Luftfahrt
So wollen Airlines auf die jüngsten Flugunglücke reagieren

Drei grosse Flugzeugabstürze innerhalb der letzten Monate. An der Tagung des Internationalen Luftfahrtverbandes wurden neue Sicherheitsstandards vorgestellt.

Stefan Schuppli
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In den Berg gesteuert: Eine Gedenkstelle in Südfrankreich erinnert an die 150 Opfer, die der Co-Pilot eines Germanwings-Airbus in den Tod gerissen hat. key

In den Berg gesteuert: Eine Gedenkstelle in Südfrankreich erinnert an die 150 Opfer, die der Co-Pilot eines Germanwings-Airbus in den Tod gerissen hat. key

KEYSTONE

Flug MH370: Eine Boeing 777-200ER der Malaysia Airlines verschwand im März 2014 nach dem Start in Kuala Lumpur spurlos.

Flug MH17: Ein Flugzeug desselben Typs der Malaysia Airlines wurde im Juli 2014 durch eine Flugabwehrrakete über der Ostukraine abgeschossen.

Flug 4U9525: Im März 2015 steuerte Co-Pilot Andreas Lubitz einen Airbus A320-211 der Lufthansa-Tochter Germanwings absichtlich in einen Berg in den südfranzösischen Alpen.

Innert eines Jahres gab es also eine Massierung von ebenso ausserordentlichen wie tragischen Flugunfällen. Das beschäftigt auch den Internationalen Luftfahrtverband (Iata). Er hielt in der vergangenen Woche seine Jahresversammlung im US-Bundesstaat Florida ab. Im Gegensatz zu verschiedenen Airline-Chefs sehen die Iata-Chefs keine schnellen Lösungen, wie sie in Miami erklärten: zu komplex, hiess es an einer Medienkonferenz.

Damit ein Flugzeug in Zukunft nicht einfach verschwinden könne, müssen die heute dafür üblichen Standards überarbeitet werden. Es gilt also, das Nachverfolgen von Flügen («Tracking») zu verbessern. Zuständig sei dafür die UNO-Flugorganisation Icao, die Iata spielt dabei eine Art Geburtshelfer. Die Fluggesellschaften schliesslich müssen dafür besorgt sein, dass die Technologie vorhanden ist und umgesetzt wird.

Sende-Rhythmus beschleunigt

«Es ist eine resultatorientierte Vorgehensweise», sagt Iata-Sprecher Perry Flint. Es geht darum, dass Flugzeuge über den Meeren oder einsamen Gegenden regelmässig mit Bodenstationen oder Satelliten Kontakt haben. Dieses automatische Abschicken einer ganzen Reihe von Daten wird schon heute praktiziert, aber bislang meist in grossen Zeitabständen.

Das ändert sich jetzt. Die Lufthansa sei von einem Sende-Rhythmus von 50 auf 5 Minuten heruntergegangen, sagte deren Chef Carsten Spohr an einem Podium anlässlich des Iata-Treffens in Miami. Christoph Müller, der neue Chef der Malaysia Airlines, kann es noch immer nicht fassen, dass ein grosses, modernes Flugzeug wie eine Boeing 777-200ER unbemerkt verschwinden kann. Notabene in einer Zeit, wo Satelliten Körner am Boden identifizieren, Drohnen von der anderen Seite der Welt gesteuert und Daten in Terabyte-Volumen übermittelt werden können.

Trackinggeräte seien für 1000 Dollar im Internet erhältlich. «Ein Sitz in der Businessclass ist ein Mehrfaches teurer.» Müller wurde bei Malaysia als Turnaround-Manager eingesetzt. Nach den beiden Katastrophen geriet die Airline noch stärker in Schieflage als sie eh schon war. Müller war im Swissair-Konzern kurz vor dem Grounding verantwortlich für die belgische Sabena. Zuletzt war er erfolgreich als Chef von Aer Lingus, die nun saniert ist.

Risikoanalyse verbessern

Nach dem Abschuss des Flugs MH17 über der Ostukraine suchen Regierungsvertreter und die Flugbranche Wege, die Risiken beim Überfliegen von Risikozonen zu verkleinern. Dabei geht es vor allem um den Austausch von Informationen über die Krisenlage und eine schnelle Risikoanalyse.

Auch die jüngste Flugkatastrophe der Germanwings war in Miami ein Thema. Ein Co-Pilot hatte seine Maschine in einen Berg gesteuert. Menschliches Verhalten könne mit den existierenden Tests nicht erfasst werden. Es gebe keine Immunität gegenüber Geisteskrankheiten, sagte ein für das Dossier Sicherheit verantwortlicher Iata-Mitarbeiter. Auch in diesem Bereich versuche man, einheitliche Standards zu entwickeln. Dazu sei ein intensiver Austausch in der Branche notwendig. In den vergangenen 35 Jahren wurden acht Piloten-Selbstmordfälle mit Flugzeugen beobachtet oder zumindest vermutet.

Im ersten Quartal stieg die von der Iata erhobene Unfallquote bei Jets auf 0,38 (gemessen in Totalschäden pro Million Flüge) an. Das heisst, es gab einen Flugunfall pro 2,6 Millionen Flüge. 2014 lag diese Zahl bei 0,23, ein historischer Tiefstwert. «Fliegen war noch nie so sicher wie heute», sagte Iata-Chef Tony Tyler. Trotz der drei unheimlichen Abstürze.