ChemChina

So ticken die Chinesen, die nach Syngenta greifen

Der grösste Chemiehersteller der Volksrepublik China drängt mit voller Kraft auf die Weltmärkte. Welche Strategie verfolgt das chinesische Staatsunternehmen, das auch an Syngenta interessiert sein soll?

FELIX LEE, Peking
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Mit Übernahmen hat Ren Jianxin schon viel Erfahrung gemacht. Es wird erzählt, dass der heutige Chef von ChemChina einst mit einem Kredit von gerade einmal 10 000 Yuan (das sind heute 1500 Franken) sein Imperium aufbaute. Mitte der Achtzigerjahre war das, damals betrieb er eine chemische Reinigung – und zwar mit so grossem Erfolg, dass die chinesische Führung ihm in den Folgejahren mehr als 100 marode Chemiefabriken in Staatsbesitz anvertraute.

Diese Fabriken sollten zwar in Staatsbesitz bleiben, unter seiner Ägide aber effizienter und wettbewerbsfähiger werden. Das gelang. Und zwar auch mit unkonventionellen Methoden: Als in den Neunzigerjahren ein massiver Personalabbau anstand, verzichtete Ren auf Entlassungen. Stattdessen gründete er die Restaurantkette «Malan Noodle» und stellte die Geschassten dort ein. Heute ist Malan Noodle eine der erfolgreichsten Imbissketten in China.

Als Chef von ChemChina beschäftigt Ren heute mehr als 140 000 Mitarbeiter und ChemChina ist mit einem Umsatz von derzeit rund 45 Mrd. US-Dollar eines der erfolgreichsten Staatsunternehmen Chinas. Seit einiger Zeit ist Ren auch weltweit auf Einkaufstour.

Eine lange Liste

Allein die Liste der jüngsten Übernahmen und Angebote lässt weltweit die Branche erzittern. Im Dezember bekundete der chinesische Staatskonzern sein Interesse für eine Mehrheitsbeteiligung am Basler Agrochemie-Konzern Syngenta. ChemChina ist bereit, rund 30 Milliarden Dollar zu zahlen, um rund 70 Prozent der Syngenta-Anteile sein Eigen nennen zu können. Auch andere Firmen bekunden Interesse an Syngenta. Gespräche mit der Syngenta-Spitze laufen.

Angesichts dieses finanziellen Volumens war die Übernahme eines Anteils von 12 Prozent am Genfer Rohstoffhändler Mercuria Mitte des Monats den meisten Medien nur eine Randnotiz Wert. Eine Woche zuvor hatte ChemChina die Vereinbarung über die Übernahme des deutschen Maschinenbaukonzerns Krauss-Maffei verkündet. Mit einem Kaufpreis von umgerechnet über einer Milliarde Dollar ist es die bislang teuerste Übernahme eines deutschen Unternehmens durch einen chinesischen Konzern. Zu Krauss Maffei zählt auch die Schweizer Firma Netstal.

Dass ChemChina über Übernahmen mit aller Kraft auf die Weltmärkte drängt, kommt nicht von ungefähr. Viele Jahre gab sich das chinesische Unternehmen mit dem heimischen Markt zufrieden. Das rasante Wachstum der chinesischen Wirtschaft brachte eine gewaltige Nachfrage nach Chemikalien, Kunststoffen und Dichtungsmaterialien für die Auto-, Bau- oder der Elektronikindustrie mit sich.

Doch seit einiger Zeit wächst Chinas Wirtschaft nicht mehr ganz so schnell. Die Baubranche befindet sich nach Jahren der übertriebenen Expansion in einer regelrechten Krise. Und so ist auch ChemChina angehalten, im Ausland Ausschau zu halten.

Wachstum politisch opportun

Zugleich steckt hinter dieser Expansion eine gezielte Strategie, die die chinesische Regierung vorgegeben hat. «Schwärmt aus», forderte die chinesische Regierung ihre Firmen auf. Und der Aufruf scheint zu wirken: Derzeit vergeht kaum eine Woche, an der nicht eine weitere Übernahme einer westlichen Marke durch ein chinesisches Unternehmen bekannt gegeben wird. «Es ist offizielle Politik, dass Chinas Unternehmen sich internationalisieren sollen», sagt Klaus Meyer, Forscher an der China Europe International Business School in Schanghai.

Aus Pekings Sicht setzt ChemChina diese Devise bereits seit einiger Zeit besonders vorbildlich um. Seit dem vergangenen November gehört der italienische Reifenhersteller Pirelli zu 100 Prozent zu ChemChina. Den französischen Hersteller von Futtermittelzusätzen Adisseo hatte ChemChina 2006 übernommen, 2011 folgte die Mehrheitsbeteiligung am israelischen Pflanzenschutzkonzern Adama. Und seit ChemChina die Silikonsparte des französischen Konzerns Rhodia übernommen hat, gehört man zu den drei grossen Kunststoff-Herstellern der Welt.

Was dem Westen Sorge bereitet: Hinter ChemChina steht der chinesische Staat. Und gerade in China kommen Staatskonzerne sehr viel leichter an subventionierte Darlehen. Das verzerrt den Wettbewerb bei Unternehmensübernahmen erheblich. Zugleich macht ChemChina kein Geheimnis daraus, dass technologisch und im Management erheblicher Nachholbedarf besteht und man als Investoren vor allem auf das Know-how aus ist. Die Belegschaften von westlichen Übernahmekandidaten befürchten, dass ganze Anlagen nach China verfrachtet werden.

Meyer sieht darin keinen Grund zur Sorge. «Die Motivation der Chinesen ist langfristig», versucht der Wirtschaftsprofessor zu beschwichtigen. Auch nach der Übernahme behielten ausländische Unternehmen in der Regel grosse Autonomie. Den chinesischen Käufern sei bewusst, dass das Wissen an Menschen gebunden ist. Diese Expertise zu halten, habe daher höchste Priorität.