SEMPACH: Folag-Konkurs wirft Fragen auf

Ehemalige Mitarbeiter erheben gegenüber Management und Besitzer schwere Vorwürfe. Die Folag-Führung habe gezielt auf den Konkurs hingearbeitet. Diese verteidigt sich.

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Die Folag AG musste Ende September Insolvenz anmelden.  
145 Mitarbeiter verloren im Zuge des Konkurses ihre Stelle. (Bild: Boris Bürgisser /  Neue LZ)

Die Folag AG musste Ende September Insolvenz anmelden. 145 Mitarbeiter verloren im Zuge des Konkurses ihre Stelle. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Roman Schenkel

«Top-Lage, preiswert, flexibel-modular», mit diesen Schlagworten preist die Firma Dardanos auf ihrer Webseite industrielle Immobilien und Flächen in Sempach Station an. Die Fotos zeigen, dass es sich nicht um irgendein Industrieareal handelt, sondern um das Areal der ehemaligen Folag AG. Vor knapp zwei Monaten musste die Verpackungsfirma ihren Betrieb einstellen. Der Konkurs Ende September kam überraschend. Noch im Mai tönte es bei der Sempacher Verpackungsfirma anders. Zwar kündigte Folag damals die Schliessung der Bausparte und den Abbau von 40 Stellen an, die restlichen 145 Angestellten der anderen Sparten müssten aber nicht um ihre Jobs fürchten, hiess es.

Frust bei ehemaligen Mitarbeitern

Vier Monate später war alles Makulatur. Am 24. September kündigte die Folag AG wegen Insolvenz Konkurs an. Der Grossteil der 145 der Angestellten verlor seine Arbeit, 50 Angestellte kamen bei der flugs gegründeten Auffanggesellschaft Polyveris unter (siehe Box). Der Frust bei den Mitarbeitenden, die ihre Stelle verloren, ist nach wie vor gross. Mehrere ehemalige Angestellte haben sich bei unserer Zeitung gemeldet und erheben schwere Vorwürfe gegen Management und Besitzerfamilie. «Die Besitzer und das Management haben die Firma gezielt in den Konkurs gelenkt», sagt etwa ein ehemaliger Angestellter, der anonym bleiben möchte. Man habe die lukrativen Teile aus der Firma herausgelöst und die Firma so geschwächt, sagt ein anderer ehemaliger Mitarbeiter. «Die Besitzerfamilie hat die Firma in den letzten Jahren ausgehöhlt. So hat der Firma die Substanz gefehlt, die schwierigen Bedingungen zu meistern», sagt er.

Gewerkschaften blieben aussen vor

Auch bei der Gewerkschaft Unia ist der Ärger über den Folag-Konkurs gross. «Ich hatte das Gefühl, dass die Arbeitnehmenden nicht wirklich ernst genommen wurden», sagt Giuseppe Reo von der Unia Luzern. Es habe kein Konsultationsverfahren gegeben, das diesen Namen auch verdient hätte. «Wir hatten das Gefühl, dass die Folag den Konkurs möglichst lange unter dem Deckel halten wollte», sagt er. Die Gewerkschaften seien ganz bewusst aussen vor gehalten worden. «Man hat uns vor vollendete Tatsachen gesetzt», sagt Reo.

Der ehemalige Folag-CEO Erich Steiner, der seine Stelle ebenfalls verloren hat, verteidigt sich: «Ich kann nur für das damalige Management antworten, nicht für die Besitzerfamilie. Unsererseits haben wir bis zum Schluss für den Fortbestand der Firma gekämpft», sagt Steiner. «Wir waren mit Herzblut für die Zentralschweiz als Produktionsstandort tätig und wollten das Unternehmen und die Arbeitsplätze unserer 145 Mitarbeitenden erhalten», betont er.

Immobilien abgetrennt

Reto Senn, der ehemalige Mehrheitsbesitzer der Folag AG, kann die Kritik am Konkurs der Firma verstehen: «Ein Konkurs ist das Schlimmste, was passieren kann – für alle Beteiligten», sagt er. «Es trifft die Angestellten, das Management und mich als Mehrheitsbesitzer.» Er habe viel in die Firma investiert. «Finanziell ist der Konkurs für mich eine Katastrophe», gibt er zu. Den Vorwurf, den Konkurs gezielt angestrebt zu haben, weist er zurück.

