Luftfahrt
Sensation im Iran: Frau wird Chefin von Iran Air – sie hat hochfliegende Pläne

Im Westen ist die Flugbranche immer noch eine Männerdomäne: Nur 6 von 248 Fluggesellschaften werden von einer Frau geführt. Im Iran ist Farzaneh Sharafbafi eine Sensation: Sie ist Chefin der Iran Air.

Michael Wrase, Teheran
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Die 44-jährige Iranerin Farzaneh Sharafbafi hat Luftfahrttechnik studiert und träumt von sich selbst erneuernden Flugzeugteilen.

Die 44-jährige Iranerin Farzaneh Sharafbafi hat Luftfahrttechnik studiert und träumt von sich selbst erneuernden Flugzeugteilen.

Hassan Rohani macht Ernst. Er werde dafür sorgen, dass sich mehr Frauen in Führungspositionen bewähren können, hatte der im Mai wiedergewählte iranische Präsident versprochen. Eine der ersten ist Farzaneh Sharafbafi. Die promovierte Ingenieurin der Luftfahrttechnik wurde zur Chefin von Iran Air ernannt. Unter der Führung der 44-Jährigen soll die staatliche iranische Fluggesellschaft «restrukturiert und wettbewerbsfähig» gemacht werden. Sharafbafi weiss, dass sie «vor einer Herkulesaufgabe» steht. «Bis zum letzten Jahr haben wir hier noch Jumbojets aus der Schah-Zeit (vor 1979) im Linienverkehr eingesetzt», erzählt sie lächelnd.

Dissertation über kaputte Flugzeuge

Mehr als die Hälfte der 266 iranischen Verkehrsflugzeuge wurden inzwischen ausgemustert. Dennoch konnte das mit 22 Jahren extrem hohe Durchschnittsalter der iranischen Flugzeugflotte bislang nicht signifikant gesenkt werden. Das brauche viel Zeit, weiss die energische Topmanagerin, die ihre Dissertation über Ermüdungsbrüche bei Flugzeugteilen geschrieben hat. «Das Anschauungsmaterial war ja reichlich vorhanden», erzählte Sharafbafi in einem Interview mit dem Teheraner Wochenmagazin «Zan-e Rooz» («Die Frau von heute»). Sie habe damals auch nach Wegen geforscht, um «selbstheilende Flugzeugteile zu entwickeln». Ein Flugzeug, das sich in einer Notsituation zumindest teilweise selbst repariert, sei eine enorme Herausforderung, der sich Sharafbafi auch in Zukunft stellen will.

Getüftelt hatte die Tochter eines iranischen Physikprofessors schon als kleines Kind. Mit zehn Jahren reparierte sie einen Staubsauger, später auch andere elektrische Geräte. Ihre Familie gab ihr daraufhin den Spitznamen «die Ingenieurin», der ihr auch als Studentin der Luftfahrttechnik an der renommierten Teheraner Sharif University of Technology erhalten blieb. Die neue Chefin der Iran Air war damals 22 Jahre alt und die erste iranische Frau, die zum Studium der Luftfahrttechnik zugelassen wurde. «Das hatte regelrechte Schockwellen ausgelöst», erzählt die zielstrebige Perserin. Durch ein Patent zur Fahrwerksdämpfung, das Sharafbafi auf ihrem ersten PC entwickelte, wurde die staatliche Fluggesellschaft auf die hochbegabte Studentin aufmerksam. Die Doktorandin wurde engagiert und schon bald in den ausschliesslich von Männern dominierten Vorstand der Airline berufen. Sie habe im Verlauf ihrer Karriere schon viele Tabus brechen können, berichtet die Ehefrau und Mutter stolz. Und auch als Dozentin an zwei Hochschulen erfahre sie grosse Akzeptanz.

Der erste Airbus ist gelandet

Viel Zeit für Vorlesungen dürfte Farzaneh Sharafbafi allerdings bald nicht mehr haben. Eine Fluggesellschaft wie Iran Air zu restrukturieren, betonen Luftfahrtexperten in Dubai, sei nur «mit 100-prozentiger Hingabe» möglich. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern, die über Jahrzehnte mit Sanktionen zu kämpfen hatten und Ersatzteile auf dem Schwarzmarkt kaufen mussten, kann die neue Chefin der Iran Air die uralte Flotte ihrer Gesellschaft nun langsam erneuern.

118 Airbusse und 80 Boeing-Maschinen wurden nach der Beilegung des Streits um das iranische Atomprogramm im Sommer 2015 bestellt. Am 12. Januar dieses Jahres landete der erste Airbus A 321 auf dem Teheraner Flughafen. Es war das erste wirklich fabrikneue Flugzeug, das der Iran seit 1994 erhalten hat. Eine der wichtigsten Aufgaben von Sharafbafi wird es sein, die bürokratischen und politischen Hürden bis zur Auslieferung weiterer Flugzeuge zu überwinden zu helfen. Die Lizenzen für den Export der Flugzeuge inklusive der amerikanischen Bauteile wurden inzwischen erteilt. Dennoch ist der Widerstand gegen die Auslieferung von Boeing-Flugzeugen an Iran Air in den USA noch immer gewaltig.