SICHERHEIT: Vom Bartschlüssel bis zum Smartphone

So alt wie die Menschheit ist das Verlangen, persönliches Eigentum zu schützen. Die Schliesstechnik hat sich rasant entwickelt. Ein Streifzug durch eine spannende Kriminalgeschichte.

Bernard Marks
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Beat Rava, Mitarbeiter der Firma Zaugg Schliesstechnik, die heuer ihr 50-Jahr-Jubiläum feiert, bei der Arbeit in der Hofkirche Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Beat Rava, Mitarbeiter der Firma Zaugg Schliesstechnik, die heuer ihr 50-Jahr-Jubiläum feiert, bei der Arbeit in der Hofkirche Luzern. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Das Türschloss, an dem der Techniker Beat Rava (50) gerade herumschraubt, ist weit über 300 Jahre alt. «So alt wie die Luzerner Hofkirche», sagt Rava mit einem Schmunzeln. Das Wahrzeichen Luzerns wurde in den Jahren 1633 bis 1639 erbaut. Rava, der seit 25 Jahren bei der Luzerner Firma Zaugg Schliesstechnik arbeitet, ist einer von wenigen Geheimnisträgern, die Zugang haben zu dieser historischen Schliesstechnik. «Das Wissen um solche alten Schlösser wird bis heute mündlich überliefert», sagt er.

Wie genau die Schlösser an den Eingangstüren der Hofkirche funktionieren und vor allem, wie man sie reparieren kann, das hat Rava noch von seinem damaligen Chef Albert Zaugg erlernt. «Unsere Firma pflegt und betreut heute noch viele alte Türschlösser, die in historischen Gebäuden in der Region eingebaut sind», sagt dessen Enkel Ronny Zaugg (35), der das 50-jährige Familienunternehmen in der dritten Generation weiterführt. Nicht nur in alten Klöstern oder Kirchen, «es gibt historische Schlösser in den Museggtürmen, im Luzerner Wasserturm oder im Schlössli Meggenhorn in Meggen. Diese stammen jeweils aus dem 16. und 17. Jahrhundert», erzählt Zaugg weiter.

Konstruktionen und Erfindergeist

Die Geschichte von Türschlössern, Schlösser und Beschlägen ist gleichzeitig auch Teil der Kriminalgeschichte. Denn die «Gilde der nie aussterbenden Langfinger» hat den menschlichen Erfindergeist nicht ruhen lassen, neue Konstruktionen zu entwickeln, die nach dem Stand der Einbruchtechnik dem Einbrecher das Öffnen der Schlösser unmöglich machen sollte. Schon in der Vorgeschichte kannten manche Pfahlbauer, die in der Schweiz viele Seeufer bevölkerten, raffinierte Riegelsysteme. So wurde zum Beispiel bei der Ausgrabung des Pfahlbaudorfes Robenhausen (Pfäffikersee) eine Tür gefunden, die mit einem soliden Riegel versehen war. Komplexere Schlösser tauchten nach heutigen Erkenntnissen etwa um 2800 v. Chr. in Mesopotamien auf. Zur Zeit des Pharaos Ramses II. (13. Jahrhundert v. Chr.) besassen die Ägypter bereits Schlösser, die man als Vorläufer unserer heutigen Sicherheitsschlösser bezeichnen kann (siehe Grafik). Die Römer kannten das Riegelschloss, auch Vorlegeschloss genannt.

Schlüssel als Symbol für Macht

Der Schlüssel galt schon vor den Kelten als ein Symbol für Macht und Würde. Das Wappen des Vatikanstaats wird von zwei gekreuzten Schlüsseln geziert: Mit der Reide nach unten und dem Bart nach oben. Dies symbolisiert den Primatanspruch des Papstes, was die Schlüsselgewalt für die Rechtsprechung sowie die Gewalt, sakrale Handlungen vorzunehmen, bedeutet. Auch in der Schweiz sind Schlüssel ein beliebtes Symbol für Sicherheit. Schlüssel finden sich auch auf den Wappen von Schweizer Kantonen wie Genf, Nid- und Obwalden sowie von Ortschaften wie Mels, Marching, Oberlunkhofen, Benken und anderen. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass die Schweiz auch in Sachen Sicherheitstechnik führend ist. Einer der grössten Hersteller für Schliesstechnik ist die Firma Kaba mit Hauptsitz in Rümlang ZH. Rund 8000 Mitarbeiter beschäftigt das börsenkotierte Unternehmen in 60 Ländern weltweit und schreibt gegen 1 Milliarde Franken Umsatz. Seit ihrer Gründung 1862 hat sich Kaba rund 450 Patente im Bereich Schliesstechnik gesichert.

Die Schweiz rüstet auf

«Die Technik hat sich aber besonders in den letzten 15 Jahren stark weiterentwickelt», erzählt Zaugg. Das hat einen einfachen Grund: Auch die Einbruchsdelikte nehmen immer mehr zu. Vor allem in der Schweiz wird mehr eingebrochen. Mit knapp 69 000 Einbrüchen im vergangenen Jahr ist die Schweiz europaweit Spitzenreiterin. Allein die Zahl der im Kanton Luzern registrierten Einbruchdiebstähle stieg um 33 Prozent auf 2546 an. «Die meisten Schlösser werden allerdings auch heute noch mit einfachen Schlüsseln geöffnet», weiss Zaugg. Die Mehrheit davon funktioniert noch mechanisch. Bekannt ist zum Beispiel der Kaba-Wendeschlüssel, der 1934 zum Patent angemeldet wurde. Heute werden allerdings immer mehr sogenannte mechatronische Schlösser eingesetzt. «Die alten Schlösser können unkompliziert umgerüstet werden», sagt Ronny Zaugg. Vor allem Unternehmen setzen heute immer mehr auf elektronische Zugangskontrollen. Der Trend geht dahin, dass man Schlösser mit dem persönlichen Smartphone öffnet.

Vermögen im Tresor

«Viele Vermögenswerte lagern nach der Bankenkrise heute in Tresoren», weiss Ronny Zaugg. Doch diese stellen oftmals kaum ein Hindernis für die Täter dar, wie Polizeistatistiken belegen. Im Privat- wie im Geschäftsbereich kamen die Einbrecher in fast 90 Prozent aller Fälle zu einem Taterfolg. Knapp 50 Prozent der Tresore wurden einfach abtransportiert. Dabei verwendeten die Einbrecher meist Pickel und Vorschlaghammer. Entsprechend nimmt der Bedarf nach neuster Sicherheitstechnik im Tresorbereich zu. Die Technologie entwickelt sich stark weiter. «Während sich Gesichts- und Iriserkennung per Laser und der Scan eines Fingerabdrucks am Markt nicht durchgesetzt haben, liegt neu der Handvenenscanner im Trend. «Hier arbeiten wir mit Anbietern aus der Schweiz zusammen», sagt der Fachmann für Schliesstechnik.

Dauer des Einbruchs verlängern

Egal, ob Panzerriegel vor der Tür, Bewegungsmelder, Tresore oder künstlicher Nebel – derzeit kann die Sicherheitsbranche fast alles verkaufen. Das Ziel ist es, dass die Einbrecher erst gar nicht ins Haus eindringen können oder die Dauer des Einbruchs verlängert wird. So gewinnt man Zeit, und der Täter gerät in Stress. «Bei rund 3000 Franken beginnt der Rundumschutz für eine Wohnung, für ein Haus bei 10 000 Franken», sagt Ronny Zaugg. Nach oben gibt es keine Grenzen. «Es gibt Schlösser und Türen, da geben selbst die besten Einbrecher auf», sagt Ronny Zaugg.