SIKA: Erben dulden keinen Widerstand

Weiterer Eklat beim Baustoffriesen: Die Gründerfamilie will drei Verwaltungsräte abwählen. Diese wehren sich gegen den Verkauf an Saint-Gobain. Die Verunsicherung unter den Anlegern nimmt zu.

Ernst Meier
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Die Gründerfamilie will drei Verwaltungsräte abwählen. (Bild: Keystone)

Die Gründerfamilie will drei Verwaltungsräte abwählen. (Bild: Keystone)

Ernst Meier

Der Verkauf des Schweizer Traditionskonzerns Sika wird immer mehr zum Wirtschaftskrimi. Gestern erreichte der Krach zwischen der Gründerfamilie und den Verwaltungsräten, die sich gegen den Verkauf wehren, einen neuen Höhepunkt. Per Medienmitteilung teilte die Firma mit Sitz in Baar mit: «Sika hat von der Schenker-Winkler-Holding den Antrag auf Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung erhalten.» Die Holding, welche die Interessen der Sika-Erbenfamilie vertritt, ist aufgrund ihres Stimmenanteils berechtigt, die GV einzuberufen. Diese wird voraussichtlich im Januar stattfinden (siehe Interview). Sie hat zum Ziel, den Verwaltungsrat neu zu besetzen.

Die Erbenfamilie reagiert auf den Widerstand von VR-Präsident Paul Hälg und weiteren Verwaltungsräten. Diese wehren sich seit Montag öffentlich gegen den Verkauf von Sika an den französischen Grosskonzern Saint-Gobain. Die Transaktion mache keinen Sinn und gefährde die erfolgreiche Wachstumsstrategie des Bauzulieferers, heisst es. Entsprechend versuchen die von der Erbenfamilie unabhängigen Verwaltungsräte sowie die Konzernleitung mit CEO Jan Jenisch, den Abschluss des Geschäftes zu verhindern.

Wirtschaftsanwalt vorgeschlagen

Abwählen will die Erbenfamilie die Verwaltungsräte Daniel J. Sauter, Monika Ribar und Paul Hälg allesamt bekannte Manager. Für sie werden Chris Tanner und Max Roesle zur Neuwahl vorgeschlagen. Roesle, der in Zürich als Wirtschaftsanwalt tätig ist, soll das VR-Präsidium übernehmen. Der Sika-Verwaltungsrat umfasst aktuell neun Mitglieder. Als Vertreter der Gründerfamilie sitzen Urs Burkard, der Vermögensverwalter Willi K. Leimer und der ehemalige Schindler-CEO Jürgen Tinggren in dem Gremium.

Aufgrund der Statuten dürfen pro Versammlung maximal drei Verwaltungsräte ersetzt werden. Frits van Dijk, Ulrich W. Suter und Christoph Tobler, die auch dem Gremium angehören und sich ebenfalls gegen den Verkauf wehren, werden verschont. Ihnen könnte wenig später ebenfalls die Abwahl drohen, denn für den 14. April 2015 ist die jährliche GV von Sika terminiert. Die Erbenfamilie kann so noch vor Abschluss des Verkaufs alle ihr unliebsamen Verwaltungsräte loswerden.

«Vorgehen ist eine Katastrophe»

«Dieses Vorgehen ist eine Katastrophe», sagt Marc Possa von der Zuger VV Vermögensverwaltung. «Sika verliert jene Verwaltungsräte und alle Konzernleitungsmitglieder, die für die erfolgreiche Strategie verantwortlich sind und am meisten unternehmerische Erfahrung haben. Wer Aktien kauft, kauft Management.» Marc Possa zählt mit dem SaraSelect-Fonds zu den grösseren unabhängigen Schweizer Sika-Aktionären.

«Die Erbenfamilie hat mit ihrem Vorgehen so ziemlich alles falsch gemacht», glaubt Possa. Er ist überzeugt, dass man Verwaltungsrat und Konzernleitung in die Verkaufsgespräche hätte miteinbeziehen sollen. «Um gegenüber den Investoren zu signalisieren, dass bei Sika trotz Besitzerwechsel alles erfolgreich weiterläuft, braucht es die Teams von Paul Hälg und CEO Jan Jenisch in der Firma», sagt Possa. Ein Verkauf an Saint-Gobain wäre dann wohl ein kurzer Schock gewesen. Die Tatsache, dass die erfolgreiche Führung an Bord bleibe, hätte aber das Vertrauen der Investoren gestärkt. «Nun entwickelt sich die ganze Geschichte in die andere Richtung», sagt der Sika-Kenner. Er glaubt nicht, dass die Gräben zwischen den Parteien noch überwunden werden können, «ohne dass eine Seite das Gesicht verliert».

Talfahrt der Aktie hält an

Für den Verkauf der Traditionsfirma durch die Erbenfamilie hat Marc Possa kein Verständnis. «Wenn die Familie mehr Geld gewollt hätte, so hätte sie die Auszahlung eine Sonderdividende beantragen können», sagt er. «Jetzt hinterlässt die ganze Aktion nur Verlierer. Auch Saint-Gobain, die günstig eine Industrieperle erwirbt, könnte am Schluss enttäuscht werden, falls Sika weiter an Substanz verliert.» Zudem habe die Erbenfamilie nun ein enormes Wiederanlagerisiko, ist Possa überzeugt: «Sie werden kaum eine bessere Investition mit dem erzielten Verkaufsertrag tätigen können.» Die Sika-Aktie setzte gestern mit einem Minus von 5,3 Prozent ihre Talfahrt an der Börse fort.