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SIKA: «Wir werden keine Werke schliessen»

Der Saint-Gobain-Chef sieht trotz heftiger Gegenwehr den Sika-Kauf nicht gefährdet. Im Gespräch nimmt er zur Kritik an der umstrittenen Übernahme Stellung.
Interview Ernst Meier
Pierre-André de Chalendar gab am Sitz von Isover im waadtländischen Lucens Auskunft. Isover ist eine Tochterfirma von Saint-Gobain. (Bild: Eveline Beerkircher)

Pierre-André de Chalendar gab am Sitz von Isover im waadtländischen Lucens Auskunft. Isover ist eine Tochterfirma von Saint-Gobain. (Bild: Eveline Beerkircher)

Interview Ernst Meier

Herr de Chalendar, am 8. Dezember haben Sie den Kauf von Sika verkündet. Verwaltungsrat und Management bekämpfen seither die Transaktion. Haben Sie den Widerstand unterschätzt?

Pierre-André de Chalendar*: Wir sind überzeugt, dass der Kauf eine gute Transaktion ist für Sika; für die Angestellten, für das Management und auch für die Aktionäre. Die Familie Burkard hat bei ihrer Nachfolgeregelung verschiedene Möglichkeiten geprüft. Wir sind stolz, dass Saint-Gobain den Zuschlag bekam.

War es nicht ein Fehler, dass die Verkaufsgespräche ohne Verwaltungsrat und Management von Sika erfolgten?

De Chalendar: Die Familie nicht unsere Seite – hat das so gewollt. Saint-Gobain musste sich an die Spielregeln halten. Ich denke, als das Management vom Verkauf erfuhr, war man geschockt. Entsprechend die sehr emotionale Reaktion. Leider hat sich das Ganze seither zwischen der Familie und Sika sehr unglücklich entwickelt. Ich finde das schade. Meiner Ansicht nach ist das Verhalten der obersten Führung nicht sehr verantwortungsbewusst.

Kritisiert wird, dass die Familie für ihr Aktienpaket 2,75 Milliarden Franken erhält, die Publikumsaktionäre nichts.

De Chalendar: Jedem Aktionär war bekannt, dass eine Opting-out-Klausel besteht. Wir müssen den Publikumsaktionären deshalb kein Angebot machen. Ich aber bin überzeugt, dass sich die Übernahme auch für diese lohnen wird. Erstens werden wir sicherstellen, dass die Sika-Wachstumsstory weitergeht. Zweitens werden Synergien ermöglicht, die beiden Unternehmen und damit auch den Sika-Aktionären – zugutekommen.

Kommt es zu einem Stellenabbau?

De Chalendar: Ich spreche von Wachstumssynergien nicht von Kostenreduktionen oder Personalabbau. Sika und andere Unternehmen von Saint-Gobain ergänzen sich sehr gut in vielen Ländern. Wir werden so neue Absatzmöglichkeiten eröffnen können. Zudem entstehen Einsparmöglichkeiten beim Einkauf.

Vorerst verlieren die Sika-Publikumsaktionäre jedoch. Sie verzeichnen einen Kursverlust von gegen 20 Prozent.

De Chalendar: Der Aktienpreis ist einzig wegen des Verhaltens der obersten Führung gefallen. Ich glaube, die Aktie hätte positiv reagiert, wenn Verwaltungsrat und Unternehmensführung sich entschlossen hinter die Übernahme gestellt hätten.

Es ist jedoch das jetzige Management, das hinter der Erfolgs­geschichte von Sika steht. Die Frage ist also berechtigt, ob dies mit Saint-Gobain so weitergeht.

De Chalendar: Ich halte ausdrücklich fest: Die Mitarbeiter in der Schweiz müssen sich keine Sorgen machen im Gegenteil: Sie erhalten durch den Zusammenschluss neue berufliche Möglichkeiten. Saint-Gobain ist ein verantwortungsvoller Konzern und eine Wachstumsgeschichte. Es wird keine Restrukturierungen geben, keine Fabrikschliessungen. Wir wollen kein Personal abbauen. Wir wollen ja wachsen.

Kritisiert wird der entstehende Interessenkonflikt: Im Mörtelgeschäft steht Sika in Konkurrenz mit der Saint-­Gobain-Tochterfirma Weber-Marmoran.

