SCHWYZ: «Totgesagte leben oft länger»

Der «Bote der Urschweiz» wurde über vier Generationen von der Schwyzer Familie Triner geführt. Nun hat ein Stiftungsrat das Sagen. Was verspricht sich die Familie davon?

Interview Rainer Rickenbach
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Hugo Triner, Verwaltungsratspräsident der Triner Medien Holding AG, am Sitz des Unternehmens in Schwyz. (Bild Pius Amrein)

Hugo Triner, Verwaltungsratspräsident der Triner Medien Holding AG, am Sitz des Unternehmens in Schwyz. (Bild Pius Amrein)

Interview Rainer Rickenbach

Hugo Triner, weil sich keine familieninterne Nachfolgelösung für den Verlag der Zeitung «Bote der Urschweiz» fand, haben Sie sich für eine Stiftung entschieden. Wie kamen Sie auf diese Rechtsform?

Hugo Triner: Eine herkömmliche familieninterne Lösung stand auch zur Diskussion. Wir haben uns dann aber wie die Messerherstellerin Victorinox in Ibach für eine Stiftung entschieden. Sie hat in Schwyz und Umgebung Tradition. Vielleicht sind die Stiftungen bei uns deshalb weit verbreitet, weil die jahrhundertealten Korporationen wie die Ober- und die Unterallmeind dem Stiftungsgedanken recht nahe kommen. Für ein Medienunternehmen sind Stiftungen eine besonders taugliche Rechtsform.

Warum?

Triner: Zeitungsbetriebe sind einerseits wirtschaftliche Unternehmen, die rentabel arbeiten müssen. Andererseits verfügen sie in einer Demokratie über eine wichtige Stellung als Informationsvermittlerin und Meinungsmacherin. Kommt hinzu: Wir arbeiten eng mit dem Zeitungsverbund der «Neuen Luzerner Zeitung» zusammen. Er ist ein starker Partner. Umso wichtiger ist es, mit der Stiftung ein Gegengewicht zu schaffen, damit unser Verlag auch auf lange Sicht seine Selbstständigkeit behaupten kann.

Haben Sie auch andere Rechtsformen ins Auge gefasst?

Triner: Anfänglich schon. Doch es stellte sich schnell einmal heraus, dass es keine bessere Form gibt, die 160 Jahre alte Familienverleger-Tradition und das Gedankengut, das dahintersteht, fortzuführen. Eine Alternative wäre der Verkauf gewesen. Mit ihm hätte der «Bote» seine Selbstständigkeit in einem grossen Zeitungsverbund verloren. Bei einer Familien-Aktiengesellschaft wiederum lauert die Gefahr, dass der Fortbestand durch Erbteilungen gefährdet wird. In unserer Stiftung hingegen sind die wirtschaftliche und publizistische Unabhängigkeit sowie unsere sozialen und ökologischen Vorstellungen verankert. Der Stiftungszweck lässt sich nachträglich nicht wieder ändern, und die Familientradition behält einen hohen Stellenwert.

Und Stiftungen sind steuerbefreit.

Triner: Steuerliche Überlegungen spielten keine Rolle. Auf Unternehmensstufe zahlt der Verlag Steuern wie jedes andere Unternehmen auch.

Sika ist zwar im Gegensatz zur Triner Medien Holding AG an der Börse kotiert. Trotzdem: Was als Schutzklausel gegen die Übernahme durch einen Grosskonzern gedacht war, erweist sich beim Zuger Unternehmen nun als Einfallstor für Saint-Gobain. Gibt es bei Ihrer Stiftung eine Sicherheit gegen ungewollte Übernahmen?

Triner: Sika macht deutlich: Es gibt keine Garantien gegen ungewollte Eingriffe von aussen. Dennoch kann ich mir ein gleiches Szenario für unseren Verlag nicht vorstellen. Wir sind vier Personen im Stiftungsrat, zwei davon gehören der Eigentümerfamilie an. Alle sind dazu verpflichtet, die Stiftungsziele umzusetzen. Wichtigste Voraussetzung für das Überleben ist aber der wirtschaftliche Erfolg.

Die Zeitung ist das Aushängeschild eines Verlags. Die gedruckte Presse steht durch das Internet unter starkem Druck. Wie stark bekommen Sie die Digitalisierung zu spüren?

