Erdöl
Sechs Gründe, wieso der Ölpreis weiterhin tief bleiben wird

Die Preise für Erdöl befinden sich weiterhin auf Talfahrt. Warum das so ist, welche Auswirkungen das hat – sechs Fragen und Antworten.

Andreas Schaffner
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Ein Ölfeld in der irakischen Stadt Basra wird neu erschlossen. Der Irak ist einer der neuen Player auf dem Weltmarkt. Essam Al-Sudani/Reuters

Ein Ölfeld in der irakischen Stadt Basra wird neu erschlossen. Der Irak ist einer der neuen Player auf dem Weltmarkt. Essam Al-Sudani/Reuters

REUTERS

1. Wie tief ist der Erdölpreis in den letzten Tagen gesunken?

Der Erdölpreis wird in Dollar angegeben. Dies ist aus Schweizer Sicht wichtig bei der ganzen Diskussion um den Preis. In Dollar gerechnet sank also der Ölpreis in den vergangenen Tagen. Erdöl der Sorte Brent, die für Europa wichtigste Rohölsorte, kostete gestern unter 37 Dollar. Und für amerikanisches Erdöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) musste noch 36 US-Dollar bezahlt werden. Damit sank der Erdölpreis auf den tiefsten Stand seit 2008. Man erinnert sich: Damals ist die Weltwirtschaft fast kollabiert.

2. Was sind die Gründe für den Preiszerfall der letzten Monate?

Es gibt ganz einfach zu viel Öl auf dem Markt. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) hat vergangene Woche bekannt gegeben, dass die Fördermengen so hoch sind, wie seit drei Jahren nicht mehr. Laut dem aktuellen Monatsbericht wurden im November durchschnittlich rund 31,7 Millionen Barrel pro Tag gefördert. Und das Erdöl-Kartell, dass von Saudi-Arabien dominiert wird, will den Ausstoss nicht senken. Im Gegenteil: Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass die Opec-Staaten ihre Ölförderung 2016 um 1,6 auf 31,3 Millionen Barrel pro Tag anheben werden. Dies auch wenn es aus heutiger Sicht nicht danach aussieht, dass die grossen «Erdöl-Konsumenten» China und die USA im nächsten Jahr einen Mehrbedarf haben.

Preiszerfall belastet Traifgura und Shell

Der Genfer Rohstoffhändler Trafigura hat im per Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr 2014/15 einen Umsatzeinbruch um 23 Prozent auf 97 Milliarden Dollar erlitten. Dieser markante Rückgang war dem Preiszerfall bei vielen seiner Handelsgüter geschuldet. Allerdings hebt das Unternehmen in einer Medienmitteilung vom Montag hervor, dass – vielleicht auch wegen des tiefen Preises – bei Erdöl, Metallen und Mineralien die gehandelten Volumina gestiegen sind. Der britisch-niederländische Ölkonzern Shell will mit Übernahme des Konkurrenten BG Group rund 2800 Stellen streichen. Es handle sich um drei Prozent der Belegschaft, teilte Shell gestern mit. Shell hatte zuvor bereits den Wegfall von 7500 Stellen wegen des Einbruchs des Ölpreises angekündigt. Die zusätzlichen Streichungen seien nötig, um das Ziel zu erreichen, 3,5 Milliarden Dollar vor Steuern zu sparen – so viel sollen die Synergieeffekte der Übernahme bringen. (SDA)

3. Welche Rolle spielt der Markteintritt von Iran, Irak oder den USA?

Bis in die Achtzigerjahre funktionierte der Erdöl-Handel grob so: Saudi-Arabien produzierte, die USA konsumierte. Später trat China auf und wurde zum wichtigsten Konsumenten. Saudi-Arabien konnte mehr oder weniger den Preis bestimmen. Dieser ist bis auf 100 Dollar pro Barrel geklettert. Seit wenigen Jahren ist vieles anders: Die USA sind vom erdölimportierenden zum erdölexportierenden Land mutiert. Dies unter anderem dank dem Einsatz der umstrittenen Fracking-Technologie. Kommt hinzu, dass auch der Irak nach Jahren der Abstinenz zurück auf der Weltbühne ist und Iran in Folge der gelungenen Atomverhandlungen als ein Erdölproduzent wieder zugelassen wurde. Die Neuen benötigen teure Investitionen in Infrastruktur. Die Lage für Saudi-Arabien ist klar: Das Königreich verdient auch gutes Geld mit einem tieferen Ölpreis. Deshalb wird produziert, was das Zeug hält. Dies macht es für die neuen unattraktiver, rasch auf den Markt zu drängen. Es sieht hier nicht nach einer raschen Kehrtwende aus.

4. Welche negativen Folgen hat der tiefe Ölpreis?

Viele Schwellenländer, die bisher von den Erdöl-Exporten abhängig waren, leiden. Politisch brisant ist, dass die Wirtschaft in Russland, die bis vor kurzem dank Erdölexporten prosperierte, zusammensackte. Der fallende Erdölpreis hat auch zur Folge, dass die Vermögen von Staatsfonds, etwa demjenigen von Norwegen, schrumpfen. Für die entwickelten Ländern hat die sinkende Wirtschaftsleistung der Schwellenländer zur Folge, dass die Nachfrage nach Konsumgütern gesunken ist. Dies lässt sich an Börsenkursen von Exportunternehmen in Europa oder in den USA festmachen.

5. Gibt es auch positive Auswirkungen auf die Wirtschaft?

Tatsächlich kann der tiefe Ölpreis auch als Konjunkturspritze angesehen werden. Auch dies bekommen die grossen Volkswirtschaften derzeit zu spüren. In den USA, in China, aber auch in Europa haben die Konsumenten mehr Geld übrig, um zu konsumieren. Ein Rechenbeispiel: Sinkt der Tankstellenpreis in den USA für Benzin lediglich um einen Cent, bedeutet dies insgesamt einen Kaufkraftgewinn von 1,35 Milliarden US-Dollar für die amerikanischen Haushalte. In Ländern wie Indien oder Indonesien können aber auch staatliche Subventionen gestrichen werden – diese Staaten haben dann mehr Geld, um es anderweitig einzusetzen oder Schulden abzubauen. Ein – wenn auch kleiner – Lichtblick ist zudem, dass die
Terrororganisation IS, die einige Erdölfelder im Irak eroberte, auch weniger verdient.

6. Wieso reagieren die Tankstellen in der Schweiz so spät?

Viele Autofahrer in der Schweiz spürten relativ wenig vom massiven Erdölzerfall der letzten Monate. Während der Erdölpreis sich halbierte, sank das Benzin um 10 Rappen pro Liter. Regelmässig werden deshalb Vorwürfe an die Branche laut. Offiziell hat die Verzögerung zwei Gründe: Der Benzinpreis in der Schweiz ist nicht nur vom Erdölpreis abhängig, sondern er wird zu rund 60 Prozent von öffentlichen Abgaben bestimmt. Das verkleinert den Ausschlag – auch gegen oben.

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Ausserdem wird Erdöl in US-Dollar gehandelt. Der Wechselkurs spielt also hier eine entscheidende Rolle. Der Dollar ist in den vergangenen Monaten stärker geworden. In den vergangenen Tagen haben sich jedoch einige Tankstellen-Betreiber bewegt und ihre Preise deutlich unter Fr. 1.40 gesenkt. Laut Branchenkennern ist davon auszugehen, dass dies in den kommenden Wochen so bleibt.