De Chalendar: Wir sind nicht wirklich Konkurrenten im Mörtelgeschäft. Dieser Aspekt wird von Sika überschätzt. Die beiden Geschäftseinheiten ergänzen sich zum grössten Teil. Wenn ich Weber-Marmoran genau anschaue, dann sehe ich wichtigere Konkurrenten als Sika. Sika ist vielmehr ein wichtiger Anbieter von Bauzusatzstoffen und Spezialklebern.

Bei Sika sieht man dies anders. Deshalb hat man Ihnen vorgeschlagen, Weber-Marmoran an Sika zu verkaufen. Mit dem Erlös könnten Sie Ihren Kapitalanteil an Sika erhöhen.

De Chalendar: Weshalb sollten wir Weber-Marmoran an Sika verkaufen? Wir können darin keine unternehmerische Logik erkennen.

Von den Synergien bei Sika wird Saint-Gobain nur beschränkt profitieren.

De Chalendar: Ich gebe Ihnen Recht, von den Einsparungen auf Seite Sikas profitiert Saint-Gobain aufgrund des Kapitalanteils nur zu 16 Prozent. Wir kreieren durch die Synergien also vor allem Mehrwert für die restlichen 84 Prozent der Sika-Teilhaber. Das zeigt: Die Publikumsaktionäre profitieren ebenfalls von der Übernahme.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass sich Sika und Weber-Marmoran gleich entwickeln können?

De Chalendar: Ich sorge dafür, dass wir eine gute Corporate Governance haben. Im Sika-Verwaltungsrat werden die Publikumsaktionäre ihre Vertretung erhalten.

Die unabhängigen Verwaltungsräte und das Management wollen nach der Übernahme zurücktreten. Beunruhigt Sie das nicht?

De Chalendar: Wir werden sehen, was hier wirklich geschehen wird. Wir haben einen runden Tisch vorgeschlagen, um mit dem Management in Dialog zu treten. Im Verwaltungsrat wird es jedoch zu Veränderungen kommen, insbesondere werden die Familienvertreter ausscheiden.

Sie sprachen von einem Kaufvollzug Mitte 2015. Ist das noch realistisch?

De Chalendar: Ja, ich bin überzeugt, dass wir die Transaktion nach der Zusage der Wettbewerbskommission in der zweiten Jahreshälfte vornehmen können.

Juristische Streitereien könnten Ihnen da einen Strich durch die Rechnung machen.

De Chalendar: Die juristischen Diskussionen sind eine Angelegenheit zwischen dem Sika-Verwaltungsrat und der Familie Burkard, respektive deren Schenker-Winkler-Holding. Gesetzgebung und Aktienrecht in der Schweiz sind aber klar. Ich vertraue der Justiz in diesem Land.

Niemand kennt den Kaufvertrag zwischen Ihnen und den Burkards.

De Chalendar: Es ist ja auch eine private Transaktion zwischen zwei Parteien. So viel steht fest: Wir kaufen keine Sika-Aktien, wir kaufen die Schenker-Winkler-Holding.

Gegen 50 Prozent der Aktionäre unterstützen die Sika-Führung in ihrem Kampf gegen die Übernahme darunter sind Pensionskassen und auch die Stiftung von Bill Gates. Hat Sie das aufgeschreckt?

De Chalendar: Nein, die Investoren realisieren zunehmend, dass die Übernahme für alle Aktionäre zum Vorteil ist. Wir stehen mit einigen in Kontakt und werden weitere kontaktieren. Ich betone aber, wir sind derzeit nicht Aktionär von Sika. Wenn es so weit ist, treten wir mit den Investoren aktiv in Kontakt.

Falls die Gegenwehr zu mächtig wird, treten Sie vom Kaufvertrag zurück?

De Chalendar: Nein, ich betone nochmals: Der Vertrag ist besiegelt und gültig. Wir warten nur noch auf die Genehmigung der Wettbewerbsbehörden.

Bei Sika ist man entschlossen, die Vinkulierungsklausel anzuwenden und das Stimmrecht der Schenker-Winkler-Holding auf 5 Prozent zu reduzieren. Damit wären Sie die Kontrollmehrheit los. Ihr Sika-Aktienpaket wird zur ­reinen Finanzbeteiligung.

