SPENDEN: Grosszügige Basler, knausrige Romands

Gegen 2 Milliarden Franken spenden Privatpersonen in der Schweiz. Unter den Kantonen gibt es dabei grosse Unterschiede: Besonders spendabel sind Stadtbewohner und Deutschschweizer.

Lukas Leuzinger
Drucken
Teilen

Lukas Leuzinger

Schweizerinnen und Schweizer geben gerne Geld für gemeinnützige Zwecke aus. Rund 1,8 Milliarden Franken kommen gemäss einer Statistik der Stiftung Zewo pro Jahr zusammen. Das sind über 220 Franken pro Einwohner – im internationalen Vergleich ein hoher Wert.

Allerdings gibt es auch innerhalb der Schweiz bedeutende Unterschiede, wie eine Auswertung unserer Zeitung der Steuerabzüge bei der Einkommenssteuer zeigt. Solche können in ­allen Kantonen für Spenden beziehungsweise Zuwendungen ­ an gemeinnützige Organisationen gemacht werden. Unsere Zeitung fragte bei den kantonalen Steuerämtern nach, wie hoch die Summe der Abzüge pro Jahr ist. 17 Kantone gaben Auskunft, in diesen wurde (jeweils im letzten Jahr, für das Daten zur Verfügung stehen) insgesamt rund 1 Milliarde Franken an Spenden in Abzug gebracht. Hochgerechnet auf die ganze Schweiz dürften es rund 1,6 Milliarden Franken sein.

Der Unterschied zur Zewo-Statistik erklärt sich im Wesentlichen daraus, dass in den meisten Kantonen Spenden erst ab einer Summe von 100 Franken abzugsfähig sind, Kleinstspenden also unter den Radar fallen. Zudem ist der Abzug von Spenden in der Regel auf 20 Prozent des Einkommens beschränkt, wobei wohl nur eine kleine Minderheit der Spendenden überhaupt in die Nähe dieses Anteils kommt.

Je wohlhabender ein Kanton, desto grosszügiger

Unter den Kantonen, die Auskunft gaben, sind die Steuerpflichtigen in Basel-Stadt mit Abstand am grosszügigsten: 172 Millionen Franken an Spenden zogen sie im Jahr 2014 – der letzten Steuerperiode, für das Daten zur Verfügung stehen – von der Einkommenssteuer ab. Das sind fast 1400 Franken pro Steuerpflichtigen (siehe Tabelle).

Georg von Schnurbein ist ­Direktor des Center for Philanthropy Studies an der Universität Basel und forscht unter anderem zum Thema «Spenden an gemeinnützige Organisationen». Die hohe Summe in Basel-Stadt erklärt er damit, dass es sich um einen urbanen Kanton handelt. «In Städten leben tendenziell mehr Reiche, die relativ viel spenden.» Generell lässt sich laut von Schnurbein sagen, dass in wohlhabenderen Kantonen mehr gespendet wird. So finden sich auch Zug und Schwyz in den vorderen Rängen, was den Durchschnittswert pro Steuerpflichtigen angeht.

Interessanterweise verteilt sich die hohe Summe der Spenden, die von den Steuern abgezogen werden, in Basel-Stadt auf relativ wenige Personen: Nur gut 20 Prozent der Basler Steuerpflichtigen machen überhaupt ­einen Abzug. Die Steuerverwaltung bestätigt, dass es «einige sehr grosse Spenden» gab, macht mit Verweis auf das Steuer­geheimnis aber keine näheren Angaben. Das Muster ist gemäss von Schnurbein überall ähnlich: Einigen wenigen Grossspendern steht eine grosse Zahl von Kleinspendern gegenüber.

Schweizweit ziehen etwas mehr als ein Viertel der Steuerpflichtigen gemeinnützige Zuwendungen ab. Am weitesten verbreitet sind Spenden in Graubünden und Bern: Dort machen über 60 Prozent einen Abzug geltend. Deutlich seltener wird in der lateinischen Schweiz gespendet: In Freiburg und im Tessin beträgt der Anteil nur etwas mehr als 13 Prozent. Die Unterschiede zeigen sich auch in Studien wie dem Spendenmonitor des Forschungsinstituts GFS Zürich aus dem Jahr 2015 oder dem von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft herausgegebenen Freiwilligenmonitor 2016, wobei Letzterer darauf hinweist, dass die Differenz zwischen den Sprachregionen kleiner wird.

Unterschiedliche Kulturräume

Laut von Schnurbein gibt es beim Spenden unterschiedliche Kulturräume: Das Spendenverhalten der Westschweizer gleicht demjenigen der Franzosen, das der Deutschschweizer dem der Deutschen und das der Italienischsprachigen dem der Italiener. «Im französischsprachigen Raum ist die Vorstellung stärker verbreitet, dass Leistungen zu Gunsten der Allgemeinheit im Wesentlichen eine staatliche Aufgabe darstellen. Demgegenüber ist man im deutschsprachigen Raum eher der Auffassung, dass es darüber hinaus ein Engagement der Bürger braucht.»

Dies hat auch Folgen für die öffentlichen Finanzen. Bei Abzügen von insgesamt 1,6 Milliarden Franken dürften die Steuereinnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden vorsichtig geschätzt etwa 200 bis 300 Millionen Franken tiefer liegen, als wenn es keine solche Abzugsmöglichkeit gäbe.