SIKA: Kampf um Sika weitet sich aus

Im Übernahmestreit um den Baarer Bauzulieferer will keine Partei nachgeben – trotz steigendem Risiko. Nun folgen neue Klagen.

Ernst Meier
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Jede vierte Autoscheibe weltweit wird mit Sika-Produkten verklebt. Das Bild entstand am 31. Oktober 2014 im TCS-Zentrum in Hinwil ZH. Rund eine Stunde nachdem die Frontscheibe mit Sika-Kleber befestigt worden war, hielt sie dem Belastungstest stand. (Bild: PD)

Jede vierte Autoscheibe weltweit wird mit Sika-Produkten verklebt. Das Bild entstand am 31. Oktober 2014 im TCS-Zentrum in Hinwil ZH. Rund eine Stunde nachdem die Frontscheibe mit Sika-Kleber befestigt worden war, hielt sie dem Belastungstest stand. (Bild: PD)

Ernst Meier

Seit zehn Monaten tobt der Kampf um Sika. Seit zehn Monaten streiten sich die Parteien um einen Industriekonzern, der als Wachstumsperle und hervorragend geführtes Unternehmen gilt. Vor wenigen Wochen wurde Sika-CEO Jan Jenisch als «bester CEO der Schweiz» ausgezeichnet. Der Manager will weiterhin nichts von einem Zusammenschluss mit der französischen Saint-Gobain wissen und droht, bei einem Vollzug des Deals mit der Konzernleitung geschlossen zurückzutreten.

Keinen Millimeter sind die verfeindeten Parteien in den letzten zehn Monaten aufeinander zugegangen. Alle Gesprächsversuche scheiterten, alternative Möglichkeiten zum Deal kamen nicht zu Stande. Stattdessen wird unermüdlich geklagt.

Während das Zuger Kantonsgericht über die Rechtmässigkeit der Stimmenmehrheit der Familie Burkard beim Verkauf berät, haben die Erben drei Sika-Verwaltungsräte, die sich gegen den Deal wehren, mit einer Klage eingedeckt. Gleichzeitig klagt Sika-Grossaktionär Bill Gates mit seiner Anlagefirma Cascade gegen Familienoberhaupt und Sika-Verwaltungsrat Urs Burkard. Der Vorwurf: Burkard habe die Aktionäre getäuscht, indem er stets das Bekenntnis der Familie zur Firma bekräftigte, im Hintergrund aber mit Saint-Gobain verhandelte.

Schindler-VR in der Kritik

Wie unsere Zeitung erfahren hat, bereitet Cascade derzeit Klagen gegen die Sika-Verwaltungsräte Jürgen Tinggren und Willi Leimer vor. Beide sitzen als Vertreter der Familie Burkard im Gremium und befürworten entsprechend den Verkauf an Saint-Gobain. Vor allem die Rolle von Jürgen Tinggren gibt in Wirtschaftskreisen zu diskutieren. Tinggren ist gleichzeitig Verwaltungsrat bei Schindler. Beim Ebikoner Konzern hat man kein Verständnis für das Vorgehen der Familie Burkard, wie Patron Alfred Schindler erklärt. Er wollte sogar die Statuten ändern, «um einen Fall Sika bei Schindler zu verhindern» (wir berichteten). Die Doppelrolle seines Verwaltungsrates Jürgen Tinggren wird von Schindler hingegen toleriert.

«Hohes Risiko»

Als der Sika-Verkauf am 8. Dezember 2014 bekannt gegeben wurde, sprach Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar von einem «done deal», der bis Mitte 2015 vollzogen wird. Heute ist klar: Die juristischen Streitigkeiten können eine Übernahme bis Mitte 2017 verzögern oder sogar ganz verhindern. «Saint-­Gobain geht ein grosses Risiko ein», sagt Hilmar Langensand, CEO beim Vermögensverwalter zCapital. Derzeit kühle sich die Weltwirtschaft ab, die Investitionsbudgets im Bau werden vielerorts gekürzt.

Noch viel gravierender sei jedoch der Widerstand von Aktionären und Sika-Angestellten. «Saint-Gobain kämpft gegen das Topmanagement und 160 Senior-Manager, die sich alle gegen die Übernahme stemmen», sagt Langensand. Gleichzeitig wurde an der Sika-GV beschlossen, bei einer Übernahme künftig alle Geschäftsaktivitäten von einer Sonderkommission prüfen zu lassen. «Aus heutiger Sicht hat Saint-Gobain die Lage vor einem Jahr falsch eingeschätzt», ist Langensand überzeugt. «Unter diesen Voraussetzungen und mit dem ungewissen Verlauf ist der Kaufpreis von 2,75 Milliarden Franken überrissen.»

Druck von Investoren

Gleich tönt es bei den Grossinvestoren. Diese Woche meldete sich South­eastern Asset Management, die rund 4 Prozent der Sika-Aktien besitzt. South­eastern gibt den sich wehrenden Sika-Chefs Rückendeckung und rät Saint-Gobain sowie der Familie Burkard, vom geplanten Verkauf abzurücken. Zu den South­eastern-Investoren zählt Nassef Sawiris. Der Bruder des Andermatter Tourismusunternehmers Samih Sawiris ist Verwaltungsrat von Lafarge-Holcim. Er gilt in Frankreich als gut vernetzt und scheut die Konfrontation mit dem mächtigen Saint-Gobain-Chef nicht.