De Chalendar: In dieser Massnahme erkenne ich keinen Sinn. Dadurch würde die Familie Burkard nach über 100 Jahren enteignet. Ich glaube nicht, dass solch eine plötzliche Einschränkung der Stimmrechte vor Gericht Stand hält.

Warum ist der Widerstand gegen die Übernahme so gross? Ist das ein Schweiz-Frankreich-Konflikt?

De Chalendar: Nein, das glaube ich nicht. Es geht wohl vor allem um Autonomie. Ich habe von unseren General Managern in der Schweiz gelernt, dass für hiesige Unternehmen Autonomie sehr wichtig ist. Entsprechend gewähren wir ihnen viel Freiraum. Sika hat eine starke Kultur und war bisher immer sehr autonom von der Hauptaktionärin. Saint-Gobain gewährt bereits heute den Schweizer Tochtergesellschaften wie Rigips, Vetrotech, Sanitas-Troesch oder Isover viel Autonomie. Sie haben auch alle ihre Firmennamen behalten. Dies gilt umso mehr für Sika, die eine börsenkotierte Firma bleibt.

Mit 2,75 Milliarden Franken haben Sie einen hohen Preis bezahlt. Rechnet man Ihre Dividendenrendite aus, so kommen Sie auf knapp 1 Prozent. Das ist doch viel zu wenig.

De Chalendar: Es macht trotz tiefer Dividendenrendite Sinn, weil wir durch den Zusammenschluss auch bei Saint-Gobain Synergien erzielen können. Den Aufpreis, den wir auf die Sika-Beteiligung zahlen, ist dadurch gerechtfertigt.

In Spanien wurde Saint-Gobain kritisiert, weil man einen Mörtelhersteller übernommen hatte und kurz darauf alle fünf Fabriken im Land geschlossen hat. Es kam zu Entlassungen.

De Chalendar: Das hatte nicht mit unserer Geschäftspolitik zu tun, sondern war eine Folge der Finanzkrise. 2008 ist die Bauindustrie in Spanien um 80 Prozent eingebrochen. Entsprechend mussten wir bei allen Saint-Gobain-Firmen in Spanien Einschnitte vornehmen. Da waren wir nicht die Einzigen. Ich kann Ihnen garantieren: Saint-Gobain wird keine Werke in der Schweiz schliessen.

Wird die Übernahme vollzogen, dann haben Sie eine unfreundliche Übernahme getätigt.

De Chalendar: Mit Verlaub, das sehe ich anders. Saint-Gobain löst die Familie Burkard als Mehrheitsaktionärin ab. Eine unfreundliche Übernahme ist das nicht. Es gibt aktuell ein Problem zwischen dem Verwaltungsrat und der Familie Burkard. Das ist aber nicht unsere Angelegenheit.

Wo würden die Entscheide von Sika künftig beschlossen, in Paris?

De Chalendar: Nein, die Sika-Zentrale bleibt in Baar, auch der Standort für Forschung und Entwicklung sowie die Werke. Alle unsere hiesigen Tochterfirmen haben ihre Zentrale in der Schweiz beibehalten. Warum sollten wir aufgeben, was bisher gut funktioniert hat? Was mich derzeit nachdenklich stimmt, ist, dass gewisse Pläne, welche Kreise innerhalb der Sika-Führung verfolgen, dem Unternehmen Schaden zufügen könnten.

* Pierre-André de Chalendar (56) ist CEO und Präsident des Verwaltungsrates von Saint-Gobain.

«Kein runder Tisch»

Die Sika-Mitarbeiter lehnen die Einladung von Saint-Gobain zum runden Tisch ab. Die Diskussion über die Zukunft Sikas müsse mit Verwaltungsrat und Geschäftsleitung geführt werden, schreiben sie in einer Antwort an Pierre-André de Chalendar. Die 17 000 Mitarbeiter seien immer noch motiviert, für Sika zu arbeiten. Ihr Vertrauen sei nicht käuflich; sie müssten überzeugt werden von der Transaktion, heisst es. Bisher sei dies nicht gelungen. Es bestehe die Gefahr, dass Mitarbeiter Sika unter Saint-Gobain verlassen. Die Sika-Manager bezeichnen die Pläne von Saint-Gobain als «feindliche Übernahme». Unterschrieben haben den Brief 114 Sika-Länderchefs.

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