SKANDINAVIEN: Seine App schubst Kontakte an

Sich spontan mit anderen Menschen verabreden: Das ermöglicht eine App des Luzerners Patrik Schär. In Finnland wurde ­seine Firma vor kurzem zum heissesten Start-up gekürt.

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Der Luzerner Patrik Schär vor dem grössten Werbe-Screen Finnlands am Kamppi-Einkaufszentrum in Helsinki. Auf dem Screen prangt die Werbung für Schärs Kontakt-App Nau. (Bild: PD)

Der Luzerner Patrik Schär vor dem grössten Werbe-Screen Finnlands am Kamppi-Einkaufszentrum in Helsinki. Auf dem Screen prangt die Werbung für Schärs Kontakt-App Nau. (Bild: PD)

«Jungunternehmer zu sein, ist eine Achterbahnfahrt», sagt Patrik Schär (30), als wir ihn per Telefon in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen erreichen. «Man ist ständig mit einem Bein pleite und mit dem anderen reich.» Er ist unterwegs. Wie so oft. Vor gut drei Wochen rief er die App NAU – der Name ist an das englische Wort «now» angelehnt, «jetzt» – ins Leben.

App hat bereits 2000 Nutzer

NAU ortet das Handy des Nutzers und erlaubt ihm, sich spontan mit Freunden oder Fremden zum Kaffee, Sport oder zum Feierabendbier zu verabreden. Schär hofft, dass die App zum «kleinen zusätzlichen Schubser für die manchmal etwas kontaktscheuen Skandinavier wird». Folglich konzentriert er sich mit seinem Team auf Finnland, Dänemark und Schweden. Sein Team, das sind fünf weitere Jungunternehmer aus vier Ländern. Ihre Arbeit zeigt bereits erste Erfolge: Über 2000 Personen sind bereits Nutzer von NAU (75 in der Schweiz). Diese Woche wurde die Marke von 1000 spontanen Treffen erreicht. Die Zahl der spontanen Treffen ist für das Unternehmen aktuell der wichtigste Messwert.

Offen, wortreich, selbstironisch

Begonnen hat alles Ende 2012. Als sich Patrik Schär an der Copenhagen Business School für ein Wirtschafts­studium einschrieb, kannte er dort niemanden. Dass der Gründer einer Kontaktaufnahme-App seinen Bekanntenkreis in einem fremden Land innert kurzer Frist exponentiell zu erweitern wusste, ist irgendwie passend.

Im Gespräch ist Schär offen, wortreich und selbstironisch. Er erzählt spontan von seinen Anfängen in der dänischen Hauptstadt, den Herausforderungen eines Start-up-Unternehmers und seinen Zentralschweizer Wurzeln. Für Kopenhagen habe er sich entschieden, weil ihm die nordischen Länder aufgrund früherer Reisen gut gefallen hätten und weil ihm das dortige Klima für Start-ups reizvoll schien.

Auf der Rigi ist er aufgewachsen

Aufgewachsen ist Patrik Schär auf der Rigi und in Luzern, wo er bei der Luzerner Kantonalbank die Lehre absolvierte. Danach arbeitete er während zehn Jahren bei diversen Finanzdienstleistern in Luzern und Zürich, zuletzt als Software-Produktentwickler. «Das Entwickeln, das ‹Tüfteln›, das gefiel mir», sagt er rückblickend.

Entstanden ist aus dieser Leidenschaft nun NAU. Mit der Lancierung einer App liegt Schär genau im Trend. Der ­globale Markt für mobile Apps – also ­Programme für Handys und Tablets – bewegt sich längst in Milliardensphären. Die Prognosen für die kommenden Jahre zeigen steil nach oben (siehe Box). Die Umsätze werden zu grossen Teilen durch Werbung generiert.

Ab 10 000 Nutzern rentiert es

Wie anspruchsvoll ist es denn, mit einer Gratis-App Geld zu verdienen? «Schwierig. Doch will man das überhaupt?», fragt Schär provokativ. Für ihn und sein Team sei «Wachstum momentan wichtiger, als Geld zu verdienen oder gar kostendeckend zu sein». Schär fährt fort: «Die Faustregel ist, dass eine solche App ab zirka 10 000 Nutzern rentabel wird», wobei sich diese bei der NAU-App ja auch noch in örtlicher Nähe befinden müssten. Generell schätzt er, dass 80 bis 90 Prozent der Start-ups dieser Art scheitern.

Wie hat er die Entwicklung bis hin zur Lancierung seiner App denn finanziert? In Skandinavien – und speziell in Finnland – werden Start-ups über verschiedene Kanäle gezielt unterstützt, staatliche und private Geldquellen ergänzen sich. Schär bezog für seine Idee Zuschüsse aus beiden Töpfen, was er als Anhänger privater Finanzierung etwas ungern zugibt. Die gut organisierte Förderung ist mit ein Grund, warum das Unternehmen inzwischen ein Büro in Helsinki unterhält und als finnische AG registriert ist. Ausserdem kamen er und seine Mitstreiter aus Kostengründen nicht um ein Outsourcing eines Grossteils der Software-Entwicklung nach Pakistan herum. Trotz oft widriger Umstände sei sein Erfolgsrezept: «Einfach immer weitermachen», sagt Patrik Schär.

Pendler zwischen Hauptstädten

«Bis jetzt stehen die Zeichen für den Luzerner und seine App gut. Erst gerade wurde seine Firma Whostr, die NAU betreibt, zum «heissesten Start-up» des Monats März in Finnland erkoren. Inzwischen pendelt der Innerschweizer zwischen den Hauptstädten Finnlands und Dänemarks. Denkt er auch manchmal daran, in die Schweiz zurückzukehren? «Sicher», sagt Schär und fügt etwas verschmitzt an: «Aber wenn es so weiterläuft, bleibe ich noch ein wenig in den nordischen Ländern.»

Livio Brandenberg

Hinweis

Die App Nau finden Sie unter www.nauapp.com