Bund prüft Sonntagsverkauf im Detailhandel – «Das würden wir natürlich bewilligen»

Ein zusätzlicher Verkaufstag könnte helfen, die Kunden besser zu verteilen. Der Bund überlegt sich, den Sonntagsverkauf zu erlauben. Dabei sei das Personal schon jetzt am Limit, wehrt sich die Gewerkschaft Unia.

Stefan Ehrbar und Gabriela Jordan
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Viele Supermärkte limitieren zurzeit die Zahl der Personen, die gleichzeitig im Laden sein dürfen. Wäre der Sonntagsverkauf eine Lösung?

Viele Supermärkte limitieren zurzeit die Zahl der Personen, die gleichzeitig im Laden sein dürfen. Wäre der Sonntagsverkauf eine Lösung?

Keystone

Um Ansteckungen mit dem Corona-Virus zu verhindern, muss auch in Supermärkten ein Mindestabstand gewahrt werden. Damit die Regel eingehalten wird, beschränken einige Läden den Zugang oder lassen keine Gruppen von mehr als zwei Personen mehr hinein. In Bayern geht die Regierung noch weiter: Der deutsche Freistaat erlaubt Supermärkten neu auch den Verkauf an Sonntagen. Mit dem zusätzlichen Verkaufstag soll der Andrang besser verteilt werden, so dass sich weniger Leute gleichzeitig in den Läden befinden.

Diese Lösung wird nun auch in der Schweiz geprüft. Das bestätigt das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kanton Zürich. «Eine schweizweite Lösung bezüglich der Beschäftigung von Mitarbeitenden im Detailhandel am Sonntag ist zurzeit beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in Diskussion», sagt eine Sprecherin. Der Kanton Zürich warte nun die Resultate ab. Erst danach könne er entscheiden, ob er Sonntagsverkäufe im Detailhandel bewillige. Die Kantone sind für die Bewilligungen zuständig, während der Bund den Rahmen vorgibt. Das Seco konnte am Montag keine Stellung nehmen. 

Gibt es ein «dringendes Bedürfnis»?

Das geltende Arbeitsrecht verbietet es eigentlich, Angestellte sonntags zu beschäftigen. Ausnahmen gelten im Detailhandel für die Zentren des öffentlichen Verkehrs und für Betriebe, denen ein «dringendes Bedürfnis» oder eine «Unentbehrlichkeit» zugestanden wird.

Genau das könnte nun passieren. Ob Händler wie Coop, Migros, Lidl und Aldi eine solche Sondererlaubnis auch tatsächlich ausnützen würden, ist unklar. Bei Coop heisst es, das sei «derzeit kein Thema». Die Migros weicht aus: Bis jetzt seien «keine solchen Massnahmen flächendeckend umgesetzt worden», antwortet ein Sprecher. Der Branchenverband Swiss Retail Federation, in dem etwa Aldi, Lidl, Spar, Valora und Volg vertreten sind, forderte bereits letzte Woche, Sonntagsverkäufe für Grundversorger seien «umgehend zu prüfen». 

Die Kantone, deren Ämter die Gesuche bewilligen müssten, sind sich nicht einig. Tom Zuber-Hagen vom zuständigen Departement des Kanton St. Gallen sagt, grundsätzlich unterstütze man alle Massnahmen, die zur Bewältigung der Corona-Krise sinnvoll seien. «Wir haben aber Zweifel, ob eine Ladenöffnung am Sonntag tatsächlich dazu beiträgt, dass sich weniger Menschen in den Läden befinden.»

Wäre Massnahme sogar kontraproduktiv?

Bei den Bewilligungen wäre der Kanton St. Gallen zurückhaltend, so Zuber-Hagen. «Wenn nur einzelne Läden am Sonntag offen hätten, würde dies zu Konzentrationen in diesen Läden führen». Kontraproduktiv wäre es auch, wenn nur einzelne Kantone Sonntagsverkäufe erlaubten, da es dann zu Einkaufstourismus kommen könnte. Die Frage müsse vom Bund für alle Läden in der Schweiz einheitlich geregelt werden, fordert Zuber-Hagen.

Ähnlich tönt es beim Kanton Aargau. Dort ist bereits ein entsprechendes Gesuch für eine Ladenöffnung am Sonntag eingegangen, das abgelehnt wurde. Der Kanton Basel-Landschaft wiederum hält gar nichts von den Plänen: Er würde solche Anfragen nicht bewilligen, teilt die zuständige Stelle mit. Der Abstand zwischen den Personen könne auch ohne Sonntagsarbeit gewährleistet werden, ein dringendes Bedürfnis bestehe nicht.

«Das würden wir selbstverständlich bewilligen»

Offener gibt sich der Kanton Graubünden. Paul Schwendener, Chef des Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit, sagt: «Wenn ein Detailhändler ein Gesuch um Sonntagsarbeit stellen würde, weil so die Kundenströme besser verteilt werden könnten, würden wir das selbstverständlich bewilligen.»

Der Kanton Graubünden als Tourismuskanton pflege ein «unverkrampftes Verhältnis zur Sonntagsarbeit», sagt Schwendener. In der Saison arbeiteten Zehntausende im Kanton auch am Sonntag. «Natürlich müsste der Detailhandel dafür sorgen, dass die Erholung des Personals gewährleistet wäre und nicht dieselben Mitarbeiter wie unter der Woche die Schichten am Sonntag übernehmen. Darauf machen wir Firmen auch aufmerksam», sagt der Amtschef. «Halten sie diese Regeln ein, spricht nichts gegen eine Öffnung am Sonntag.»

Unia: Personal schon jetzt unter Druck

Harsche Kritik kommt von der Gewerkschaft Unia. «Eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten macht keinen Sinn», sagt Sprecherin Leena Schmitter. «Das Verkaufspersonal ist bereits jetzt unter massivem Druck und de facto mit einer Verlängerung seiner Arbeitszeiten konfrontiert.» Die Schichten würden wegen der Krise früher beginnen, das Personal habe kaum Pausen und fülle noch nach Ladenschluss die Regale auf. 

Im Detailhandel würden die Empfehlungen des Bundes bezüglich Corona-Virus nicht umfassend und systematisch umgesetzt. Dort und nicht bei den Ladenöffnungszeiten müssten nun Ressourcen eingesetzt werden, so Schmitter. Es brauche etwa klare Empfehlungen zum Verhalten während des Einkaufs, um das Personal zu schützen. «Es gilt, gemeinsam Verantwortung für die Gesundheit aller zu übernehmen», so die Unia-Sprecherin. «Es ist nicht die Idee, dass der Besuch im Lebensmittelladen zur Freizeitaktivität wird.»

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