Kauft SIX die spanische Börse?

SIX will für 2,8 Milliarden Franken die spanische Börse kaufen.

Daniel Zulauf
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SIX will die spanische Börse kaufen. (Archivbild: Keystone/Ennio Leanza, Zürich, 7. März 2016)

SIX will die spanische Börse kaufen. (Archivbild: Keystone/Ennio Leanza, Zürich, 7. März 2016)

In der Neuordnung der globalen Börsenlandschaft war SIX, die Betreiberin der Schweizer Finanzmarktinfrastruktur, bislang Zaungast. Jetzt gehen die Eidgenossen überraschend in die Offensive und unterbreiten den Aktionären der börsennotierten Bolsas y Mercados Españoles (BME) ein Übernahmeangebot. Die gestern öffentlich gemachte Offerte lautet auf 2,84 Milliarden Euro. Ein satter Aufpreis von 34 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag.

Aus dem Zusammenschluss ergäben sich bedeutende Grössenvorteile, erklärte SIX-Chef Jos Dijsselhof den Sinn des angestrebten Kaufs. Beide Bör- sen betreiben ihre eigenen elektronischen Systeme, mit denen Wertpapiergeschäfte getätigt, abgewickelt und abgerechnet werden. Experten gehen davon aus, dass durch die Zusammenführung der Informatiksysteme ein Drittel der operativen Kosten eingespart werden können.

Den Löwenanteil dieser Einsparungen werden die Börsen aber nicht selbst behalten können, sondern müssen diese ihren Nutzern – den Banken – zu- gutekommen lassen. Die ehemaligen staatlichen Monopolbörsen müssen ihre Kunden mit solchen Rabatten bei der Stange halten, damit diese ihre Geschäfte nicht auf eigene alternative Handelsplattformen transferieren. Die SIX befindet sich insofern in einer guten Ausgangslage, als sie vollumfänglich im Besitz ihrer Nutzer steht. Für die spanische Börse besteht die Herausforderung darin, dass sie nebst den preislichen Erwartungen ihrer Nutzer auch den Ansprüchen ihrer Publikumsaktionäre genügen muss.

BME kämpft auch seit einiger Zeit mit einem problematischen Umfeld. Hohe Kosten und ein stark nachlassendes Handelsvolumen setzen dem Unternehmen zu. Die Aktie erreichte im Juli den Tiefstand von 20 Euro.

Im Aktienhandel ist die Schweizer Börse wesentlich grösser als die spanische. Der kumulierte Marktwert der rund 220 an der SIX Swiss Exchange kotierten Aktien belief sich per Ende 2018 auf mehr als 1300 Milliarden Franken. Jener der knapp 120 spanischen Gesellschaften erreichte zum gleichen Zeitpunkt rund 1000 Milliarden Euro. Der Aktienmarkt der beiden Länder ist strukturell ziemlich unterschiedlich. Inditex, der Textilhandelskonzern, zu dem auch Zara gehört, ist mit 87 Milliarden Börsenwert das wertvollste Unternehmen am spanischen Markt. In der Schweiz sind die wertvollsten Unternehmen wie Nestlé, Novartis oder Roche ein Vielfaches grösser.

Kein Zusammenhang mit EU-Streit

Die Konsolidierung der internationalen Börsenlandschaft ist derweil in vollem Gang. Im Frühjahr 2018 übernahm die Mehrländerbörse Euronext (Amsterdam, Brüssel, Paris, Lissabon) die Börse in Dublin. Und dieses Jahr kam Euronext in Oslo zum Zug. Die anderen skandinavischen Börsen gehören bereits der amerikanischen Nasdaq. Euronext hat auch in Madrid Kaufinteresse angemeldet. «Die Konsolidierung war auch für uns ein starkes Motiv, aktiv zu werden», sagte Dijsselhof gestern. Auf die Frage, ob die Schweizer Börse bei einem Scheitern der Übernahme den bisherigen Alleingang nicht weiter fortsetzen könne, meinte der Niederländer: «Die SIX bleibt auch ohne Übernahme ein starkes Unternehmen, aber die Zusammenschlüsse in unserer Industrie sind ein Faktum.» Dementiert hat Dijsselhof indes die Spekulation, der Expansionsversuch nach Spanien habe einen Zusammenhang mit der seit Ende 2019 suspendierten Anerkennung der schweizerischen Börsenregulierung durch die EU. Das von der Schweizer Regierung erlassene Gegenregime bewähre sich.