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Kolumne

Wie man sich dank Digitalisierung effizienter entscheiden kann

Neue kognitive Systeme erlauben es, individuell auf jeden einzelnen Bürger einzugehen und ihn bei der Konsensfindung zu unterstützen. Dadurch liesse sich auch die direkte Demokratie erweitern.
Edy Portmann
Edy Portmann, ein gebürtiger Luzerner, ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.

Edy Portmann, ein gebürtiger Luzerner, ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.

Die Digitalisierung, die am 25. Oktober am nationalen Digitaltag von der Bevölkerung hautnah miterlebt werden konnte, ermöglicht es, un­sere Demokratie zu erweitern – und zwar hin zu einer neuen «Herrschaft der Mitbürger». Digitalisierung schafft Individualisierung, sie führt uns dahin, dass wir uns immer stärker selbst organisieren. Zu diesem Thema lud diese Woche die Daten-Analyse-Firma Teradata ein. Die zentrale Frage an dem Anlass war, wie wir die Schweiz digital weiterentwickeln können. Dabei zeigte ich als Referent auf, wie kogni­tive Systeme dazu beitragen können, dass unser Staat und seine Verwaltungen eine quasi «symbiotische» Beziehung mit uns Bürgern eingehen können. Ein kognitives System ist etwa IBM Watson, welches in der Wissensshow «Jeopardy!» seine zwei Mitspieler haushoch besiegte. Systeme wie Watson lernen aus unstrukturierten Daten, die etwa aus unserem Verhalten gewonnen werden können. So dienen diesen Systemen meine Interaktionen mit ihnen oder mit der öffent­lichen Hand als Input ihres Lernens. Kognitive Systeme haben so das Potenzial, unsere Demokratie zu erweitern.

Der Philosoph Costica Bradatan glaubt, dass wir uns immer stärker mit der Welt verbinden, je mehr wir in diese hineinwachsen. Wir nehmen nicht nur einen bestimmten Lebensort, wie zum Beispiel die Schweiz ein, nein, diese nimmt auch uns ein und macht uns zu Schweizern. Unsere Kultur prägt unser Weltbild, unsere Sprache, unser Denken, und unsere Bräuche strukturieren uns als soziale Wesen. In unserer Schweiz ist die direkte Demokratie so eingebettet, dass wir auf allen Ebenen mitentscheiden können. Für die Mehrheit von uns ist dies denn auch die Essenz unseres Staates; weltweit gibt es wohl kein Land mit ähnlich weitreichenden Bürgerrechten. Die Digitalisierung kann nun dazu genutzt werden, diese Rechte zu er­weitern. Die Herrschaft der Mit­bürger – auch Soziokratie genannt –, die vor allem junge Stimmbürger stärker in den Entscheidungsprozess miteinbinden will, ermöglicht eine dynamische Verwaltung, die von der individuellen Gleichberechtigung einzelner Bürger ausgeht.

Und hier kommen denn auch die angeführten kognitiven Systeme zum Tragen, die es erlauben, individuell auf jeden einzelnen Bürger einzugehen. Unsere Interaktionen mit ihnen prägen die kognitiven Systeme, und diese revanchieren sich. Indem ein System die Bedeutung unseres Verhaltens erlernt, kann es beispielsweise Ja-Nein-Entscheidungen, die Abstimmungen heute charakterisieren, um den Aspekt Sowohl-als-auch erweitern. Das System ist in der Lage, mittels maschinellen Lernens grosse Datenmengen, wie sie bei einer Abstimmung anfallen können, zu analysieren, daraus Schlüsse zu ziehen und uns Bürger so in unserer Konsensfindung zu unterstützen. Als Erweiterung der direkten Demokratie hilft uns das unter­liegende Konsensprinzip zudem, aus einer Reihe – etwa vom System (automatisch) gefundener Vorschläge –, denjenigen auszuwählen, der die geringste Ablehnung erfährt.

Als Demokraten sind wir es gewohnt,uns der Herrschaft aller Stimmbürger zu beugen, welche aber leider 50,1 Prozent von uns zu Gewinnern und 49,9 Prozent zu Verlierern machen kann. Mit «Konsensieren», einem neuen Entscheidungs­verfahren, ermitteln Systeme jedoch nicht unsere Zustimmung, sondern den Grad unserer Ablehnung gegen einen Vorschlag. Herkömmliche Demokratie teilt Entscheidungen in Ja (Wert 1) und Nein (Wert 0) auf; der Grad der Ablehnung (der zwischen 0 und 1 liegen kann) erlaubt nun aber, die Aufteilung in Gewinner und Verlierer differenzierter anzu­gehen. Solche Entscheidungen, die mein Lehrmeister aus Kalifornien, Lotfi Zadeh, mit seiner «unscharfen Logik» adressierte, kommen auch in unserer menschlichen Denkweise vor, die sich nicht um absolute, sondern um weiche Zu- und Ablehnungen kümmert. Diese können einem kognitiven System dank der unscharfen Logik einfach gelehrt werden.

Unscharfe Denkweise ermöglicht ein Ergebnis, das dem Konsens am nächsten kommt; das mit uns Bürgern in Interaktion stehende System ermittelt dazu für jeden unserer Abstimmungsvorschläge den Grad un­serer Ablehnung. Der Vorschlag mit der kleinsten Gesamtablehnung kommt dem Konsens am nächsten und gilt daher als angenommen. Und da es immer einen Vorschlag mit geringster Ablehnung gibt, und sei dies der Status quo, ist das System nicht blockierbar und liefert stets eine Lösung. In Kombination mit soziokratischen Organisationsformen, mit der die öffentliche Hand Selbstorganisation um­setzen kann, erlauben uns diese eine Erweiterung unserer Demokratie. Und, was ich schon öfter betont habe, gilt auch hier: Die Interaktion lässt eine Erweiterung zu, in welcher wir Bürger uns gemeinsam mit dem System intelligenter verhalten. Gerade die Meinung der jungen Stimmbürger, die zum heutigen Zeitpunkt mit der demokratischen Entscheidungsfindung oft nicht (mehr) klarkommen, lassen sich so besser einbinden – davon bin ich überzeugt.

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