SNB: So tickt der Chef der Nationalbank

Mit ihrem Entscheid, den Mindestkurs aufzuheben, überraschte die Nationalbank alle. Dafür muss Thomas Jordan Kritik einstecken. Nun kontert er.

Max Fischer
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Er will verstehen, wie Geld und Geldpolitik funktionieren. Viel Geld zu verdienen, ist hingegen nicht das Ziel des Thomas Jordan. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Er will verstehen, wie Geld und Geldpolitik funktionieren. Viel Geld zu verdienen, ist hingegen nicht das Ziel des Thomas Jordan. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Der Entscheid von Thomas Jordan kam einem Erdbeben an den Finanzmärkten gleich. Allein an der Schweizer Börse wurden in kürzester Zeit 99 Milliarden Franken vernichtet, basierend auf der Marktkapitalisierung des SMI. Während ihm der Ex-UBS-CEO Oswald Grübel gratulierte, gingen andere Finanzfachleute kritischer mit Jordan ins Gericht. «Dieser Schritt kam etwas überraschend», mockierte sich IWF-Chefin Christine Lagarde. Thomas Jordan habe sie davor nicht kontaktiert, meinte sie leicht genervt gegenüber dem amerikanischen Wirtschaftssender CNBC. Der «Spiegel» titelte «Die Schweiz kapituliert vor dem schwachen Euro» und die «Financial Times» stellte gar die Frage nach der Entlassung des Notenbankers.

Auftritt unter Polizeischutz

Harte Worte. Doch Jordan drückt sich nicht um die Verantwortung. Er taucht auch nicht ab, wie es viele andere Wirtschaftsführer in ähnlichen Situationen machen. Noch am Tag des historischen Entscheids nahm er einen seit einem Jahr abgemachten Termin wahr: Im zürcherischen Horgen trat er an einem Anlass der SVP- und FDP-Bezirksparteien auf. Die zwölf aufgebotenen Polizisten und Personenschützer mussten nicht eingreifen, die Stimmung blieb gut und locker. Laut einem Teilnehmer blieb das Hirn der Nationalbank nach der Fragerunde gar noch für einen Schwatz und trank ein Glas Weissen. Mehr noch: Ein junger Mann mit Bart schoss ein Selfie mit Thomas Jordan, wie die «Zürichsee-Zeitung» berichtet. Manche gratulierten ihm. Gebibbert habe er vor diesem Auftritt nicht, so Jordan. «Als Nationalbank-Präsident legt man sich eine dicke Haut zu.»

Verständnis für den Unmut

Die Experten nehmen Jordan härter in die Zange als die Bürgerinnen und Bürger. Viele bemängeln, mit der überraschenden Kehrtwende habe die Nationalbank ihre Glaubwürdigkeit ramponiert. Das will Jordan so nicht auf sich sitzen lassen: «Ich glaube, die Nationalbank ist dann glaubwürdig, wenn sie jene Entscheide trifft, die in der mittleren und langen Frist notwendig sind», widersprach er gestern in einem Interview mit der NZZ.

«Hätte die Nationalbank trotz der Einsicht, dass ein Aufrechterhalten des Mindestkurses nicht mehr nachhaltig ist, den Entscheid vertagt, hätte das ihre Glaubwürdigkeit beschädigt», zeigt sich Jordan überzeugt. Er hat Verständnis dafür, dass die Aufgabe des Mindestkurses nun für viele schmerzhafte Folgen hat und zu Unmut führt. Alternativen wie ein etappenweiser Ausstieg oder eine Orientierung an einem Währungskorb hätten seiner Meinung nach die Grundprobleme aber nicht gelöst. Im Gegenteil: «Sie hätten dem Markt signalisiert, dass Veränderungen anstehen und die Aufrechterhaltung eines Mindestkurses nicht nachhaltig ist.»

Rückzug in Etappen nicht möglich

Es ist laut Jordan praktisch unmöglich, stufenweise zurückzugehen, weil dann der Markt dazu eingeladen wird, gegen die Nationalbank zu spekulieren – und man dann schliesslich dennoch aussteigen muss. Für ihn steht fest: «Eine dauerhafte Anbindung an den Euro war nie ein Thema. Die Schweiz hat eine unabhängige Währung und eine selbstständige Geldpolitik. Der Mindestkurs war von Anfang an als temporäre Massnahme gedacht.» Trotz der momentan grossen Verunsicherung – gerade in exportorientierten Branchen – bleibt Jordan zuversichtlich: «Was wir jetzt beobachten, ist ein massives Überschiessen.» Der Franken sei auf dem derzeitigen Niveau stark überbewertet gegenüber allen Währungen. Der Markt wird laut Jordan nach und nach feststellen, dass diese Überbewertung nicht gerechtfertigt ist.

