SPIN-OFF: Wenn sich eine Firma spaltet

Unternehmen, die fusionieren oder Firmen zukaufen, sind die Regel. Seltener sind Aufspaltungen. Der US-Pharmariese Abbott mit Sitz in Baar ging diesen Weg.

Ernst Meier
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Wenn sich eine Firma spaltet (Bild: PD/Grafik Loris Succo)

Wenn sich eine Firma spaltet (Bild: PD/Grafik Loris Succo)

90 000 Mitarbeiter in 40 Ländern und ein Umsatz von 38 Milliarden US-Dollar – der Konzern Abbott gehörte zu den weltweit grössten Unternehmen in der Pharmabranche. Mit Betonung auf «gehörte», denn Abbott hat sich aufgeteilt, und zwar in zwei voneinander unabhängige, selbstständige Unternehmen. Die Aufteilung, in der Wirtschaftssprache «Spin-off» genannt, wurde per 1. Januar 2013 vollzogen. Seither sind die beiden Unternehmen Abbott und AbbVie separat an der US-Börse New York Stock Exchange kotiert. Unter dem bisherigen Firmennamen Abbott verbleibt «die Medizintechniksparte und einzelne nicht forschungsintensive Geschäftsfelder», wie es heisst. Dazu gehören die Sparten Diagnostics (Analyse-Geräte), Diabetes-Medikamente und Nutrition (medizinische Ernährung) mit gegen 70 000 Angestellten weltweit.

In die neugegründete Firma AbbVie wurde der Pharmabereich eingebracht. AbbVie entwickelt, produziert und vertreibt Medikamente gegen Krankheiten wie Aids, Alzheimer, Parkinson, Rheumatoide Arthritis oder Brustkrebs. Daneben betreibt AbbVie Forschung nach neuen Medikamenten – und dies auf traditionell pharmazeutische oder biotechnologische Art. Die Firma beschäftigt weltweit rund 21 000 Personen.

Keine Konkurrenz um Gelder

Mit der Aufteilung wolle man den forschungsintensiven Pharmabereich vom traditionellen Massengeschäft loslösen, hiess es bei der Spin-off-Ankündigung vor einem guten Monat. Dies ermögliche den beiden Firmen, konzentriert auf ihr eigenes Tätigkeitsfeld zu wachsen. Dadurch erhofft man sich bessere Wachstumsmöglichkeiten, als wenn alle Geschäftsbereiche weiter unter einem Dach verblieben wären, wo sie sich im Kampf um Investitionsgelder konkurrenziert hätten. Stellen würden durch die Aufteilung keine wegfallen, versicherte das Management.

Bessere Chancen für beide

Für Walter P. Hölzle, Präsident der Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz (Vips), macht die Aufteilung von Abbott in zwei voneinander unabhängige Unternehmen Sinn. «Es ermöglicht beiden Firmen, sich ganz auf ihre unterschiedlichen Geschäftsaktivitäten zu fokussieren», sagt der Branchenkenner. Man verzettle sich so weniger. Speziell die Biotechbranche, in der AbbVie tätig ist, zeichne sich durch ein sehr langfristig orientiertes Geschäftsmodell aus.

Beispiele Syngenta und Actelion

Zu Spin-offs sei es auch früher immer mal wieder gekommen. Der Pharmakenner erwähnt dabei die Biotechfirma Actelion, die einst aus der Firma Roche als Spin-off entstanden ist, oder die Pflanzenmittelherstellerin Syngenta, die zu Novartis gehörte. «In diesen Fällen hat sich gezeigt, dass die Aufteilung beider Unternehmen eine Weiterentwicklung ermöglichte.» Neu sei im Falle des Abbott-Spin-offs aber die Dimension. «Es ist wohl die grösste Firmenaufteilung, welche die Pharmabranche je erlebt hat.» Der aufwendige Prozess der Firmenentflechtung ist sehr komplex und hat auch die Schweiz betroffen.

Seit den 50er-Jahren in der Schweiz

Abbott gehörte zu den ersten US-Pharmaunternehmen, die sich hier niederliessen. Die Ansiedlung in der Schweiz fand in den 1950er-Jahren statt. Am Hauptsitz in Baar waren Ende 2012 rund 180 Mitarbeiter tätig; auf der Liste der grössten Zuger Arbeitgeber stand das Unternehmen auf Platz 38. Beschäftigt werden Mitarbeiter in den Bereichen Administration, Marketing, Verkauf, Kommunikation und medizinische Entwicklung wie Forschung und Zulassung. Der Spin-off wirkte sich entsprechend auch auf die Mitarbeiter in Baar aus. Sie verbleiben zwar in den bisherigen Räumlichkeiten im Gewerbegebiet an der Neuhofstrasse 23, sind aber je nach Tätigkeitsfeld bei Abbott oder AbbVie angestellt: Neue Namen, neue Logos und neue Arbeitsverträge gelten seit dem 1. Januar für alle 245 Angestellten. «Den Kaffeeraum teilen wir uns noch, oder man sieht sich in der Mensa», sagt Philipp Kämpf, Kommunikationsverantwortlicher von AbbVie. General Manager des Unternehmens mit 95 Mitarbeitern ist neu Patrick Horber (42). Der studierte Mediziner war bereits für Abbott tätig. Gegen 150 Personen arbeiten für Abbott. Auch in der Schweiz ist die Aufteilung ohne Stellenabbau vorgenommen worden. Laut Kämpf stehen sich die Mitarbeiter der beiden neuen Pharmafirmen aufgrund der jahrelangen gemeinsamen Tätigkeit weiterhin nahe. «Dies wird sich aber wohl in den nächsten Jahren ändern», geht er davon aus. «Beruflich arbeiten wir nämlich neu in ganz anderen Bereichen.»

Mit künftigen personellen Wechseln würden auch die Kontakte untereinander und die gemeinsame Firmenkultur verloren gehen beziehungsweise von neuen Kulturen abgelöst werden. Dies sei zwar auf den ersten Blick für den einen oder andern schade gewesen, doch die Eigenständigkeit ermögliche Abbott und AbbVie auch in der Schweiz neue Chancen.

Investoren goutieren die Spaltung

Bei den Anlegern ist die Aufteilung positiv aufgenommen worden. Die Aktien der beiden Firmen eröffneten am 2. Januar bei 32 Dollar. Die Abbott-Titel notieren heute gut 10 Prozent höher, während sich die AbbVie-Aktie im gleichen Zeitraum um über 25 Prozent verteuerte. Laut Walter P. Hölzle goutieren die Investoren die Aufteilung. Die Anleger bleiben beiden Titeln treu. Der stärkere Anstieg des Börsenwertes von AbbVie deutet darauf hin, dass man bei Biotechfirmen bessere Wachstumschancen sieht.