Finnova vs. Avaloq: Das etwas andere Banken-Duopol

Mit Avaloq und Finnova beherrschen zwei Softwarehersteller den Schweizer Markt für Bankensoftware. Ihre finanzielle Verfassung wird mit Argusaugen beobachtet.

Maurizio Minetti
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Avaloq-CEO Francisco Fernandez (links) und Finnova-CEO Charlie Matter. (Bild: Peter Frommenwiler/Freshfocus, PD)

Avaloq-CEO Francisco Fernandez (links) und Finnova-CEO Charlie Matter. (Bild: Peter Frommenwiler/Freshfocus, PD)

Wenn diese Woche die ersten Kantonalbanken ihre Jahresergebnisse veröffentlichen, werden sich die Blicke auf Zinsen und Gewinne richten. Dabei spielt die Musik längst hinter den Kulissen. Der Sachaufwand ist für Banken zum alles dominierenden Thema geworden. Und hier stellt die Informatik den mit Abstand grössten Kostenblock dar.

Informatik ist ein weiter Begriff; bei den Banken spielt das sogenannte Core Banking System eine zentrale Rolle. Ein solches Kernbankensystem bildet die wichtigsten Prozesse innerhalb einer Bank ab, also zum Beispiel Kontoführung und Zahlungsverkehr. Es ist die Drehscheibe für unzählige weitere Lösungen, die am System angeschlossen sind. Diese Kernbankensysteme entstanden in den 70er- und 80er-Jahren aus den Informatikabteilungen der Banken. Heute gibt es im Wesentlichen vier Schweizer Hersteller von Kernbankensoftware: Avaloq aus Zürich, Finnova aus Lenzburg sowie Temenos und Eri Bancaire aus Genf. Daneben gibt es unzählige kleinere Anbieter, die Teile von Kernsystemen entwickeln oder zu internationalen Konzernen gehören.

Sind Softwarehersteller systemrelevant?

Schaut man sich den gesamten Schweizer Bankensektor an, zeigt sich ein klares Duopol: Avaloq und Finnova dominieren den Markt. Nimmt man die Anzahl Banken zum Massstab, ist Finnova führend. Gewichtet nach der Anzahl der Bankmitarbeiter ist Avaloq an der Spitze (Grafik rechts). Avaloq zählt viele Privatbanken zu ihren Kunden, Finnova ist eher im Retailbankensektor stark. Die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse haben aufgrund ihrer Komplexität eigene Lösungen im Einsatz. Schaut man sich nur die Kantonalbanken an, gibt es nur zwei Kantonalbanken, die weder Avaloq noch Finnova verwenden (Grafik links).

Hat eine Bank einmal eine Kernbankensoftware eingeführt, bleibt sie meistens dabei. Eine Softwaremigration kann bei einer mittelgrossen Kantonalbank ­einen hohen zweistelligen Millionenbetrag kosten. Gründe für eine erneute Migration können Fusionen sein. Abgesehen davon entscheidet sich aber keine Bank freiwillig für einen Wechsel auf eine andere Plattform.

Es gibt Stimmen aus der Finanz­industrie, welche die beiden Software­anbieter aus den oben genannten Gründen als systemrelevant bezeichnen. Sie sind sozusagen «too big to fail», zu gross zum Scheitern. Die Banken haben ein vitales Interesse daran, dass diese Anbieter langfristig überleben, weil sie sonst etliche Millionen für eine neue IT-Lösung investieren müssten. Das gilt umso mehr für Avaloq, denn im Gegensatz zu Finnova bietet Avaloq selber auch die Auslagerung von Bankensoftware an. Wenn Avaloq scheitert, sehen viele Banken ihr IT-Rückgrat in Gefahr. Finnova arbeitet hingegen beim Outsourcing mit externen Anbietern wie Swisscom.

Politisch ist man allerdings weit davon entfernt, die Systemrelevanz auf IT-Anbieter auszudehnen. Die Schweizerische Nationalbank, die fünf Finanzinstitute als systemrelevant eingestuft hat, ist nur für Banken zuständig. Für Banken, die Dienstleistungen an Firmen wie Avaloq oder Finnova auslagern, gilt das Outsourcing-Rundschreiben der Finanzmarktaufsicht Finma. Doch auch bei der Finma stellt sich die Frage nach der Systemrelevanz der Softwareanbieter nicht. Dabei ist die Frage hochaktuell. In den letzten Monaten kursierten Berichte über Liquiditätsprobleme bei Avaloq. Ein Projektabbruch in Deutschland sorgte ebenfalls für Aufsehen. Das hat die Banken verunsichert – darum verlangten sie Einsicht in die Bücher von Avaloq. «Es ist richtig, dass Gespräche stattgefunden haben und wir entsprechend informiert worden sind», sagt dazu ein Sprecher der Basler Kantonalbank. Man habe aufgrund der Medienberichte in den letzten Monaten das Gespräch mit Avaloq gesucht und sich direkt informiert, bestätigen auch die Sprecherinnen der Aargauischen und der Luzerner Kantonalbank. Einen Ausfall befürchte man aber nicht. Raiffeisen, mit 10 Prozent Teilbesitzerin von Avaloq (siehe Box), sagt: «Wie bei jedem wichtigen Lieferanten überprüfen wir auch regelmässig die Geschäftsentwicklung von Avaloq. Raiffeisen Schweiz verfügt über keine Indikationen, dass die in den letzten Monaten geäusserten Spekulationen der Realität entsprechen.»

Avaloq vor Rekordumsatz

Avaloq selbst sagt dazu: «Wir möchten betonen, dass wir uns sehr erfolgreich entwickeln und es daher dieser Debatte gar nicht bedarf.» Man sei dabei, das Jahr 2016 mit einem Allzeithoch beim Umsatz abzuschliessen. Und: «Wir sind auch für die Zukunft sehr gut aufgestellt.»

Finnova betont, dass die Ausgangslage der IT-Anbieter ganz anders sei als bei systemrelevanten Banken, bei denen ein Vertrauensverlust rasch das ganze System bedrohen könne. «Sollte ein Softwarehersteller in Schieflage kommen, hat das kurzfristig keine Auswirkungen auf die Banken, da die ausgelieferte Software in Betrieb ist», sagt ein Finnova-Sprecher – um dann aber einzuräumen: «Mittel- und langfristig müsste natürlich eine Lösung gefunden werden, da Wartung und Weiterentwicklung der Systeme für die Banken essenziell sind.» Eine Bank habe aber immer die Möglichkeit zu einem Systemwechsel: «Für alle Schweizer Banken gibt es aus längerfristiger Perspektive Alternativen», so der Finnova-Sprecher.

Bild: Grafik Lea Siegwart

Bild: Grafik Lea Siegwart