Er erinnerte daran, dass die Schweiz 2011 aus einer grossen Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen ist, wir eine starke Aufwertung und grosse Verwerfungen in der Euro-Zone hatten. Optimistisch meint er: «Seither hatte die Schweizer Wirtschaft dreieinhalb Jahre Zeit, sich anzupassen. Sie ist heute in einer wesentlich besseren Verfassung. Das zeigen die guten Exportzahlen, das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigungslage.»

Zwar hat sich die Nationalbank vom Mindestkurs verabschiedet. Doch sie wird die Wechselkurssituation weiter berücksichtigen und wenn notwendig am Devisenmarkt intervenieren. Das heisst: Ruhiger wird es für Thomas Jordan nicht werden. Vielleicht etwas weniger hektisch. Die letzten Wochen und Monate forderten vom Notenbankchef alles: Jordan ging jeden Morgen nach dem Aufstehen zuerst in sein privates Arbeitszimmer und verfolgte dort auf seinem iPad die Kurse. Dann rief er die Handelsabteilung an und liess sich darüber orientieren, wie die Nacht verlaufen war. 25 Händler sorgten Tag und Nacht dafür, dass die Untergrenze eingehalten wurde. Wie – das bleibt das Geheimnis von Jordan und seinen Spezialisten. Nur so viel: Diese Cracks waren zur totalen Verschwiegenheit verpflichtet – nicht einmal mit ihren Familienangehörigen durften sie über die Umsetzung des Mindestkurses reden. Und Chef Jordan blieb auch in der Nacht jederzeit erreichbar.

Zwar bewegt sich der 51-Jährige bei Empfängen und Banketten nicht so eloquent wie sein Vorgänger Philipp Hildebrand. Doch fachlich hat es der Geldmarktspezialist drauf. Schon der frühere Ebner-Banker Professor Kurt Schiltknecht konstatierte: «Es gibt keine linke oder rechte Geldpolitik, sondern nur eine gute oder schlechte. Thomas Jordan ist ein Garant für die gute.» Kein Wunder, legte dieser eine Blitzkarriere hin. Beim legendären geldpolitischen Vordenker Ernst Baltensperger verdiente er sich als Assistent an der Uni Bern seine Sporen ab. Der Ökonomieprofessor brachte ihm das nötige Rüstzeug bei. Am Ende seiner Studien ging Jordan für einen Forschungsaufenthalt an die Harvard University. Dort war sein Mentor die Professorengrösse Benjamin Friedman. Schon in seiner Doktorarbeit wies Jordan 1993 auf die Gefahren einer unvollständigen Europäischen Währungsunion hin.

Steil ging es bei der Nationalbank nach oben: 1997 fing Jordan mit 34 Jahren als wissenschaftlicher Assistent an. Seine Chefs waren Chefökonom Georg Rich und der damalige Nationalbank-Präsident Hans Meyer. Schon nach zwei Jahren beförderten sie Jordan zum Vizedirektor. Unter den Chefs Jean-Pierre Roth und Philipp Hildebrand gings weiter aufwärts: 2004 wurde Jordan Stellvertreter von Hildebrand und schon 2007 volles Mitglied der Direktion. Er stand beispielsweise an vorderster Front, als 2008 die Zweckgesellschaft Stabfund zur Rettung der UBS gegründet wurde.

Alle fragen sich: Wie tickt Jordan? Seine Führungsprinzipien sind klar. Er will Vorbild sein und Vertrauen geben. Ziele setzen und Entscheidungskompetenz wenn immer möglich delegieren. Seinen Mitarbeitenden will er Handlungs- und Entwicklungsspielräume ermöglichen. Und wichtig ist ihm, die Leistung von Mitarbeitenden anzuerkennen und deren Vorschläge einzubeziehen.

Ein Job mit solch einer riesigen Verantwortung geht an die Substanz. Wo tankt der ruhige Akademiker auf? Früher spielte er Wasserball. Heute reichts noch für etwas Kraft- und Fitnesstraining. «Ansonsten schaue ich, dass ich meine Freizeit möglichst mit der Familie verbringen kann», sagt er. Er ist Vater von zwei Söhnen im Teenager-Alter. Seine Frau Jacqueline lernte er gegen Ende der Schulzeit in Biel kennen. Dort ist er geboren und aufgewachsen. Sie war später Englischlehrerin und ist heute als Fachhochschul-Dozentin für Englisch tätig. Die Familie wohnt am Zürichsee. Der eine Bruder arbeitet bei der Berner Kantonalbank, der andere ist Geologe in Baselland. Obwohl er sich seit Jahren fast rund um die Uhr mit Geld auseinandersetzt, ist sein Einkommen wesentlich tiefer als jenes der vergoldeten Spitzenkräfte bei den Banken: 2013 machten seine gesamten Bezüge rund 1 Million Franken aus. Thomas Jordan meint: «Es war nie mein Ziel, viel Geld zu verdienen, sondern zu verstehen, wie Geld und Geldpolitik funktionieren.»

Max Fischer