Finanzmärkte
So reagieren Börsianer auf den Crash in China

Ein ökonomischer Blick unter die Schädeldecke soll erklären, wie Börsianer ticken. Die Bestandsaufnahme zeigt: Seine Reflexe aus der Finanzkrise sind intakt.

Tommaso Manzin
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Nach dem Einbruch der Börsen am Montag haben sich die Finanzmärkte gestern erholt.

Nach dem Einbruch der Börsen am Montag haben sich die Finanzmärkte gestern erholt.

Keystone

Der Absturz der Börsen in China hat die Aktienmärkte in aller Welt mitgerissen. Die Kommentare am Montag liessen Apokalyptisches erahnen. Von Blutbad, Panik war die Rede, von der nächsten Depression. Am Dienstag beruhigten sich viele Börsen. Katerstimmung und Unsicherheit, wie es weitergeht. Aber kein Weltuntergang.

Spätestens seit der Finanzkrise dürfte sich die Bevölkerung fragen: Wie funktioniert das Gehirn eines Bankers? Im Oberstübchen, das wir vorfanden, zeigte sich – angesichts wilder Fantasien von Bankern in Filmen wie «Wolf of Wallstreet» ein sehr aufgeräumter Sinn für Einfachheit: Kammern aus ökonomischen Signalen, die ihm den Durchblick geben sollen. Einige davon haben wir herausgepickt.

Wissen tut man nur Vergangenes

Es gibt vereinfacht gesagt zwei Kategorien von Signalen: Solche, die sich auf die Zukunft beziehen – meist Stimmungsumfragen oder ökonometrische Modelle: Dazu gehören die Einkaufsmanagerindizes PMI oder Stimmungsbarometer wie der Sentix-Konjunkurindex. Zur zweiten Kategorie gehören Daten, die die tatsächliche Entwicklung nachzeichnen: Zahlen des Bruttoinlandprodukts (BIP) oder aber zur Arbeitslosigkeit. Doch genauso, wie die jüngste Vergangenheit – disruptive Ereignisse beiseitegelassen – einen Anhaltspunkt für die nahe Zukunft liefern sollte, basieren auch die der realen Entwicklung vorlaufenden Indikatoren letztlich auf Daten der Vergangenheit: Statistische Methoden extrapolieren beobachtete Muster ausgehend von den letzten Daten in die Zukunft. Und auch die Experten in den Umfragen stützen sich letztlich auf das, was sie schon wissen – es gibt keine Erfahrung aus der Zukunft. Weil Zukunftsindikatoren letztlich nur bestmögliche Schätzungen sind, werden sie oft auch als weiche Daten (Soft Data) bezeichnet. Daten, die erhärtet sind, heissen Hard Data.

Lässt sich die Bedeutung ökonomischer Daten und Indikatoren auch am tatsächlichen Verhalten beobachten? Nehmen wir als Versuchsanlage die jüngsten Turbulenzen in China: Vergangene Woche ist der PMI in China auf den tiefsten Stand seit 2012 gefallen. Nachdem die Börse nach der Veröffentlichung schlechte Exportzahlen und anderer für das Wachstum relevanter Daten bereits davor einen Crash in Raten vollzogen hatte, brach der Leitindex, der Shanghai Composite Index, abermals ein. Andere Börsenplätze folgten: Nachdem die Angst vor einer Wachstumsverlangsamung in China seit Jahren schwelt, kam es bei unserem Modellbanker zur Reizüberflutung: Verkaufen, nichts wie weg. Die Erholung an den Börsen am Dienstag deutet zwar auch auf eine klassische Gegenbewegung hin: Herrscht plötzlich Panik, schiesst die Reaktion an den Börsen meist über das Ziel hinaus. Am Tag danach nutzen Käufer womöglich die übertrieben gesunkenen Kurse zu Käufen: Die Börsen legen wieder etwas zu.

Es gibt aber noch einen anderen Grund für die Beruhigung: Die chinesische Notenbank hatte schon vor zwei Wochen signalisiert, dass auf sie zu zählen ist: sie wertete die Landeswährung Renminbi in drei Schritten um insgesamt rund 3,4 Prozent ab. Damit sollen Exporte und damit das Wachstum gefördert werden. Seit letztem Sonntag ist es den chinesischen Pensionskassen zudem erlaubt, Aktien zu kaufen. Auch dies soll die Kurse stützen. Die Märkte durften also mehr erwarten.

Schlechte Daten als Kaufsignal

Und siehe da, Hilfe kam: Am Montag senkten die Währungshüter in China die Zinsen für einjährige Kredite um 0,25 Prozentpunkte auf 4,6 Prozent. Sinken die Zinsen, wird Geld billiger, was Investoren anregt, in Aktien zu investieren. Auch die Zentralbank Chinas scheint sich – wie vor ihr jene Japans und der Eurozone – an das Drehbuch zu halten: Die Wirtschaft über Exporte stimulieren ist der erste Reflex.

Nicht nur der aus der Finanzkrise nach 2008 stammende Schutzreflex der Notenbanken, auch die Konditionierungen der Märkte scheinen intakt: Lockere Geldpolitik heisst für sie, dass die Kurse steigen werden. Sechs Jahre weltweite Hausse haben sie überzeugt. Selbst eine zappendustere Konjunktur hinderte die Börsen nicht dran, von Rekord zu Rekord zu eilen – im Gegenteil: Schlechte Neuigkeiten quittierten sie mit Champagnerlaune: «Bad news are good news» – die Perversion bodenständiger Ökonomenlogik.

So auch jetzt: Die fundamentalen Zweifel an der chinesischen Wachstumsdynamik haben sich nicht verflüchtigt. Doch die meisten Börsen ausserhalb China erholten sich. Der Swiss Market Index (SMI) stieg nach dem Zinsentscheid 3,9 Prozent, der deutsche Leitindex Dax 4,5 Prozent, die US-Börse notierte 2 Prozent fester.

Experten gehen davon aus, dass die chinesische Abwertung und umso mehr die Zinssenkung auch andere Notenbanken zwingen könnte, die Geldschleusen offen zu halten. Die erste Zinserhöhung seit bald 10 Jahren durch die US-Notenbank, die lange für September erwartet wurde, könnte auf nächstes Jahr schlittern. Die Liquiditätsbedingungen blieben also länger als erwartet freundlich für Aktien.

Wie aber geht es weiter? Für immer kann das nicht nur von der Spendierfreude der Notenbanken abhängen. Irgendwann muss auch das «wirkliche» Wachstum, getragen von der Nachfrage der Konsumenten, von den Investitionen der Unternehmen und ihren Gewinnen zurückkehren – Notenbanken können den Aufschwung stimulieren, nicht aber begründen. Dann werden gute Nachrichten wieder gut und schlechte schlecht sein.

Wichtig dabei: Für den echten Banker zählt nur die Zukunft. Was verloren wurde, ist vergessen. Besseren Zeiten nachzutrauern, liegt ihm nicht. Es geht ihm darum, was die Zukunft bringt. Und das Beste, was er hat, um diese abzuschätzen, sind Daten und Indikatoren.