Kolumne

Solidarität ist das Gebot der Stunde, aber was bedeutet das?

Solidarität nur als eine potenziell kostspielige Form von Hilfe zu definieren, greift zu kurz.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Ist Ihnen bei den letzten behördlichen Bekanntgaben einschneidender Massnahmen gegen die allzu rasche Ausbreitung des Corona-Virus etwas aufgefallen? Oder bei der Berichterstattung? Kaum eine Pressekonferenz, kaum ein Zeitungskommentar, kaum ein Interview zum Corona-Virus kommt momentan ohne den Begriff der Solidarität aus. Es wird entweder unspezifisch an die Solidarität der gesamten Schweizer Bevölkerung appelliert oder nach Gruppen differenziert: Die Jüngeren sollen sich solidarisch mit den Älteren zeigen, die Unternehmen mit ihren Mitarbeitenden mit Betreuungspflichten usf.

Solidarität ist das Gebot der Stunde. Berechtigterweise! Interessant dabei ist, dass wir alle das Konzept von Solidarität intuitiv verstehen und gutheissen, obwohl sie so schwer zu definieren ist und im Vergleich zu Werten wie Gerechtigkeit und Freiheit ein in der philosophischen Theorie eher vernachlässigter politischer und sozialer «Grundwert» ist, wie es der Philosoph Kurt Bayertz schreibt. Er sieht just in dem ungeklärten theoretischen Status von Solidarität das Geheimnis ihrer Beliebtheit: Je unklarer der Begriff der Solidarität ist, desto müheloser wird er verwendet. Höchste Zeit also, Solidarität analytischer zu betrachten – schliesslich soll der Appell an die Solidarität nicht zu einem bloss rituellen Sprachspiel werden.

In seinem Buch «Solidarität als moralische Arbeitsteilung» schält der Philosoph Jörg Löschke mehrere Kernelemente heraus, die verschiedene Solidaritätskonzeptionen gemeinsam haben. Für unsere jetzige Situation ist ein Blick auf das erste Kernelement am interessantesten, wonach es sich bei solidarischen Handlungen um Handlungen von Hilfe handelt.

Das leuchtet unmittelbar ein: Derzeit verwenden wir «Solidarität» oft sogar gleichbedeutend mit «Hilfe». Wenn man etwa sagt, dass die Jüngeren mit den Älteren solidarisch sein sollen, dann meint man damit, dass die Jüngeren helfen sollen, die besonders gefährdete Bevölkerung über 65 Jahre zu schützen, indem sie zum Beispiel auf Zusammenkünfte verzichten. Hier klingt bereits ein weiterer wichtiger Aspekt von Solidarität an, nämlich der Verzicht. Solidarität beinhaltet, Jörg Löschke zufolge, den Verzicht auf eigene Vorteile und erweist sich damit als eine potenziell kostspielige, anstrengende Hilfe. Das bekommen wir nun Tag für Tag immer mehr zu spüren. Es fällt schwer, auf die bislang selbstverständlichen Treffen zu verzichten, lieb gewordene Gewohnheiten für die nächste Zeit auszusetzen, sich im eigenen Sozialverhalten deutlich einzuschränken, um der rasanten Verbreitung des Corona-Virus Einhalt zu gebieten.

Solidarität aber nur als eine potenziell kostspielige Form von Hilfe zu definieren, greift zu kurz. Was bei der Solidarität als weiteres Kernelement hinzukommt, ist, dass sie sich typischerweise auf eine Gruppe bezieht. Menschen verhalten sich solidarisch, weil sie sich durch ein gemeinsames, ihnen wichtiges Merkmal miteinander verbunden fühlen. Gegenwärtig gibt es viele ermutigende Gesten, die zeigen, dass z.B. Nachbarschaft ein solches verbindendes Merkmal sein kann – die Bereitschaft, dem älteren Herrn von nebenan die Einkäufe abzunehmen oder die Kinder der Ärztin von gegenüber zu hüten, ist gross und lässt hoffen, dass wir zumindest in sozialer Hinsicht die aktuelle Krisensituation meistern können.

Folgende Herausforderung hält die momentane Situation aus Sicht der Solidarität für uns aber alle bereit: Wir werden uns etwas einfallen müssen, wie wir uns nah sein können, obwohl wir körperlich Abstand halten sollen. Wie wir etwa die drohende Einsamkeit der besonders Gefährdeten verhindern können, ohne ihnen von Angesicht zu Angesicht bei einem Besuch Trost zuzusprechen. Eigentlich schade; jetzt wo wir Lust auf Solidarität zu entwickeln beginnen, dürfen wir sie nur sehr diszipliniert ausleben.