SIKA-STREIT: Cui bono – wer profitiert?

Bei der Übernahmeschlacht verdienen die beteiligten Anwälte und Berater das grosse Geld. Als Akteure mischen alle Spitzenstars der Szene mit.

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Urs Schenker, «Pate des Sika-Deals»: Der Wirtschaftsanwalt orchestrierte den Verkauf zwischen den Burkards und Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar. (Bild: Marc Straumann)

Urs Schenker, «Pate des Sika-Deals»: Der Wirtschaftsanwalt orchestrierte den Verkauf zwischen den Burkards und Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar. (Bild: Marc Straumann)

Sportplatz Eichrain im Zürcher Stadtteil Seebach. Montagabend. Hier treffen sich die Juristen der führenden Anwaltskanzleien zum Fussball-Spiel. Einer der auffälligsten Akteure auf dem Feld ist Urs Schenker, Verteidiger des FC Baker & McKenzie. Schenker sucht in jedem Spielzug den Ball. Er will die Tore schiessen, jeden Freistoss, jeden Penalty. «Urs Schenker kennt nur vollen Einsatz – auch wenn er konditionell und technisch mit den meist jüngeren Spielern nicht mithalten kann», erzählt ein Teammitglied. «Trotz seinem eigennützigen Verhalten auf dem Feld ist Urs Schenker ein lockerer Typ», heisst es. Nach dem Spiel gibts Bier. Es wird grilliert. Schenker macht Sprüche. Die Verbissenheit ist vorbei.

Urs Schenker (57) ist der Top-Shot unter den Wirtschaftsanwälten. Laut der Bilanz-Bestenliste die Nummer 1 der Szene. Ob Swissair-Pleite, Firmenzukäufe der Credit Suisse oder Restrukturierungen bei Oerlikon – Schenker, Chef beim Schweizer Ableger der US-Kanzlei Baker & McKenzie, orchestrierte die komplexen Transaktionen. Gegen 200 Mitarbeiter beschäftigt die Wirtschaftskanzlei am Hauptsitz im Zürcher Seefeld – in der Nähe vom Bellevue, nur durch drei Strassen vom Seeufer getrennt.

Postfinance-Präsident mischt mit

Urs Schenker steht im Zentrum des umstrittensten Deals der Schweizer Wirtschaft. Er hat den Verkauf des Baarer Bauchemiekonzerns im Auftrag der Erbenfamilie Burkard eingefädelt. Im Geheimen, diskret, hinter dem Rücken der Sika-Chefs. Sein Gegenüber: Rolf Watter von der Kanzlei Bär & Karrer. Er berät Saint-Gobain beim Erwerb des Sika-Aktienpakets. Watter (57) gilt als bestvernetzter Wirtschaftsanwalt der Schweiz. Die Fusionen von Ciba und Sandoz zur Novartis sowie des Bankvereins und der Bankgesellschaft zur UBS waren seine Gesellenstücke. Seither wird der Experte für M&A-Transaktionen (Fusionen und Übernahmen) bei grossen Deals hinzugezogen. Gleichzeitig ist Watter Wirtschaftsführer. Sein wichtigstes Mandat: das Verwaltungsratspräsidium von Postfinance.

Die Kanzlei Bär & Karrer auf dem Hürlimann-Areal zwischen Bahnhof Enge und Sihlcity zählt über 100 Mitarbeiter, davon mehr als 80 Juristen.

«Alte Garde» liefert Gutachten

Weitere prominente Namen mischen im Sika-Streit an vorderster Front mit. Allen voran Peter Nobel (69). Er ist der Grand-Seigneur der hiesigen Wirtschaftsjuristen. Nobel verteidigte einst Sulzer gegen die Angriffe von Werner K. Rey. Seither gab es kaum einen bedeutenden Rechtsstreit, bei dem der Advokat nicht auf der einen oder anderen Seite als Berater, Gutachter oder Supervisor wirkte. Die US-Justiz im Steuerstreit gegen die CS oder die Bank Wegelin, der Skandal um Notenbankchef Philipp Hildebrand – immer war Nobel zur Stelle. Auch Fifa-Präsident Sepp Blatter zählt auf den Rechtsprofessor, der in der Nähe des Zürcher Opernhauses seine eigene Anwaltskanzlei führt. Der passionierte Militärradfahrer, der auch mal einen Ferrari lenkt oder seine Cessna steuert, lehrte an den Universitäten in Zürich, St. Gallen, Moskau und New York. Friedrich Dürrenmatt ehrte Nobel mit einem Gemälde. Titel: «Der Wirtschaftsanwalt».