Triner: Natürlich merken auch wir im nationalen Inserategeschäft das Internet. Doch wir bauen unser eigenes Internet­angebot laufend aus, um unsere starke Stellung im Talkessel Schwyz erfolgreich zu verteidigen. An den Zahlen unserer Zeitungsleser gemessen erreichen wir in unserem Stammgebiet eine Abdeckung von 70 Prozent. Wir haben das Glück, eine Leserschaft zu haben, die sich stark mit der Region verbunden fühlt und darum darüber informiert sein will. Zudem investieren wir in die Qualität. Wir haben die Redaktion letztes Jahr leicht aufgestockt.

Gibt es in 20 Jahren noch auf Papier gedruckte Tageszeitungen?

Triner: Ich bin kein Prophet. Doch Totgesagte leben oft länger. Meiner Überzeugung nach gibt es kein Entweder-oder». Nimmt die digitale Überflutung weiter zu, kann eine spannende und schön gedruckte Zeitung sogar an Reiz gewinnen.

Was wird darin zu lesen sein?

Triner: In erster Linie Neuigkeiten, Meinungen und Unterhaltung. Ich halte nichts von der Vorstellung, dass alle Leute den ganzen Tag lang Meldungen ab dem Smartphone oder dem PC aufsaugen und davon am nächsten Tag nichts mehr in der Zeitung lesen wollen. Würde sich der Medienkonsum so abspielen, wären die Zeitungen bereits nach der Einführung des Radios und erst recht des Fernsehens eingegangen.

Fernsehen und Radio haben die Zeitungen aber verändert. Alleine Informationen zu vermitteln genügt nicht.

Triner: Auch da erkenne ich kein Entweder-oder. Auf der einen Seite gibt es die eher oberflächliche Informationskultur der Gratisblätter und der Internetportale. Aus der andern Seite besteht der Wunsch nach einer beständigen Zeitung, die Nachrichten auch gewichtet, einordnet und kommentiert. Die Zeitungsredaktionen sollten nicht überreagieren und sich völlig auf Hintergründiges beschränken. Den vielen Leserinnen und Lesern behagt es nicht, sich von einem Hintergrundbericht zum nächsten durchzuquälen. Sie möchten einfach zuverlässig darüber informiert sein, was in ihrer Umgebung vor sich geht.

Auch die Schwyzer mussten sich umgewöhnen. Es gibt nur noch eine Tageszeitung für den inneren Kantonsteil. Wie fallen die Reaktionen aus?

Triner: In meiner Wahrnehmung insgesamt sehr positiv. Es wird oft bestätigt, das Leseangebot sei attraktiver geworden und die Werbewirkung durch die Auflagesteigerung grösser. Der fehlende Wettbewerb wird wohl bedauert. Doch ist auch die Einsicht vorhanden, dass zwei Zeitungen in einer kleinen Region langfristig wirtschaftlich nicht überlebensfähig sind.

Selbstständigkeit wird bewahrt

ZEITUNG rr. Der «Bote der Urschweiz» in Schwyz hat eine Auflage von über 16 000 Exemplaren und rund 40 000 Leserinnen und Leser. Stammgebiet der Tageszeitung ist der innere Kantonsteil. Seit Beginn des vergangenen Jahres kooperiert der «Bote» mit dem Zeitungsverbund der «Neuen Luzerner Zeitung». Zuvor arbeitete er eng mit der Mediengruppe Südostschweiz zusammen. Das Unternehmen der Familie Triner blieb dabei wirtschaftlich unabhängig. Der «Bote» ist mit Minderheitsbeteiligungen an der Druckerei Triner in Schwyz und an den Lokalradios Sunshine sowie Central beteiligt. Die Bote der Urschweiz AG beschäftigt auf Vollzeitstellen gerechnet 50 Mitarbeiter.

Stiftungsrat ist oberstes Organ

Mit dem Partnerwechsel von der «Südostschweiz» zur «Neuen Luzerner Zeitung» wurde die Unternehmensführung neu organisiert. Herausgeber Hugo Triner (65) zog sich im Februar aus dem Tagesgeschäft zurück und wurde Verwaltungsratspräsident. Oberstes Organ der Triner Medien Holding AG ist indes seit diesem Jahr eine Stiftung. Der Stiftungsrat setzt sich zusammen aus dem Besitzerehepaar Hugo (Präsident) und Hanni Triner sowie dem früheren Schwyzer Regierungsrat Franz Marty und Xaver Büeler, dem Direktor der Hochschule Luzern Wirtschaft.

Der «Bote der Urschweiz» wurde 1858 von den Brüdern Dominik und Melchior Triner gegründet. Hugo Triner leitet das Unternehmen in vierter Generation.