Senn sucht nun für die Immobilien am Standort Sempach mit seiner Firma Dardanos neue Mieter. Die Immobilien sind nicht Teil der Konkursmasse. Sie wurden Anfang 2014 von der Folag getrennt. «Der Entscheid fiel bereits im Frühjahr 2013», betont Senn. Auch hier zeigt er gewisses Verständnis für die Kritik, er habe die Immobilien zu seinem Vorteil von der Folag getrennt. «Die Immobilien sind gross, das sieht schnell nach viel Geld aus.» Doch das treffe nicht zu: «Die Immobilien sind mit viel Fremdkapital belastet», sagt Senn. Allein für die Zinsen und Amortisationen bezahle er pro Jahr einen siebenstelligen Betrag.

Beim Konkursamt Luzern West hat man den Verkauf der Immobilien auf dem Radar. «Wir prüfen die Veräusserung der Immobilien der Folag AG», sagt Franziska Betschart, stellvertretende Informationsbeauftragte des Kantonsgerichts. Das sei jedoch ein Standardprozess, der bei jedem Konkurs stattfinde. «Das muss überhaupt nichts heissen», betont sie. Gemäss Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs kann aber eine Rechtshandlung, die innerhalb der letzten fünf Jahre vor dem Konkurs vorgenommen wurde, angefochten werden – sofern der Schuldner dabei die Absicht hatte, die Gläubiger zu benachteiligen.

Gegen den Vorwurf, er habe der Firma Substanz entzogen, wehrt sich Senn vehement. «Das ist nicht wahr, vielmehr das Gegenteil trifft zu.» So habe er 2014, als die Folag AG den flexiblen Verpackungsbereich der Firma Pavag Folien AG übernehmen wollte, 30 Prozent seiner Aktien – im Wert von rund 8 Millionen Franken – abgegeben. «Nur so konnten wir die Firma inklusive ihrer Maschinen übernehmen», sagt der ehemalige Besitzer.

Senn hat schon länger einen Austritt aus der Folag gesucht: «2013 strebte ich einen Verkauf an Teile des Managements an, das hat nicht geklappt.» Anschliessend stellte er einen Geschäftsführer an und zog sich operativ aus dem Geschäft zurück. Parallel habe er sich im ersten Halbjahr 2014 nach einem Käufer umgesehen. Schliesslich habe er eine Fusion mit dem einzigen verbleibenden Schweizer Konkurrenten, der Petroplast Vinora, angestrebt. Als diese sich nicht konkretisierte, hat er sich im Mai 2015, kurze Zeit vor dem Konkurs, aus dem Verwaltungsrat zurückgezogen.

Harter Konkurrenzkampf

Dass die Folag AG in einem schwierigen Umfeld geschäftete, bestätigt Dirk Schönrock, Redaktor des Fachmagazins «Pack aktuell». «Blasfolienextrusion ist teuer – sie ist kapital- und rohstoffintensiv», sagt er. Neben Folag gab es in der Schweiz zuletzt nur noch die Petroplast Vinora. Und der Konkurrenzkampf war hart: «Besonders aus Italien und der Türkei haben Anbieter aggressiv mit tiefen Preisen auf dem Markt geworben.» Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 habe die Branche in der Schweiz zusätzlich benachteiligt. Und ab März 2015 seien noch deutlich höhere Rohstoffpreise hinzugekommen, weil die Produzenten das Angebot künstlich verknappt haben. «Das hat die europäische Branche getroffen. Auch in Deutschland und Frankreich mussten einige Unternehmen die Segel streichen», sagt Schönrock.

50 Angestellte erhielten Vertrag

Auffanggesellschaft rom. Polyveris AG heisst die Auffanggesellschaft der Folag AG. Von den vormals 120 Angestellten in Sempach-Station übernimmt die Polyveris 33 Angestellte, und von den 25 in Burgdorf Angestellten erhielten 17 wieder einen Vertrag.
Gegründet haben die Polyveris die Besitzer der Petroplast Vinora AG mit Sitz in Andwil im Kanton St. Gallen. Diese war der letzte verbliebene Wettbewerber von Folag im Schweizer Markt. In einer ersten Phase will die Polyveris AG sicherstellen, dass die bestehenden Kunden der Folag AG möglichst zeitnah und reibungslos bedient werden, so Petroplast Vinora. Bereits hergestellte Produkte sollen ausgeliefert sowie die laufenden Aufträge fertiggestellt und ebenfalls ausgeliefert werden. Wie die Folag ist auch die 300 Mitarbeiter zählende Ostschweizer Firma Petroplast Vinora AG im Bereich der flexiblen Verpackungen tätig.