Entlassungen
Stadler zieht die Notbremse und streicht 60 Stellen

Schuldenkrise und Währungsverschiebungen setzen dem Familienunternehmen arg zu. Der Rollmaterialhersteller muss aufgrund der schwachen Auftragslage 60 Stellen streichen. Derweil hofft man auf den Millionen-Auftrag der SBB.

Matthias Niklowitz
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Hier fliegen die Funken: Stadler Rail hält trotz des Personalabbaus am Standort Schweiz fest. Keystone

Hier fliegen die Funken: Stadler Rail hält trotz des Personalabbaus am Standort Schweiz fest. Keystone

Der starke Franken zwingt den Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail zum ersten Personalabbau in seiner jüngeren Geschichte. Das Unternehmen setzt vor allem bei den Temporärstellen in Altenrhein SG an und wird entsprechende Verträge auslaufen lassen.

An diesem Standort werden über die nächsten drei Monate rund 60 Stellen gestrichen, teilte das Unternehmen gestern Mittwoch mit. Es sind zu 90 Prozent Temporärstellen, deshalb sind keine Sozialpläne erforderlich. Weitere Stellenreduktionen werden über natürliche Abgänge aufgefangen.

Stadler Rail beschäftigt weltweit fast 5000 Mitarbeiter, davon 3000 in der Schweiz. Auf der unternehmenseigenen Webseite sind derzeit 53 Stellen für die Standorte in der Schweiz und in Deutschland ausgeschrieben.

Grossaufträge mit kleiner Wirkung

Die Schuldenkrise in Europa und die Währungsverwerfungen haben zu einem Auftragsrückgang geführt, begründet Stadler Rail die Massnahme. Das Unternehmen hatte in den vergangenen Monaten zwar mit Grossaufträgen aus der Westschweiz, Serbien, Ungarn und für den neuen Flughafenzug in Moskau von sich reden gemacht.

Das Unternehmen baut beispielsweise für 350 Millionen Euro 24 Doppelstocktriebzüge. Doch diese Bestellungen verbessern die Auftragslage nicht grundsätzlich.

Bei solchen Aufträgen erfolgt etwa die Hälfte der Wertschöpfung im jeweiligen Land. Die andere Hälfte der Auftragsvolumen entfällt dann auf die Schweizer Werke, inklusive strategisch wichtiger Zulieferer wie ABB.

Hinter dieser Arbeitsteilung stehen unterschiedliche Gründe: Denn die Wagenkästen für Moskau sind beispielsweise so breit und hoch, dass ein Überland-Transport aus einem schweizerischen Werk gar nicht möglich ist.

Hinzu kommt, dass Stadler Rail einige Standorte so weit spezialisiert hat, dass jeweils alle Wagenteile in den jeweiligen Werken produziert werden. So kommen die Drehgestelle immer aus dem Werk in Winterthur.

Zu 90 Prozent in Familienbesitz

Bereits im vergangenen Herbst machte Stadler Rail auf die schwierige Lage aufmerksam. Der Unternehmenschef Peter Spuhler war nach 13 Jahren als Nationalrat zurückgetreten. Er wolle sich ganz der Stadler Rail widmen können.

Stadler Rail erwirtschaftete im vergangenen Geschäftsjahr rund 2,2 Milliarden Franken Umsatz. Die Produktionskapazität ist bis Mitte 2014 gut ausgelastet. In der Schweiz zählt das Unternehmen zu den 60 grössten Arbeitgebern.

Die bekanntesten Fahrzeugfamilien der Stadler Rail Group sind der Gelenktriebwagen GTW (letzter Stand: 563 verkaufte Züge), der Regio Shuttle RS1 (497 Züge), der FLIRT (869 Züge) und der Doppelstocktriebzug KISS (170 Züge) im Segment der Vollbahnen und die Variobahn (312 verkaufte Fahrzeuge) sowie der Tango (101 verkaufte Fahrzeuge) bei Strassenbahnen.

Gewinnzahlen veröffentlicht das Familienunternehmen aber nicht. Stadler Rail ist zu 90 Prozent in Familienbesitz und nicht an der Börse kotiert. Weitere Angaben wird das Unternehmen im Juni machen.

Warten auf SBB-Entscheid

Offen wird auch dann noch bleiben, ob Stadler Rail den SBB-Auftrag für die Lieferung von 29 Triebzügen für die Nord-Süd-Achse mit einem Volumen von 800 Millionen Franken gewinnt. Die Offerten waren im Dezember 2012 eingereicht worden. Ein Entscheid wird laut einem SBB-Sprecher erst Ende dieses Jahres gefällt.