Nobel lieferte im Sika-Streit das «überlebensnotwendige Gutachten», dessen Quintessenz zwar nicht rechtskräftig bestätigt ist, den Sika-Chefs aber weiter Zeit verschafft (siehe Box).

Als Gegenwehr zur Expertise von Nobel bestellte die Familie Burkard ihr eigenes Gutachten. Und zwar bei keinem geringeren als dem Aktienrechts-Doyen der Schweiz: Peter Böckli, 78, emeritierter Professor für Steuer- und Wirtschaftsrecht der Universität Basel. Böckli verfasst seit über 50 Jahren viel beachtete Publikationen zum Wirtschaftsrecht. Zu seinen Kunden gehört auch der Bundesrat.

Nobel und Böckli – seit Jahren gute Freunde, bei Sika Gegner mit unterschiedlicher Rechtsauffassung. Böckli zerpflückt Nobels Gutachten, kommt zum Schluss: Der Verwaltungsrat ist nicht berechtigt, die Stimmrechte der Burkards zu beschneiden. Nach dem Entscheid des Kantonsgerichts Zug vom März steht es im Wettstreit zwischen den Gutachtern 1:0 für Nobel. Die Runde 2 läuft.

Branche ist stark gewachsen

Während Peter Nobel als Experte Sika beratend zur Seite steht, führt den juristischen Kampf ein anderer Spitzenanwalt: Rudolf Tschäni von Lenz & Staehelin. Die Kanzlei beschäftigt in der Stadt Zürich über 150 Anwälte. Bei Chambers & Partners, so etwas wie der Gault Millau der Juristen, heisst es: «Rudolf Tschäni hat einen fantastischen Ruf im M & A-Bereich.» Der 64-Jährige wird als «verdienstvoller, überlegter und kreativer Anwalt» gelobt.

Als sich Tschäni in den 1980er-Jahren auf M&A spezialisierte, war diese Disziplin eine Nische. Die Welt von heute sieht anders aus. Das Börsengesetz von 1995 führte zu mehr Regulierung. Die Globalisierung lässt Unternehmen grenzüberschreitend fusionieren, Firmenteile zukaufen oder abspalten. Immer häufiger tauchen Investoren und Beteiligungsgesellschaften, «Heuschrecken», auf. Sulzer, Saurer, Saia-Burgess, Schmolz & Bickenbach – die Angriffe auf Industrieperlen sind zahlreich. Die Prozessierbereitschaft ist gestiegen. Die Aktionäre sind kritischer, haben sich organisiert (Ethos, zRating).

Schenker, Watter und Tschäni. Einer der drei Platzhirsche ist bei allen wichtigen Wirtschaftstransaktionen dabei. Häufig stehen sie sich als Kontrahenten gegenüber. «Es ist wie im Tennis. Die besten treffen immer wieder aufeinander», sagt der Publizist Kurt W. Zimmermann.

Wechselnde Fronten

Urs Schenker scheut sich nicht, für ein Mandat von einer Seite auf die andere zu wechseln. So verteidigte er 2009 bei der Quadrant-Übernahme den Sara-Select-Fonds. Dieser wehrte sich, weil die Quadrant-Chefs eine stolze Prämie kassierten, während den Publikumsaktionären weniger blieb. Bei Sika ist das für Schenker okay: Die Burkards sollen eine Prämie von 80 Prozent erhalten, für alle anderen Aktionäre gibt es kein Angebot.

