Zementmarkt
Seit Lafarge und Holcim fusioniert haben, geht's nur noch abwärts

Von den Versprechungen der Mega-Fusion ist nach einem Jahr nur wenig übrig: Der Zementriese ist noch schwächer als erwartet ins Jahr gestartet — CEO Olsen hofft auf Teuerung

Fabian Hock
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Gab sich stets optimistisch, konnte seine Versprechen aber nicht einhalten: HolcimLafarge-Verwaltungsratspräsident Wolfang Reitzle.

Gab sich stets optimistisch, konnte seine Versprechen aber nicht einhalten: HolcimLafarge-Verwaltungsratspräsident Wolfang Reitzle.

Monatelang hatte Wolfgang Reitzle auf diesen Moment hingearbeitet. Hatte Gespräche geführt, Briefe geschrieben, lobbyiert und verhandelt. Vom Rednerpult in der Zürcher Messehalle blickte der deutsche Manager nun stolz in den Raum voller applaudierender Aktionäre. Es war sein Moment – und Reitzle genoss ihn. Es kommt ja nicht jede Woche vor, dass man einen Weltkonzern erschafft.

Ein Jahr ist das her. Damals in Zürich hatte Holcim-Verwaltungsratspräsident Reitzle eine wegweisende Abstimmung gewonnen: Die Aktionäre des Zementherstellers machten den Weg frei für die Hochzeit mit der französischen Konkurrentin Lafarge. Das Votum fiel mit knapp 94 Prozent Ja-Stimmen deutlich aus – ein Erfolg für Reitzle und seine Überzeugungsarbeit, denn nicht wenige Aktionäre hatten im Vorfeld Bedenken angemeldet.

Reitzle dagegen gab sich stets optimistisch. «Die Mitarbeiter können stolz darauf sein, denn sie sind jetzt in einem noch grösseren, noch stabileren Unternehmen, das für die Zukunft wirklich wetterfest aufgestellt ist wie keines in der Branche», sagte er damals. Für die Aktionäre sollten Werte geschaffen werden.

Die Bilanz fällt ernüchternd aus

Von den Versprechungen der Fusion ist ein Jahr danach jedoch wenig übrig. Die Aktie brach zusammen: Lag der Kurs vor einem Jahr bei rund 70 Franken, sind es heute nur noch knapp über 40. Am Tiefpunkt im Februar hatte die Lafarge-Holcim-Aktie gar über die Hälfte ihres Wertes verloren. Die Skeptiker von damals dürften sich heute bestätigt fühlen.

Mitten im Abwärtsstrudel kündigte Reitzle Anfang Februar seinen Abschied an. Der deutsche Manager, der selbst erst im Frühjahr 2014 an die Spitze des Holcim-Verwaltungsrats gewählt worden war, stand an der gestrigen Generalversammlung für eine Wiederwahl nicht zur Verfügung. Sein Amt bekleidet jetzt der ehemalige ABB-Jurist Beat Hess. Der 67-jährige Obwaldner muss gemeinsam mit CEO Eric Olsen jene Baustellen beackern, die durch die Fusion entstanden sind.

Nun sind Baustellen für einen Zementhersteller per se keine schlechte Sache – im eigenen Haus möchte man sie jedoch, verständlicherweise, lieber nicht haben. Dass sie aber da sind, wurde gestern bei der Präsentation der Zahlen für das erste Quartal abermals deutlich. Die ersten drei Monate liefen nämlich noch schlechter als von vielen Beobachtern erwartet: Der Umsatz sank trotz grösserem Absatz an Zement und Transportbeton um rund sechs Prozent auf sechs Milliarden Franken. Unter dem Strich stand ein Verlust von 47 Millionen Franken. Im Vorjahresquartal hatte der Konzern noch 275 Millionen Franken eingenommen – allerdings auch aufgrund von Sondereffekten durch Verkäufe.

Der Betriebsgewinn vor Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda) schrumpfte um 16 Prozent auf 774 Millionen Franken. Lässt man Fusions-, Restrukturierungs- und Einmalkosten aussen vor, liegt der Rückgang gar bei 22 Prozent. Wenigstens die Synergieeffekte beginnen zu greifen: Im ersten Quartal wurden so 104 Millionen Franken eingespart. Ende Jahr sollen es 450 Millionen sein. Ein Problem bleiben die Überkapazitäten: Geschäftsbereiche mit einem Volumen von 3,5 Milliarden Franken könnten noch in diesem Jahr verkauft werden.

Obwohl die schwachen Zahlen kaum Aufbruchstimmung vermittelt haben dürften, macht der Chef Mut: Olsen sieht eine Erholung der Zementpreise in den Absatzmärkten – die tiefen Preise sind ein wesentlicher Grund für das schlechte Abschneiden der letzten Zeit. Von den Preiserhöhungen werde man in den nächsten Quartalen profitieren, versicherte Olsen gestern. Er betonte ferner, dass sich die Aussichten in China und Indien besserten.

Einnahmen unter Erwartungen

Wie die Analysten der Bank Vontobel bemerken, hinken andere Regionen indes noch hinterher. Europa und der Nahe Osten plus Afrika liefen demnach enttäuschend. Hier lägen die Einnahmen um vier respektive fünf Prozent unter den Erwartungen. Negativ überraschten besonders Russland, Italien und Spanien. In Afrika harze es in Nigeria und Südafrika, darüber hinaus laufe das Geschäft im Irak schlecht. Die derzeit tiefen Energiepreise kommen dem Konzern indes entgegen.

CEO Olsen weiss um die Schwierigkeiten. Er sieht aber auch Lichtblicke. Besonders setzt er auf die mit Verzögerung eintretenden Effekte der Preiserhöhungen. Das erste Quartal, so Olsen, könne letztlich nicht als Trend für den Rest des Jahres hergenommen werden. Wegen des Klimas auf der Nordhalbkugel seien die Monate von Januar bis März traditionell die schwächsten im Jahr: «Sie können nicht das erste Quartal mal vier rechnen und so auf das Gesamtjahr schliessen.»

Wolfgang Reitzle wird die weitere Entwicklung nur noch aus der Ferne mitbekommen. Er ist inzwischen an seine alte Wirkungsstätte beim deutschen Industriegase-Konzern Linde zurückgekehrt.