Roaming-Verbot
Sie hat dem Roaming-Unwesen den Kampf angesagt

Mit oder ohne Roaming-Einnahmen müssen die Konzerne weiter investieren. Wahrscheinlicher ist viel mehr, dass ein Roaming-Verbot einfach die Gewinnausschüttungen an die Aktionäre in Form von Dividenden reduzieren würde.

Marc Fischer
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EU-Kommissarin Neelie Kroes hat genug von hohen Roaming-Kosten

EU-Kommissarin Neelie Kroes hat genug von hohen Roaming-Kosten

Keystone

Der Telekom-Teufel hat ein Gesicht bekommen: Neelie Kroes, die EU-Kommissarin für Digitale Agenda, hat dem Roaming-Unwesen den Kampf angesagt. Mit ihrem Gesetz für einen einheitlichen europäischen Telekom-Markt will sie die umstrittenen Gebühren, die beim grenzüberschreitenden Mobiltelefonieren und Surfen anfallen, abschaffen.

Die Industrie hält von dem nun vorliegenden Gesetzesentwurf nicht viel. Er nehme der Telekom-Industrie jährlich bis zu 7 Milliarden Euro Einnahmen und das Geld fehle dann für Investitionen in die Infrastruktur. «Die Telekom-Industrie braucht eine investitionsfreundliche Politik», sagte Pierre Louette, stellvertretender Orange-CEO, gegenüber der «Financial Times». «Wir sind nicht sicher, ob der jetzige Vorschlag in diese Richtung geht.»

Es geht nur um die Konsumenten

Gemäss dem Gesetzesentwurf würden die Mobilfunkanbieter gezwungen, den Kunden in der ganzen Europäischen Union (EU) einen einheitlichen Tarif anzubieten. «Unterschiede zwischen Roaming und inländischen Tarifen sollten sich gegen null bewegen», heisst es im Entwurf.

Preisabsprachen: Wettbewerbshüter durchsuchen Büros

Die EU-Kommission hat bei Razzien in mehreren Ländern die Büros von Telekomfirmen durchsucht. Dabei gehe es um den Verdacht, dass Anbieter von Internet-Zugängen gegen EU-Recht verstossen haben, etwa durch Preisabsprachen oder die Aufteilung des Marktes, teilte die EU-Kommission gestern Donnerstag in Brüssel mit. Es drohen Strafen von bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes. Namen der betroffenen Firmen nannte die EU-Behörde nicht. Die EU-Kommission verwies ausdrücklich auf die Bedeutung des Marktes. Der Service von Internetanbietern sei äusserst wichtig, damit Konsumenten schnell und günstig im Internet surfen könnten – unabhängig vom Standort des Providers. Gemäss der EU-Kommission sind die Durchsuchungen ein erster Schritt und sagen noch nichts über eine tatsächlich vorhandene Schuld der betroffenen Unternehmen aus. Eine Frist für den Abschluss der Untersuchung gebe es nicht. Preis- und Marktabsprachen zum Schaden von Verbrauchern und Kunden sind in der EU streng verboten. (SDA)

Louette kritisiert, dass sich alles nur um die Vorteile der Konsumenten drehe. «Im Moment dreht sich alles um Wettbewerb und Preissenkungen und nicht, wie man künftiges Wachstum fördern will», so der Orange-Manager.

Branchenbeobachter halten das Investitionsargument nicht für stichhaltig. Denn Telekom-Unternehmen, die nicht in den Ausbau und die Weiterentwicklung der Infrastruktur investieren, verlieren ihre Kunden.

Mit oder ohne Roaming-Einnahmen müssen die Konzerne also weiter investieren. Wahrscheinlicher ist viel mehr, dass ein Roaming-Verbot einfach die Gewinnausschüttungen an die Aktionäre in Form von Dividenden reduzieren würde. Das heisst: Mit dem Roaming-Verbot wird die Telekom-Branche für Investoren an Attraktivität verlieren.

Dies dürfte auch Schweizer Unternehmen nicht erspart bleiben. Denn ein Roaming-Verbot in der EU würde auch auf die Schweiz ausstrahlen. «Wenn in der EU in der Vergangenheit die Preise gesunken sind, dann sind sie später auch in der Schweiz gefallen», sagt Andy Schnyder, Telekom-Analyst bei der Bank Vontobel.

Swisscom hat die Preise für mobiles Surfen im Ausland am 1. Juli bereits massiv gesenkt («Die Nordwestschweiz» berichtete). Für Sunrise und Orange ist das derzeit zwar kein Thema, aber wenn sich der Markt in diese Richtung bewegt, werden sie früher oder später die Roaming-Tarife ebenfalls senken müssen.

Für die Schweizer Mobilfunk-Unternehmen dürften Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe wegfallen. «Stellen wir uns vor, es wird gehörig reguliert», so Swisscom-CEO Carsten Schloter letzten März in der «Berner Zeitung», «dann verlieren Orange und Sunrise auf einen Schlag sehr viel Umsatz und Gewinn, und zwar im dreistelligen Millionenbereich». Ob Sunrise und Orange dann noch genügend Geld in den Ausbau der Netze investieren können, um mit Swisscom mithalten zu können, bleibt abzuwarten.

Grosse Investitionen sind nötig

Klar ist: Die Branche muss in den kommenden Jahren viel investieren, um die stark steigenden Datenvolumen verarbeiten zu können. Swisscom ist dabei offenbar nicht so stark auf Roaming-Einnahmen angewiesen: Im laufenden Jahr investiert der Konzern jedenfalls trotz der erwähnten Tarifsenkung 1,75 Milliarden Franken in den Ausbau der Netze und der notwendigen IT. Vom Ende des Roaming-Regimes wird demzufolge vor allem Swisscom profitieren.