Der Fall Sika wird immer mehr zu Schenkers «Waterloo». Bei Sika holte man ihn für Übernahmen häufig als Rechtsberater. Nach dem 8. Dezember kündigte man alle Verträge mit Baker & McKenzie. Auch eine Sika-nahestehende Firma stoppte die Zusammenarbeit mit der Schenker-Kanzlei. Kritik gibts auch aus der eigenen Zunft. «Bei solch einem Verkauf zieht man weitere Profis hinzu: Investmentbanker, Kommunikationsspezialisten. Schenker hat dies unterlassen», sagt ein Zürcher Wirtschaftsjurist, der nicht im Fall Sika tätig ist. Wie auf dem Fussballfeld Eichrain stürmte Schenker alleine aufs Tor. Ihm winkt eine lukrative Summe. Auf 15 bis 30 Millionen Franken schätzen Branchenkenner sein Honorar, wenn der Deal mit Saint-Gobain zu Stande kommt.

Bis dahin verdient Urs Schenker fleissig weiter. Die Burkards setzen in ihrer Prozessierfreudigkeit weiterhin auf den Rechtsberater, der ihnen den ganzen Schlamassel eingebrockt hat. «Cui bono», fragte der römische Staatsmann Cicero in einer Verteidigungsrede im Jahr 80 vor Christus. «Wer profitiert?»

Ernst Meier

Peter Nobel findet den Burkard-Schenker-Code

Anfang Jahr schien der Widerstandskampf von Sika-Präsident Paul Hälg aussichtlos. Er konnte zwar Grossaktionäre wie Bill Gates auf seine Seite ziehen und auf die Unterstützung seiner Mitarbeiter zählen, doch das reichte nicht. Die Burkards verlangten eine ausserordentliche Generalversammlung, traktandierten die Abwahl von Hälg und zwei weiteren aufmüpfigen Verwaltungsräten.

Die Erbenfamilie, die via Schenker-Winkler-Holding, mit gut 16 Prozent des Aktienkapitals knapp 53 Prozent der Stimmen umfasst, standen kurz davor, den ihr lästigen Widerstand zu brechen. Die Übernahme durch Saint-Gobain und die Überweisung von 2,75 Milliarden Franken auf das Familienkonto waren zum Greifen nahe.

Für Paul Hälg war klar: Jetzt muss Peter Nobel her. Der «Doyen der Wirtschaftsanwälte» übernimmt den Fall und zieht sich mit seinem Kanzleipartner ins stille Kämmerlein zurück. Während Tagen wird gebrütet: Aktienrecht, ZGB, OR, Strafrecht, Sika-Statuten, Börsenmeldungen, Firmengeschichte ...

«Die Unbestechlichen»

Die Situation erinnert an die legendäre Widerstandstruppe «Die Unbestechlichen» der US-Bundespolizei FBI – verfilmt 1987 mit Kevin Costner und Sean Connery. Sie bekämpfte im Chicago der 1920er-Jahre den illegalen Alkoholhandel und die Korruption. Mit Razzien erzielte die Truppe Erfolge, Al Capone und seine Geschäfte konnte sie aber nicht stoppen. Da begannen die FBI-Leute Capones Buchhaltung unter die Lupe zu nehmen. Mit Erfolg: Al Capone wurde 1931 wegen Steuervergehen zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Peter Nobel wurde in den Sika-Statuten fündig. Er entdeckte den Schlüssel, den Romuald Burkard-Schenker (1925–2004) hinterlassen hatte. Der Firmenpatron verpasste es zwar, sein Erbe so zu regeln, dass kein Streit um Geld und Macht entstehen kann. Für den Fall, dass die Kinder ohne Rücksicht auf die Aktionäre ihr Eigentum verkaufen wollen, gab er dem Verwaltungsrat aber eine Stimmrechtsbeschränkung (Vinkulierung) in die Hand. Stimmrechtsaktien, Opting-out und Vinkulierung: Das Bollwerk von Romuald Burkard gegen eine feindliche Übernahme oder einen feindlichen Verkauf liegt bei den Richtern zur Prüfung. «Ein Urteil im Sinne der Erben und ihren Anwälten würde bedeuten, dass der Burkard-Schenker-Code geknackt wurde», schrieb der «Tages-Anzeiger». Aequis aequus – den Rechten recht.