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Sie sind die «Tschinggen» von heute

Richard Clavadetscher

Einwanderung Ältere Leute mögen sich vielleicht noch an eine Karikatur im «Nebelspalter» aus den frühen Siebzigerjahren erinnern: Ein Mann mit südländischen Gesichtszügen hält ein Tessinerfähnchen hoch und beteuert, er sei im Fall Tessiner – und kein «Tschinggeli». Grund für diese Karikatur: Tessiner wurden damals aufgrund von Aussehen, von Vor- und Familiennamen sowie des gebrochenen Deutschs öfter mal für Italiener gehalten und bekamen deshalb die Diskriminierung unmittelbar zu spüren, die den «Gastarbeitern» aus dem Süden zu jener Zeit entgegenschlug: am Arbeitsplatz, beim Einkaufen, im Restaurant und ganz allgemein in der Öffentlichkeit. Ein «Tschingg», also ein Italiener, zu sein, war damals kein Schleck in der Schweiz – wohl noch weniger, als es heute ein Schleck ist, vom Balkan zu stammen und einen Vor- oder Nachnamen zu haben, der dies verrät.

Solche Gedanken stellen sich ein, wenn man liest, was die «Sonntags-Zeitung» am Wochenende zusammengetragen hat: Leute mit «ausländischem» Vor- und Familiennamen haben hierzulande mit Nachteilen zu rechnen. Dies insbesondere im Berufsleben und bei der ­Wohnungssuche, aber auch im täglichen Leben. Unterschied zu früher: Die Diskriminierung ist heute weniger offensichtlich, es werden unverfängliche Gründe vorgeschoben. Denn anders als damals, als die Italiener als «Gastarbeiter» in die Schweiz kamen, haben wir heute ein Diskriminierungsverbot in der Bundesverfassung. Und wir haben die Antirassismus-Strafnorm, Artikel 261bis des Strafgesetzbuches, die eine ganze Reihe von Handlungen unter Strafe stellt, welche sich gegen Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion richten.

Es läuft heute versteckt

Wer nun aber denkt, Rassismus und Diskriminierung könnten per Gesetz aus der Welt geschafft werden, ist blauäugig. Auch dies zeigen die von der erwähnten Zeitung zusammengetragenen Beispiele. Offensichtlich ist es für Verkäufer nach wie vor umsatzfördernd, wenn ihr Familienname möglichst nicht auf -ic endet, sie stattdessen Meier oder Müller heissen. Dasselbe bei der Arbeits- und der Wohnungssuche – ja sogar im öffentlichen Raum, wo Menschen anderer Hautfarbe öfter von der Polizei kontrolliert werden. Natürlich bekommt heute kaum mehr jemand zu hören, man vergebe eine Arbeitsstelle oder eine Wohnung nur an Schweizer. Aber die Stelle oder die Wohnung ist bei Anfrage dann halt plötzlich besetzt, bereits vergeben.

Was nun die Menschen aus dem Balkan betrifft, die hier heute mit dem Stigma eines Familiennamens leben müssen, der auf -ic endet, besteht indes Hoffnung. Es ist die Hoffnung, dass sich die Geschichte wiederholt, dass es diesen Menschen ergeht, wie den «Tschinggen» der Sechziger- und Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Aus denen nämlich wurden im Laufe der folgenden Jahrzehnte in der Wahrnehmung der Schweizer ganz normale Mitbürger – und sie sind es bis heute: Wer nimmt noch Anstoss, wenn er es mit einer Frau Tomasini oder einem Herrn Rossi zu tun hat? Mehr noch: Eine grosse Mehrheit hier stimmt wohl der Aussage zu, dass die ehemaligen «Gastarbeiter» wesentlich zur kulturellen Bereicherung in diesem Land beigetragen haben.

Bei aller Hoffnung aber dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, dass es mit dem Ende der Diskriminierung der Menschen aus dem Balkan auch gleich zu Ende sein wird mit dem helvetischen Rassismus. Er wird andere Opfer finden. – Wie sagte doch Farin Urlaub, Gründungsmitglied der deutschen Rockband Die Ärzte, einmal treffend: «Solange es Leute gibt, die nichts können und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben.»

Richard Clavadetscher

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