenger und Co. durch Werbeeinnahmen jeweils verdienen, bleibt geheim. Der Blick auf die ESV-Jahresrechnung gibt aber einen Einblick in das Sponsoringgeschäft. So hat der Verband durch die 10-Prozent-Regelung im Geschäftsjahr 2013 rund 130 000 Franken eingenommen. Folglich haben alle Schwinger zusammen 1,3 Millionen Franken Werbeeinnahmen erzielt. Laut Rolf Gasser verteilt sich das Geld auf knapp 50 Schwinger. Wolfgang Rytz, freier Sportjournalist und ehemaliger Chefredaktor des Branchenmagazins «Schlussgang», geht davon aus, dass die effektiven Werbeeinnahmen deutlich über den 1,3 Millionen Franken liegen. «Unklar ist, ob alle Schwinger ihre Verträge und die Werbeeinnahmen korrekt dem Verband vorlegen», sagt er.

Von den offiziell deklarierten Geldern gehe der Löwenanteil auf das Konto einer Handvoll Spitzenschwinger, ist Rytz überzeugt. Zu diesen Topverdienern zählt er die drei Könige Kilian Wenger, Matthias Sempach und Arnold Forrer sowie Kilchberg-Sieger Christian Stucki und Unspunnenfest-Gewinner Daniel Bösch. Der Blick auf den Internetauftritt der fünf Schwinger zeigt, dass diese von zahlreichen Geldgebern unterstützt werden. Darunter sind Grosskonzerne wie Toyota, John Deere oder SAP, aber auch Schweizer Firmen wie Bschüssig-Teigwaren und Raiffeisen.

1 Million für fünf Schwinger

Wolfgang Rytz schätzt, dass gegen eine Million Franken auf die fünf Topschwinger entfallen. Würde heissen, dass sich die restlichen 300 000 Franken des Werbekuchens auf zirka 45 Schwinger verteilen. «Viele Kranzschwinger haben einen Sponsor aus dem beruflichen Umfeld oder aus dem lokalen Freundeskreis», weiss Rytz. «Das sind Dorfmetzgereien, ein Restaurant oder eine Autogarage. Als Gegenleistung wird der Sponsor mit Logo auf der Trainingsbekleidung und dem Auto des Athleten aufgeführt.» Diese Schwinger würden dadurch jährliche Werbegelder zwischen 4000 und 10 000 Franken einnehmen. «Ein kleiner Zustupf, denn viele Schwinger haben ein professionelles Umfeld und trainieren 5- bis 7-mal pro Woche.»

Millionär dank Königstitel

Klar ist: Für die ganz bösen Schwinger hat sich die Lockerung der Werbevorschriften ausbezahlt. Kilian Wenger hat der Königstitel von 2010 bis heute über 1 Million Franken eingebracht, wie man in Schwingerkreisen weiss. Gleichzeitig weist man darauf hin, dass die Werbeverträge mit Gegenleistungen verbunden sind. Wenger muss zahlreiche Auftritte (Autogrammstunden, Podiumsgespräche usw.) wahrnehmen. Entsprechend hat er sein Arbeitspensum als Chauffeur und Fitnesstrainer auf 70 Prozent reduziert.

Der morgige Kilchberger Schwinget ist für die stärksten 60 Athleten nicht nur der sportliche Saisonhöhepunkt. «Das Fest ist die Chance auf lukrative Werbeverträge», sagt Cornel Züger von der Sportvermarktungsagentur Infront-Ringier in Zug. «Unspunnen, Kilchberger und das Eidgenössische – die drei Grossanlässe werden live im TV übertragen, der Sieger erhält schweizweit Medienpräsenz. «Eine 6-stellige Summe kann ein Schwinger mit einem Festsieg in Kilchberg über die nächsten Jahre mit Werbeverträgen verdienen», schätzt Cornel Züger.

Keine Profis im Schwingsport

Was beim Fussball die Fifa ist, heisst beim Schwingen ESV (Eidgenössischer Schwingerverband). Im Gegensatz zur Fifa hatte der ESV während Jahrzehnten aber kein Gehör für die Kommerzialisierung des Schwingsports. Ein lebenslängliches Werbeverbot für jeden Bösen war in den Statuten festgeschrieben. Wer dagegen verstiess, wurde bestraft. So zum Beispiel der dreifache Schwingerkönig Rudolf Hunsperger, der nach seinem Rücktritt für Herrenkleider Werbung machte oder zu einem Showkampf mit einem Bären antrat. Nachdem Schwingen bei der breiten Bevölkerung immer populärer wurde und es Schwingerkönig Jörg Abderhalden sogar zum Schweizer des Jahres 2007 brachte, lockerte der ESV die Vorschriften für die Athleten.

Auch Schwingfeste werden heute durch Sponsoren finanziert. In der Sägemehl-Arena bleibt Werbung aber verboten. Traditionellen Schwingfans geht die heutige Kommerzialisierung zu weit. «Wir wollen nicht wie beim Fussball enden», tönt es derweil.