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SPENDEN: Die Wohltätigkeitsapostel

Sie sind berühmt, reich und haben ein soziales Gewissen: Milliardäre wie Bill Gates oder Mark Zuckerberg spenden einen Grossteil ihres Vermögens. Doch zu welchem Zweck?
Junges Familienglück: Mark und Priscilla Zuckerberg mit ihrer Tochter Max. (Bild: EPA)

Junges Familienglück: Mark und Priscilla Zuckerberg mit ihrer Tochter Max. (Bild: EPA)

Adrian Lobe

Mark Zuckerberg hat seine soziale Ader entdeckt. Anlässlich der Geburt seines ersten Kindes kündigte der Facebook-Chef an, 99 Prozent seiner Aktien an dem Internetkonzern zu spenden. Nach derzeitigem Aktienkurs wären das rund 42,5 Milliarden Euro. Dazu hat er mit seiner Frau Priscilla Chan eine Stiftung gegründet, die Chan Zuckerberg Initiative. Das Ziel ist es, für mehr Chancengleichheit bei Kindern in aller Welt zu sorgen und die medizinische Forschung im Kampf gegen Krankheiten zu fördern.

Ihr Vorbild hat die Stiftung in der Bill & Melinda Gates Foundation. Microsoft-Gründer Bill Gates hat sie im Jahre 1999 ins Leben gerufen. Die Stiftung hat ihren Sitz in Seattle, verfügt über ein Stiftungskapital von 42,9 Milliarden US-Dollar (Stand März 2015), beschäftigt 1376 Mitarbeiter.

Die Welt verbessern

Und jetzt also auch Mark Zuckerberg. In einem 2000 Wörter umfassenden offenen Brief an seine Tochter Max verkündete der Facebook-Gründer in honigsüssem Ton die Vision einer besseren Welt. Gerechter solle es zugehen, das «menschliche Potenzial verbessert» werden. Der Brief endet mit der Formulierung: «Max, wir lieben dich und wir verspüren eine grosse Verantwortung, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, für dich und alle Kinder.»

Reiche verzichten freiwillig auf Milliarden. Geschieht dies wirklich aus Selbstlosigkeit? Oder steckt doch Egoismus dahinter? An der Erzählung, dass hier ein barmherziger Samariter aus dem Silicon Valley angeritten kommt und seinen Mantel in zwei Hälften teilt, kamen schon sehr schnell Zweifel auf. Im Internet ergossen sich denn auch Spott und Häme.

Internet für Flüchtlinge

Zuckerbergs Brief liest sich wie eine Regierungserklärung, wie die Welt aussieht, wenn Facebook das Sagen hat. Der Gründer des erfolgreichsten sozialen Netzwerkes trat schon am Rande einer UNO-Vollversammlung im September als «Ermöglicher von Menschenrechten» auf, als er ankündigte, Facebook werde dabei helfen, Flüchtlingsunterkünfte mit Internet zu versorgen. Mit seinem Projekt Internet.org leistet Facebook freilich keine Entwicklungshilfe, sondern verfolgt zuvorderst Geschäftsinteressen. Flüchtlinge sollen das Internet über das Tor von Facebook nutzen. «Es ist nicht alles Altruismus», räumte Zuckerberg denn auch ein. Ein Eingeständnis, dass auch Facebook davon Nutzen trägt. «Wir profitieren alle, wenn wir vernetzter sind.» Hinter dem Mantra der Vernetzung steckt ein kommerzielles Interesse. 2010 kündigte Zuckerberg mit grossen Fanfaren bei der Talkmasterin Oprah Winfrey an, 100 Millionen Dollar an das Schulwesen von Newark im US-Bundesstaat New Jersey zu spenden.

Das Statussymbol der Superreichen

Mit dem Engagement pflegt Zuckerberg sein Image als bescheidener Wohltäter, der graue T-Shirts trägt, einen Golf fährt und der Menschheit Milliarden vermacht. Doch auch dahinter stecken sehr wohl auch egoistische Motive. Denn spenden, sagen Soziologen, sei heute das Statussymbol der Superreichen. «Seht her, ich kann es mir leisten, ein paar hundert Millionen zu spenden.»

In ihrem Buch «No Such Thing as a Free Gift» beschreibt die Soziologin Linsey McGoey, wie Wohltätigkeitsorganisationen zu Big Business werden. «Philanthropen-Kapitalismus» nennt sie das. Wohltätigkeit als Geschäftsmodell. Eine kleine Gruppe privater Investoren wolle den «letzten Bereich, der noch unberührt ist von einem hyperkompetitiven, profitorientierten Finanzkapitalismus, revolutionieren». Gates und Co. «managen ihr Reputationsrisiko».

Neue Abhängigkeiten

Philanthropen übernehmen immer mehr staatliche Aufgaben: Sie finanzieren Fussballklubs und Jugendleistungszentren (etwa SAP-Gründer Dietmar Hopp in Hoffenheim), Zeitungen (Amazon-Chef Jeff Bezos kaufte die «Washington Post», Ebay-Gründer Pierre Omidyar unterstützt das Internetportal «The Intercept»), öffentliche Parks (Unternehmer Barry Diller in New York) und Schulen (Bill Gates, Mark Zuckerberg) – alles unter dem Vorwand, der Allgemeinheit zu dienen. Doch wenn die Löhne der Lehrer in Newark nicht mehr von der öffentlichen Hand, sondern von einem Mäzen wie Mark Zuckerberg finanziert werden, entstehen Abhängigkeiten.

Stiftungen: Ineffizient und elitär

McGoey beschreibt in ihrem Buch, wie die Gates Foundation die Förderung von Schulen mit insgesamt 800 000 Schülern im Jahre 2008 abrupt ­beendete. Die Google Impact Challenge unterstützt in Deutschland Hunderte lokaler oder regionaler Initiativen mit jeweils 10 000 Euro. Das klingt gut. Doch nach welchen Kriterien werden die Projekte gefördert?

Michael Bailin, der ehemalige Präsident der Edna McConnell Clark Foundation, beschrieb Stiftungen schon vor ein paar Jahren als autokratisch, ineffizient und elitär. Ob ein Projekt unterstützt wird, entscheiden die Geldgeber nach Gutdünken. Allein die zehn grössten Stiftungen in den USA verfügen über ein Stiftungsvermögen von 120 Milliarden Dollar. Das entspricht dem Vierfachen der Bildungsausgaben in der Schweiz. Die Frage ist, ob man das Feld der Entwicklungshilfe und öffentlichen Daseinsvorsorge einfach so Mäzenen überlassen sollte. Der Journalist Archie Bland warnte im «Guardian» jüngst vor einer «Scheckbuch-Diktatur». Wir merken kaum, wie wir bei der Lösung von Problemen mittlerweile von Tech-Konzernen abhängig sind.

Das ist aber auch ein Stück weit selbst verschuldet. Denn dass Mark Zuckerberg überhaupt so viel Geld verdient hat, liegt daran, dass die Facebook-Nutzer ihm ihre Daten anvertraut haben – und diesen Datenschatz versteht Zuckerberg zu kapitalisieren.

Melinda und Bill Gates 2003 beim Besuch eines Malaria Spitals in Afrika. (Bild: Keystone Hrusa)

Melinda und Bill Gates 2003 beim Besuch eines Malaria Spitals in Afrika. (Bild: Keystone Hrusa)

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