Der Druck auf Pierre-André de Chalendar dürfte weiter zunehmen, hört man aus dem französischsprachigen Wirtschaftsraum. Vor zwei Tagen schrieb das Finanzblatt «L’Agefi», die Sika-Gegenwehr sei ein «Aufstand gegen Saint-Gobain, vor dem diese anscheinend ihre Augen verschliesst». Der Autor kommt zum Schluss: Saint-Gobain würde in einem ungesunden Klima agieren, das auch die in aller Augen so viel versprechende Entwicklung von Sika belasten dürfte. Das ist Wasser auf die Mühlen der Sika-Chefs, die stets argumentieren, durch den geplanten Aktienverkauf sei die erfolgreiche Sika-Strategie gefährdet.

Ausstieg verpasst

Saint-Gobain hat im Frühling den Verkaufsvertrag mit den Burkards verlängert. Dieser läuft nun im nächsten Juni aus. Es besteht jedoch die Option auf eine weitere Verlängerung. Von den 2,75 Milliarden Franken Verkaufspreis haben die Sika-Erben bis heute keinen Rappen gesehen. Hätte Pierre-André de Chalendar den Deal mit den Burkards im Frühling nicht verlängert, so hätte Saint-Gobain dank Währungsabsicherung einen Gewinn von 300 Millionen Euro einstreichen können – was immerhin knapp ein Drittel des Jahresgewinns 2014 des französischen Konzerns wäre.

Mittlerweile ist dieser Buchwert durch die Abschwächung des Schweizer Frankens auf unter 200 Millionen gesunken. Hinzu kommt, dass die Kosten für die Währungsabsicherung wegen stärkerer Schwankungen am Devisenmarkt gestiegen sind. Doch Pierre-André de Chalendar geht aufs Ganze. Er will im Poker um Sika nicht nachgeben. «Saint-Gobain gibt es seit 350 Jahren. Ich habe Geduld», kommentiert er die Übernahmeschlacht. Von einem «done deal» ist er jedoch meilenweit entfernt. Wie für die Sika-Chefs, die mit dem Rücktritt drohen, geht es für Pierre-André de Chalendar mittlerweile um alles oder nichts.

«Das letzte Abendmahl»

eme. 31. Oktober 2014. Bei Sika ist die Welt an jenem sonnigen Herbsttag noch in Ordnung. Der Hersteller von bauchemischen Zusatzmitteln und Spezialklebstoffen für die Industrie hat rund zwanzig Analysten und Journalisten ins TCS-Zentrum nach Hinwil geladen. Thema der ganztägigen Veranstaltung: «Die Zukunft des Automobilbaus beginnt mit Sika».

Professor Ferdinand Dudenhöffer, einer der renommiertesten deutschen Automobilexperten, referiert zu den Trends in der Branche. «Die Verkäufe von Personenwagen werden bis ins Jahr 2030 um jährlich 3,3 Prozent zunehmen», sagt er. Sika-CEO Jan Jenisch erklärt: «Die Hälfte aller weltweit produzierten Autos enthalten Sika-Produkte. Das sind rund 40 Millionen Fahrzeuge pro Jahr.» 3,5 Kilo Klebstoff würden in einem BMW i3 verarbeitet. Jenisch: «Der Trend zu leichteren und gleichzeitig sicheren Fahrzeugen spricht für den Einsatz von Klebstoffen.»

Im Anschluss an die Vorträge ist Action angesagt. Die Teilnehmer testen ihre Fahr- und Reaktionsfähigkeit auf der Strecke; in den neusten Modellen von Porsche, BMW, Jaguar, VW und Tesla – in allen Autos stecken Sika-Produkte. Praktische Tipps auf der Teststrecke gibts von Christina Surer, Rennfahrerin, Model und Moderatorin. Der Tag ist ein Erlebnis für alle Beteiligten. Einigkeit herrscht: Sika ist ein Top-Unternehmen, in dem viel Potenzial steckt.

Keiner in Hinwil ahnt, dass unter ihnen einer ist, der ganz andere Pläne mit Sika hat: Urs Burkard, Vertreter der Gründerfamilie in der vierten Generation und Liebhaber schneller Autos. Er und seine vier Geschwister haben nach dem Tod ihrer Mutter im Dezember 2013 die Kontrollmehrheit an Sika geerbt. Dank Stimmrechtsaktien beinhaltet diese bei rund 16 Prozent des Aktienkapitals gegen 53 Prozent aller Sika-Stimmen. Der Kopf der Erbenfamilie bleibt in Hinwil unerkannt. Erst der «Blick» macht die Burkards fünf Wochen später als «gierigste Familie der Schweiz» zu Prominenten; zeigt sie mit Foto und Wohnsitz der Leserschaft.

An jenem 31. Oktober laufen die geheimen Verkaufsverhandlungen mit Saint-Gobain bereits seit einigen Monaten. Die Parteien befinden sich in der Abschlussphase. Am 5. Dezember wird der Vertrag unterschrieben, Jan Jenisch erstmals informiert.

«Am 31. Oktober in Hinwil erlebten wir das letzte Abendmahl», kommentiert ein Analyst rückblickend.