SOLARENERGIE: Mit Solarzellen um den ganzen Erdball

Bertrand Piccards Solarflugzeug ist für den Flug um die Welt so gut wie bereit. Die Firma Schindler hat mit Know-how und Geld bei der Entwicklung mitgeholfen.

Rainer Rickenbach
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Das Solarflugzeug «Solar Impulse 2» beim Erstflug im Juni dieses Jahres über der Region Payerne. (Bild: Solar Impulse / Revilland)

Das Solarflugzeug «Solar Impulse 2» beim Erstflug im Juni dieses Jahres über der Region Payerne. (Bild: Solar Impulse / Revilland)

Sein Schlüsselerlebnis hatte Bertrand Piccard, als er vor fünf Jahren im Ballon um die Erde flog. Obwohl noch zwanzig Flugtage vor ihm und seinem Partner Brian Jones lagen, drohte das Treibstoff-Flüssiggas in wenigen Stunden auszugehen. Es wäre das vorzeitige Ende des ambitionierten Unterfangens gewesen, das dann aber doch ein gutes Ende nahm. «Damals habe ich mir geschworen: Das nächste grosse Vorhaben wird eines mit erneuerbarer Energie sein», sagt heute der 56-jährige Aviatik-Pionier.

Leicht wie ein Mittelklassewagen

Was danach folgte, ist bereits Legende. Seit über zwölf Jahren tüfteln er und sein Partner André Borschberg (61) an einem Fluggerät, das seine Energie aus den Sonnenstrahlen bezieht. Das Flugzeug trägt den Namen «Solar Impulse 2» und ist mit mehr 17 000 Siliziumzellen ausgestattet. Mit ihm haben Borschberg und Piccard im kommenden Jahr vor, den Erdball ohne einen einzigen Tropfen herkömmlichen Treibstoff zu umrunden (Grafik). Erste Flüge mit dem Testmodell «Solar Impulse 1» nach Brüssel und Paris sowie nach Marokko verliefen erfolgreich. Im vergangenen Jahr gelang die Überquerung Amerikas. Sie lief wie es beim Flug um die Erde auch der Fall sein wird – etappenweise ab.

In der Luft hält den Solarflieger ein Energie-Kreislauf, der sich aus Sonnenenergie speist. Die Siliziumzellen produzieren Strom für die vier Propeller-Triebwerke. Gespeichert wird er für die nächtliche Flugzeit in Lithium-Polymer-Batterien. Diese machen rund einen Viertel des Gewichtes aus, das mit 2,3 Tonnen nicht schwerer ist als ein Mittelklasse-Auto. Was umso erstaunlicher ist, weil die Flügellänge mit denjenigen der neusten Grossraum-Passagierflugzeuggeneration mithalten kann. Möglich macht die Leichtigkeit eine Oberflächenstruktur mit Karbonfaser blättern, die bloss 25 Gramm pro Quadratmeter wiegen dreimal weniger als Schreibpapier.

Der Mut, Undenkbares zu denken

«Die Elektromotoren arbeiten mit einer Energieeffizienz von 94 Prozent. Nur wenige Prozent basieren auf herkömmlicher Energie», schwärmt Piccard.

Gewiss: Der Westschweizer ist ein gewiefter Verkäufer seiner Projekte. Und er lässt sich dabei von Werbeleuten unterstützen, die ihr Handwerk verstehen. Die PR-Maschinerie verstellt den Blick auf seine Glaubwürdigkeit aber nicht. Ihm und seinem Partner Borschberg geht es um mehr als um das Spektakel, das der von Sonnenenergie getriebene Flieger rund um den Erdball auslösen wird.

Die beiden schicken sich an, den Menschen vor Augen zu führen, wie sich mit Mut und Technologie ein Teil der Umweltprobleme lösen lässt. Piccard sagte am Montag bei einer Schindler-Mitarbeiterveranstaltung (siehe Kasten): «Neues löst bei den Menschen stets zuerst Ängste aus. Man fürchtet um Werte wie Sicherheit, Kontinuität, die eigene wirtschaftliche Lage oder um ethische Massstäbe. Das ist normal. Doch es braucht den Mut, Undenkbares zu denken, um voranzukommen.» Die beiden Solarflugzeug-Pioniere liessen sich davon auch nicht abhalten, als Aviatik-Experten ihre Idee als praxisuntauglich abtaten.

Das fliegende Labor

Ihr Solarflugzeug bezeichnen Piccard und Borschberg als «fliegendes Labor». Sie verstehen es nicht als Selbstzweck. Der Schaum mit den winzigen Poren für die Cockpit-Isolation, der gewaltige Temperaturschwankungen von minus 20 bis plus 30 Grad aushält, wird nach ihrer Einschätzung bald den Weg in die Industrie und von dort auf die Baustellen finden. «Da liegt ein riesiger Markt zu einem schönen Teil brach. Etwa die Hälfte des Energieverbrauchs weltweit hat ihre Ursache in veralteten Technologien», so Piccard.

«Die technologische Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist es nicht mehr, auf einem fremden Planeten zu landen, sondern unseren Planeten zu erhalten.» Dazu brauche es den Mut aller für eine ehrgeizige Umweltpolitik. Dabei gingen zwar herkömmliche Arbeitsplätze verloren. Piccard: «Doch die effiziente Nutzung unserer Ressourcen wird vielmehr neue, zeitgerechte Arbeitsplätze schaffen.» Heute werde der Schutz der Umwelt vorab als Verbote, Einschränkungen und Verzicht wahrgenommen. Das käme bei den Leuten nicht gut an und lasse die technologischen Möglichkeiten ausser Acht.

Technologievorsprung halten

Dass das erste Solarflugzeug, das um den Erdball fliegt, aus der Schweiz stammt, bezeichnet er als Chance eines kleinen Landes, das sich die Energiewende zum Ziel gesetzt hat. Piccard: «Die Chinesen kommen in der Solartechnik wesentlich schneller voran. Es braucht in der Schweiz und in ganz Europa einen Schub, damit der Technologievorsprung nicht verloren geht. Wenn Solar Impulse dazu beiträgt, haben wir viel erreicht.»