SPORT: Das Geschäft mit Extremläufern

Trailrunner stürmen Gipfel und Täler im Laufschritt. Längst umwirbt eine ganze Industrie die lukrative Klientel, die dem Grossstadt-Marathon den Rücken kehrt und sich lieber als Ultraläufer in wilder Natur versucht.

Peter Hinze
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Schwer und steinig soll der Weg sein: Trailrunner ziehen die Berge der Grossstadt vor. (Bild: PD)

Schwer und steinig soll der Weg sein: Trailrunner ziehen die Berge der Grossstadt vor. (Bild: PD)

Peter Hinze

Wer vor wenigen Jahren beim abendlichen Small Talk glänzen wollte, hatte leichtes Spiel: Marathon hiess das magische Wort, das Bewunderung hervorrief. Doch die Zeiten haben sich geändert. Persönliche Bestmarken aus Berlin, London oder New York werden meist nur noch mit einem milden Lächeln goutiert. Was heute richtig Eindruck macht, trägt meist einen alpinen Namen: Mont Blanc, Matterhorn, Zugspitze oder gleich die ganzen Alpen!

Natur statt Asphalt

Trailrunning, der Langstreckenlauf abseits asphaltierter Strassen, ist auf dem besten Weg zum läuferischen Trendsport. «Es ist die Verbindung von langen Distanzen mit fantastischer Natur und einem intensiven Erlebnis zwischen Höhen und Tiefen», so beschreibt Denis Wischniewski, Chefredaktor der deutschen Zeitschrift «Trail», die neue Faszination am Berg. Und Trendforscher ergänzen: Trailrunning trifft perfekt den Nerv unserer leistungsorientierten Outdoor-Gesellschaft.

Lange bevor das Laufen im Gelände gesellschaftsfähig wurde, gab es «The Western States 100-Mile Endurance Run». 1977 mit 14 Läufern gestartet, gilt der Lauf in Kalifornien heute als «die Mutter aller Trailrennen» – und ein Startplatz kommt mittlerweile einem Lotteriegewinn gleich. In Europa trägt der «Swissalpine» über die Strecke «K78» – in diesem Jahr in Davos zum dreissigsten Mal gestartet – zu Recht den Titel «Klassiker».

Doch mit der Zahl der Läufer wächst auch die Auswahl an Rennen. In dieser Sommersaison, so schätzen Experten, gibt es allein in den Alpen rund 500 Trailevents. Rennen mit «überschaubaren» Distanzen sind viel beachtete Ausnahmen. Dazu zählen der «Ultraks» Mitte August rund um das Matterhorn mit einer Länge von «nur» 48 Kilometern (und 3600 Höhenmetern) oder die dreitägige «Ultra Tour Monte Rosa» (110 Kilometer und 7000 Höhenmeter) mit Zieleinlauf in Grächen, die die britische Traillegende Lizzy Hawker Ende des Monats erstmals startet.

Es wird immer extremer

Die Mehrzahl der Läufer sucht immer grössere Herausforderungen und fordert immer härtere Ultraläufe: Galt bislang der «Ultra-Trail du Mont Blanc» (UTMB) mit 168 Kilometern als maximale alpine Prüfung, kommen zahlreiche neue Events dieser Marke immer näher – oder liegen sogar weit darüber wie der «Tor des Géants» mit 330 Kilometern im Aostatal, der «Swiss Irontrail» mit 200 Kilometern und Start in Davos oder das deutsche «Goldsteig Ultra Race» mit 660 Kilometern. Und das norwegische «Tromsö Skyrace» vor wenigen Wochen glich an einigen Stellen eher einer schwierigen Klettertour als einem Lauferlebnis.

Sportmultis ringen um Marktanteile

«Der Trend geht eindeutig zu längeren, härteren Läufen», lautete der einhellige Tenor auf der «Outdoor», der weltweit bedeutendsten Outdoor-Messe im deutschen Friedrichshafen, bei der seit einigen Jahren vor allem Trailrunning-Produkte aller grossen Sportfirmen im Mittelpunkt stehen.

Vor allem der Trail-Schuhmarkt verzeichnet enorme Wachstumsraten. Selbst «Strassen-Giganten» wie Adidas und Nike ringen (bislang ohne grosse Erfolge) um Marktanteile in der Nische Trail. Als unangefochtener Branchenprimus behauptet sich mit grossem Marketingetat und professionellem Trailrunning-Team der französische Sportartikelhersteller Salomon. Andere Anbieter, unter ihnen die im alpinen Bereich hochgeschätzte Schweizer Marke Mammut oder auch The North Face aus den USA kämpfen zwar intensiv um neue Kunden, doch Erfolg hat sich auch bei ihnen bislang nicht wirklich eingestellt.

Läufern geht oft der Schnauf aus

Aggressives Marketing mit immer neuen Superlativen, verbesserte Ausrüstung mit leichteren und wetterbeständigen Materialen sowie die Suche der Läufer nach immer härteren Ausforderungen lassen Trailrunning vielerorts zu einem Extremsport im wahrsten Sinne des Wortes mutieren.

Dem sind aber längst nicht mehr alle Starter gewachsen. Bei der weltweit führenden «Ultra-Trail World Tour» mit elf professionellen Rennen – unter anderem in Hongkong, Australien und auf La Réunion – erreichen bis zu 80 Prozent der Teilnehmer das Ziel. Von einer solchen Quote können viele Alpenrennen nur träumen. Häufig erreichen gerade mal zwischen 30 und 40 Prozent der Läufer die Ziellinie.

Oft sind es extreme Wetterumstürze, die Ultrarennen zum ungewollten Abenteuer machen; nicht selten sitzen Athleten in Berghütten ohne Kontakt zur Rennleitung fest oder müssen von der Bergwacht aufwendig ins Tal begleitet werden, wie jüngst beim 121 Kilometer langen «Südtirol Ultra Skyrace». Bei der «Zugspitz Trailrun Challenge» musste auch während der zweiten Austragung auf den Aufstieg Richtung Deutschlands höchstem Berg verzichtet werden: zu viel Schnee bedeckte im letzten Abschnitt die Trails.

Risiko eines Todesfalls steigt

«Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann ist der erste tödliche Rennausgang nur noch eine Frage der Zeit», warnen Kritiker.

Dass es nicht so weit kommt, hofft dagegen die rasant steigende Zahl der Trailrunner. Schliesslich ist für sie das neue Laufen am Berg die schönste Art, Laufleidenschaft und Naturbegeisterung zu verbinden. Denn so lassen sich auf sportlichem Wege die exotischsten Plätze der Welt entdecken.