Wohltäter
Spenden als Statussymbol der Superreichen

Mäzene wie Mark Zuckerberg spenden Milliarden für eine bessere Welt. Oft aus egoistischen Gründen.

Adrian Lobe
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Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan spenden im Namen von Tochter Max 99 Prozent ihrer Facebook-Aktien, umgerechnet 42,5 Milliarden Euro.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan spenden im Namen von Tochter Max 99 Prozent ihrer Facebook-Aktien, umgerechnet 42,5 Milliarden Euro.

KEYSTONE

Mark Zuckerberg hat seine soziale Ader entdeckt. Anlässlich der Geburt seines ersten Kindes kündigte der Facebook-Chef an, 99 Prozent seiner Aktien an dem Internetkonzern zu spenden.

Nach derzeitigem Kurs wären das rund 42,5 Milliarden Euro. Dazu hat er mit seiner Frau Priscilla Chan die «Chan Zuckerberg Initiative» gegründet. Ziel der Stiftung ist es, für mehr Chancengleichheit bei Kindern in aller Welt zu sorgen und die medizinische Forschung im Kampf gegen Krankheiten zu fördern. Ihr Vorbild ist die Bill & Melinda Gates Foundation des Microsoft-Gründers Bill Gates, die weltweit Projekte gegen Armut unterstützt.

«Es ist nicht alles Altruismus»

In einem 2000 Wörter umfassenden offenen Brief an seine Tochter Max verkündete Zuckerberg in honigsüssem Ton die Vision einer besseren Welt. Gerechter solle es zugehen, das «menschliche Potenzial verbessert» werden.

Der Brief endet mit der Formulierung: «Max, wir lieben dich und wir verspüren eine grosse Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, für dich und alle Kinder.»

Geschieht dies wirklich aus Altruismus? Oder ist es Egoismus? An der Erzählung, dass hier ein barmherziger Samariter aus dem Silicon Valley angeritten kommt und seinen Mantel in zwei Hälften teilt, gab es von Anfang an Zweifel. Im Internet ergossen sich Spott und Häme.

Zuckerbergs Brief liest sich wie eine Regierungserklärung, wie die Welt aussieht, wenn Facebook das Sagen hat. Der Facebook-Gründer gerierte sich schon am Rande einer UN-Vollversammlung im September als «Ermöglicher von Menschenrechten», als er ankündigte, Facebook werde dabei helfen, Flüchtlingsunterkünfte mit Internet zu versorgen.

Mit seinem Projekt Internet.org leistet Facebook freilich keine Entwicklungshilfe, sondern verfolgt zuvorderst Geschäftsinteressen. Die Flüchtlinge sollen das Internet über das Tor von Facebook nutzen.

«Es ist nicht alles Altruismus», räumte Zuckerberg ein. Auch Facebook zieht einen Nutzen daraus. «Wir profitieren alle, wenn wir vernetzter sind.» Hinter dem Mantra der Vernetzung steckt ein kommerzielles Interesse. 2010 kündigte Zuckerberg mit grossen Fanfaren bei der Talkmasterin Oprah Winfrey an, 100 Millionen Dollar an das Schulwesen von Newark im US-Bundesstaat New Jersey zu spenden.

Wohltätigkeit als Geschäftsmodell

Mit dem Engagement pflegt Zuckerberg sein Image als bescheidener Wohltäter, der graue T-Shirts trägt, einen Golf fährt und der Menschheit Milliarden vermacht. Doch auch dahinter stecken egoistische Motive. Denn Spenden, sagen Soziologen, sei heute das Statussymbol der Superreichen. «Seht her, ich kann es mir leisten, ein paar hundert Millionen zu spenden.»

In ihrem Buch «No Such Thing as a Free Gift» beschreibt die Soziologin Linsey McGoey, wie Wohltätigkeitsorganisationen zu Big Business werden. «Philanthropen-Kapitalismus» nennt sie das. Wohltätigkeit als Geschäftsmodell. Eine kleine Gruppe privater Investoren wolle den «letzten Bereich, der noch unberührt ist von einem hyperkompetitiven, profitorientierten Finanzkapitalismus, revolutionieren». Gates und Co. «managen ihr Reputationsrisiko».

Philanthropen übernehmen immer mehr staatliche Aufgaben. Sie finanzieren öffentliche Parks (Barry Diller in New York) und Schulen (Bill Gates, Mark Zuckerberg) – alles unter dem Vorwand, der Allgemeinheit zu dienen. Doch wenn die Gehälter der Lehrer in Newark nicht mehr von der öffentlichen Hand, sondern von Mäzen Zuckerberg finanziert werden, entstehen gefährliche Abhängigkeiten.

Die «Checkbuch-Diktatur»

McGoey beschreibt in ihrem Buch, wie die Gates Foundation die Förderung von Schulen mit 800 000 Schülern 2008 abrupt beendete. Die Google Impact Challenge unterstützt in Deutschland Hunderte lokaler oder regionaler Initiativen mit jeweils 10 000 Euro. Das klingt gut.

Doch nach welchen Kriterien werden die Projekte gefördert? Michael Bailin, der ehemalige Präsident der Edna McConnell Clark Foundation, beschrieb Stiftungen schon vor ein paar Jahren als autokratisch, ineffizient und elitär. Ob ein Projekt unterstützt wird, entscheiden die Geldgeber nach Gutdünken.

Allein die zehn grössten Stiftungen in den USA verfügen über ein Stiftungsvermögen von 120 Milliarden Dollar. Das entspricht dem Vierfachen der Bildungsausgaben in der Schweiz. Die Frage ist, ob man das Feld der Entwicklungshilfe und öffentlichen Daseinsvorsorge einfach so Mäzenen überlassen sollte.

Der Journalist Archie Bland warnte im «Guardian» jüngst vor einer «Checkbuch-Diktatur». Wir merken kaum, wie wir bei der Lösung von Problemen mittlerweile von Tech-Konzernen abhängig sind. Das ist ein Stück weit selbst verschuldet. Denn Mark Zuckerberg hat nur so viel Geld verdient, weil die Facebook-Nutzer ihm seine Daten anvertraut haben – und diesen Datenschatz versteht Zuckerberg zu kapitalisieren.