Sie trieben Firmen wie die ABB vor sich her - doch in der Krise gehen die aktivistischen Aktionäre plötzlich in Deckung

Grossinvestoren wie die schwedische Cevian drängten etwa die ABB zum Verkauf einer traditionsreichen Sparte. Doch ausgerechnet in der Krise bleiben sie still. Ihnen wird Egoismus vorgeworfen.

Daniel Zulauf
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Die Aktionärsaktivisten von Cevian sind auch bei ABB investiert.

Die Aktionärsaktivisten von Cevian sind auch bei ABB investiert.

Keystone

Es ist auffallend ruhig geworden um die schwedischen Aktionärsaktivisten Lars Förberg und Christer Gardell. In den vergangenen Jahren trimmten sie mit Hilfe der Investitionsgesellschaft Cevian eine ganze Reihe von grossen Unternehmen in Europa auf «Shareholder-Value»-Kurs. Cevian verwaltet viele Milliarden Franken im Auftrag von Pensionskassen, Versicherungen, vermögenden Privatpersonen und von Institutionen, die nicht direkt Aktionäre werden möchten.

Die Cevian-Kunden versprechen sich von der Mittlerfunktion Fröbergs und Gardells einen zusätzlichen Nutzen oder ganz simpel eine höhere Rendite. Das hat die beiden reich gemacht. Wie reich genau, sei Privatsache, findet Fröberg. Cevian sei kein börsennotiertes Unternehmen. Die Höhe der Cheflöhne bleibt unter Verschluss, obschon sich auch viele einfache Mitglieder der bei Cevian investierten Vorsorgekassen dafür interessieren könnten.

Cevian drängte zum Verkauf von Traditionssparte

Cevian drängte auch ABB während Jahren dazu, eine aggressivere Strategie zur Steigerung der Rendite einzuschlagen. 2018 erreichte die Aktionärin ein wichtiges Ziel. Der Verwaltungsrat willigte in den Verkauf der Stromübertragungssparte ein. ABB hat in dem Geschäft zwar eine lange Tradition und einen hervorragenden Ruf, doch die Gewinnmargen lagen in den letzten Jahren unter dem Konzerndurchschnitt. Vom Verkauf an die japanische Hitachi erhoffte man sich deshalb einen höheren Aktienkurs. Dies umso mehr, als der Verkaufserlös von gegen 8 Milliarden Dollar via Aktienrückkauf vollumfänglich an die Aktionäre ausgeschüttet werden sollte, wie der vormalige ABB-Chef Ulrich Spiesshofer anlässlich der Ankündigung der Transaktion im Dezember 2018 versprochen hatte.

An dieses Versprechen will oder muss sich auch der neue ABB-Chef Björn Rosengren halten, wie er unlängst gegenüber der NZZ klar gemacht hat. Doch seine Wortwahl deutet an, dass die skandinavischen Aktionärsaktivisten möglicherweise noch länger auf den erhofften Geldsegen warten müssen. «Wir haben uns zu einem Aktienrückkauf verpflichtet. Wir werden dies über die Zeit und auf eine verantwortungsvolle Weise tun. Dabei müssen wir auf die Bedürfnisse aller Stakeholder achtgeben und sicherstellen, dass wir finanziell stark bleiben.»

Riskiert Management Abstufung des Rating?

Dies entspricht auch dem Verständnis von Kreditanalyst Stephan Wulf von der Ratingagentur Moody’s. Anfang April hatte er die Bewertung von ABB als langfristige Schuldnerin um eine Stufe auf A3 gesenkt, womit ABB-Anleihen immer noch als sichere Anlagen gelten, solange keine unvorhergesehenen Ereignisse eintreten. Nach seiner Einschätzung ist die derzeitige Bonitätsnote «stabil». Dahinter steht allerdings auch die Erwartung, dass ABB den angekündigten Aktienrückkauf «flexibel» handhabe und die Rückzahlung des Kapitals «über einen längeren Zeitraum» anvisiere.

Die Erwartung ist freilich weniger Wunsch denn Ermahnung. Nimmt sie das Management nicht ernst genug, riskiert es mit hoher Wahrscheinlichkeit eine weitere Abstufung des Ratings. Dann wären ABB-Anleihen nur noch B-klassiger Durchschnitt mit dem Effekt, dass die Gläubiger bei einer Verschlechterung der Gesamtwirtschaft schnell höhere Risikozuschlage auf den Schuldzinsen einfordern könnten. Soweit sollte es ein Unternehmen der Investitionsgüterbranche nicht kommen lassen.

Investoren nehmen sich zurück

Selbstverständlich wissen dies auch die Aktionäre. Investor AB, die Beteiligungsgesellschaft der schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg und grösste Aktionärin von ABB, hat eine Kürzung der eigenen Dividende für das laufende Jahr angekündigt. Man wolle in der Krise vorsichtig bleiben und müsse die Ausschüttungsentscheidungen der zugrundeliegenden Unternehmen abwarten.

Förberg und Gardell liessen sich in Sachen Dividenden schon länger nicht mehr vernehmen. Die Aktivisten sind abgetaucht. Ihre Vorschläge erweisen sich im schlechten wirtschaftlichen Umfeld als unbrauchbar. Die selbsternannten Vorkämpfer der Aktionärsinteressen müssen aufpassen, dass sie in der aufgeheizten politischen Stimmung keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Ruf von Eigennützigkeit und Opportunismus könnte sich negativ auf deren Geschäft auswirken, warnte das Beratungsunternehmen Lazard. Moody’s sieht Cevian als Belastung, weil sie ihre eigenen Aktionärsinteressen über jene der Gläubiger stelle.

Beruhigende Signale an die Politik

Inzwischen fokussieren sich die Managements vieler Firmen darauf, ihre Unternehmen krisenfest zu machen und die Liquidität zusammenzuhalten, sagt Moody’s-Analyst Sven Reinke. So auch der Basler Chemiekonzern Clariant. Trotzdem hat Moody’s vor wenigen Tagen den Rating-Ausblick gesenkt und dem Unternehmen die Hoffnung genommen, in absehbarer Zeit eine Bonitätsnote der Marke «Anlagequalität» zurückzugewinnen. Eine Chance dazu böte sich dem Unternehmen, wenn es den erwarteten Milliardenerlös aus dem Verkauf von Geschäftsbereichen primär zum Schuldenrückbau einsetzen würde. Doch die Clariant-Führung hat den Aktionären eine hohe Sonderausschüttung versprochen. Dass diese mit Blick auf die Krise einer Anpassung bedarf, liegt auf der Hand. Mit dem Rating-Entscheid hat das Management zusätzlichen Handlungsspielraum gegenüber den Aktionären.

Das Risiko leichtfertiger Ausschüttungen ist mindestens bei Firmen mit erhöhter Schuldenlast überschaubar geworden. Wenn es keine Gewinne mehr zu verteilen gibt und der Kapitalbedarf steigt, schmilzt die Macht der Aktionäre und die Gläubiger erhalten die Oberhand. Diese Tatsache sollte auch Politiker beruhigen und sie vor überstürzten Eingriffen in ein System bewahren, in dem ein Markt für die richtige Verteilung von Chancen und Risiken sorgt.

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