Uhrenindustrie
Smartwatch als Einstiegsdroge: Wie der Uhren-Markt aufgemischt wurde

Lange unterschätzten Schweizer Uhrenhersteller die Smartwatch — einige erkennen inzwischen ihr Potenzial.

Fabian Hock
Merken
Drucken
Teilen
Dank der Apple Watch ist der US-IT-Konzern heute einer der umsatzstärksten Uhrenhersteller der Welt.

Dank der Apple Watch ist der US-IT-Konzern heute einer der umsatzstärksten Uhrenhersteller der Welt.

Keystone

Die aktuelle Liste der umsatzstärksten Uhrenhersteller der Welt liest sich wie eine dieser Aufgaben in einem Intelligenztest: Welche Marke passt nicht in die Reihe? Zur Auswahl stehen: Rolex, Apple, Fossil, Omega, Cartier. Geht es nach Swatch-Chef Nick Hayek ist die Antwort klar: Apple verkauft keine Uhren, sondern bestenfalls Unterhaltungselektronik fürs Handgelenk, würde dieser sagen. Das betont Hayek mantraartig, wenn er auf die mögliche Konkurrenz durch Smartwatches angesprochen wird. Da alle anderen richtige Uhren machen, fällt demnach Apple aus der Reihe. Für alle, die nicht Nick Hayek sind, müsste die Antwort jedoch heissen: Es ist eine Fangfrage. Denn sie gehören alle in die Liste.

Klar, Rolex hat nach wie vor die Krone auf. Weltweit macht keiner mehr Umsatz mit Uhren als der Schweizer Luxushersteller. Doch gleich danach, noch vor der US-Firma Fossil und der Swatch-Tochter Omega, hat sich der IT-Konzern Apple breitgemacht. Platz zwei beim Umsatz mit Uhrenverkäufen. Zumindest sagt das Apple selbst. Offizielle Zahlen geben die US-Amerikaner nicht heraus und auch viele andere Hersteller verstecken ihre Verkaufszahlen vor der Öffentlichkeit. Unplausibel, sagen Branchenkenner, sei die Apple-Liste allerdings nicht. Im Gegenteil: Wenn Apple mit einer ähnlichen Schlagzahl weitermacht wie bisher, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis Rolex von der Spitze verdrängt ist.

Grosses Potenzial

Sorgen macht das Rolex freilich nicht, denn die Genfer kämpfen mit Apple nicht direkt um Kunden. Anders sieht es in den mittleren und tiefen Preissegmenten aus. Für diese entsteht durch die Smartwatch neue Konkurrenz.

Vor allem eine Entwicklung sollte die Uhrenhersteller aufrütteln: Es sind besonders die Jungen, bei denen die Smartwatch ankommt. Das zeigt eine aktuelle Studie der Unternehmensberater von Deloitte. Eine entsprechende Umfrage zeigt die weltweite Smartwatch-Lust: So gaben 60 Prozent der der befragten Chinesen an, sie könnten sich vorstellen, in den nächsten 12 Monaten eine Smartwatch zu kaufen. In Italien sind es 50 Prozent, in der Schweiz immer noch etwa 20. Die unter 50-Jährigen liegen hier jeweils deutlich vorn. In vielen Ländern sind die unter 30-Jährigen besonders interessiert.

Wenig überraschend, könnte man sagen, schliesslich ist gerade die Jugend leichter für Technologie zu begeistern. Und eine Luxusuhr kaufen die ja sowieso noch nicht. Doch weil die jüngere Generation zuletzt häufig komplett auf einen Zeitmesser am Handgelenk verzichtete, bietet der Smartwatch-Boom auch für die etablierten Hersteller Chancen: Durch die Smartwatch könnten sie sich bereits früh daran gewöhnen, etwas am Handgelenk zu haben. Für die jungen Kunden wäre dies also der Einstieg in die Uhrenwelt — und nicht nur das: «auch ein Einstieg in die jeweilige Markenwelt», sagt Deloitte-Partnerin und Uhrenexpertin Karine Szegedi. Sobald die jüngeren Träger der Smartwatch entwachsen sind, tauschen diese dann im besten Fall die elektronische Uhr in ein langlebigeres — und teureres — traditionelles Modell.

Elektro gegen Mechanik

Der Schweizer Hersteller Tag Heuer etwa setzt diese Form der Kundenbindung bereits ganz offen ein: Wer eine Smartwatch des Herstellers kauft, kann diese nach zwei Jahren gegen eine mechanische Version tauschen — zu einem vergünstigten Preis. Bei Tag Heuer jedenfalls scheint sich bereits auszuzahlen, dass man früh auf die Smartwatch gesetzt hat: Im nächsten Jahr könnte die Firma dank einer neuen Modell-Palette über 100 000 Smartwatches verkaufen, schätzen die Deloitte-Berater.

An Apple kommt Tag Heuer damit zwar noch nicht heran. Doch eines hat der Schweizer Hersteller den Amerikanern voraus: Während Apple kürzlich die Produktion seiner High-End-Smartwatch für 10 000 Franken mangels Interessenten eingestampft hat, finden die Schweizer auch für ihre hochpreisigen (analogen) Modelle Abnehmer.