STAHLKONZERN: «Unser Angebot hat mehr zu bieten»

Zum ersten Mal tritt die Investmentfirma Renova im Machtkampf um Schmolz + Bickenbach an die Öffentlichkeit. Vladimir Kuznetsov erklärt, warum ihr Angebot überlegen ist.

Interview Lukas Scharpf
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Vladimir Kuznetsov sass von 2007 bis 2011 für Renova im Verwaltungsrat von OC Oerlikon. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Vladimir Kuznetsov sass von 2007 bis 2011 für Renova im Verwaltungsrat von OC Oerlikon. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Vladimir Kuznetsov*, wieso ist Ihrer Meinung nach der Vorschlag des Verwaltungsrates von Schmolz + Bickenbach zur Kapitalerhöhung schlecht?

Vladimir Kuznetsov: Die Kapitalerhöhung, wie der Verwaltungsrat sie vorschlägt, ist eigentlich gar keine. Von den 330 Millionen Franken gehen rund 30 Millionen an die Banken als Gebühren. Circa 250 Millionen Franken gehen an die Kreditgeber, also ebenfalls Banken. Somit bleiben 50 bis 100 Millionen Franken für den Konzern, um in die Geschäftstätigkeit zu investieren. Rund 50 Millionen Franken reichen bei einem Unternehmen mit einem Umsatz von jährlich über 4 Milliarden Franken nicht aus, um nachhaltig Verbesserungen zu bewirken.

Sie schlagen eine Finanzspritze von 430 Millionen Franken vor. Dabei werden die jetzigen Aktionäre schlechtergestellt.

Kuznetsov: Die Kapitalerhöhung des Verwaltungsrats ist zwar tiefer und somit im Interesse der bisherigen Aktionäre, denn ihre Anteile werden weniger stark verwässert. Aber ich bezweifle ernsthaft, dass sie ausreicht, und somit ist es wahrscheinlich, dass so bald eine weitere Kapitalerhöhung folgen muss.

Halten Sie die Gebühren der Banken von rund 10 Prozent für die Kapitalerhöhung für zu hoch?

Kuznetsov: Ich halte sie für komplett überrissen. Glauben Sie mir, 10 Prozent liegt ein Vielfaches über dem üblichen Betrag. Normal sind 2, vielleicht 3 Prozent. Renova kann hierbei mit einer grossen Erfahrung urteilen. Der Betrag ist unerhört. Die Banken nutzen die schwache Position des Konzerns voll aus. Die hohen Gebühren zeigen aber auch das schlechte Verhandlungsgeschick des Verwaltungsrates.

Zurück zu den 430 Millionen, die Sie über den Familien-Grossaktionär, die KG, einbringen wollen. Die Aktionäre sparen zwar die 30 Millionen für die Banken, sonst ist es aber einfach eine Liquiditätsspritze, über deren Höhe man letztlich streiten kann.

Kuznetsov: Nein, so ist es nicht. Unser Angebot hat mehr zu bieten. Schmolz + Bickenbach braucht erstmal finanziellen Raum zum Atmen. Mit den 430 Millionen ist das nachhaltig möglich. Anschliessend würde der Konzern mit unserer Unterstützung im Rücken die Kredite günstiger refinanzieren bzw. mit den Banken neu aushandeln. Hier haben wir als industrieller Investor nicht nur die notwendige Erfahrung und Kompetenz, sondern mit rund 7 Milliarden Franken Cash auch die nötige Sicherheit. Die jetzige Konzernleitung hat einen sehr schlechten Job bei der Akquirierung der letzten Kreditrahmen gemacht. Sie sind sehr teuer. Der Konzern muss Ende Jahr sehr hohe Zinsen auf rund 800 Millionen Euro Nettoschulden bezahlen, und das bei einem erwarteten Verlust.

Welche anderen Pläne hätten Sie für Schmolz + Bickenbach?

Kuznetsov: Oberste Priorität hat eine gesunde finanzielle Basis. Zweitens sehe ich markante Defizite in der Corporate Governance. Meiner Meinung nach arbeitet der Verwaltungsrat weder im Interesse der Aktionäre noch im Interesse des Konzerns oder der Mitarbeiter.

Sondern?

Kuznetsov:Sie scheinen ihre eigene Agenda zu verfolgen. Ich kann nur spekulieren, aber es scheint mir so, dass der Verwaltungsrat alles daransetzt, den mit 40 Prozent Aktienanteil grössten Aktionär, die KG, aus dem Konzern zu drängen.

Sie würden nach Ihrem Einstieg den Verwaltungsrat ändern?

Kuznetsov: Als Ankerinvestor, nach dem jetzigen Vorschlag mit 25 Prozent, würden wir auf eine angemessene Vertretung im Verwaltungsrat bestehen. Die Gründerfamilien der KG wären noch mit einem Mitglied vertreten. Die Mehrheit wäre unabhängig. Alle Vertreter müssten Personen mit Kompetenzen sein, welche die Konzernleitung weiterbringen, und nicht nur Interessenvertreter.

Welche strategischen Vorteile brächte Renova Schmolz + Bickenbach?

Kuznetsov: Schmolz + Bickenbach hat enorm viel Potenzial und ist von der Finanzierung abgesehen in einer guten Verfassung. Renova hat mit Sulzer und OC Oerlikon in der Schweiz bewiesen, dass wir stark darin sind, ein Unternehmen zu sanieren und nachhaltige Profite zu erzielen. Diese Kompetenz würden wir auch bei Schmolz + Bickenbach einbringen. Zudem könnten wir bei Marktzugängen in Asien und Russland, wo der Stahlkonzern jetzt noch vertreten ist, helfen. Schmolz + Bickenbach ist stark gewachsen, hat die neuen Unternehmensteile aber nie richtig integriert. Der Konzern braucht den finanziellen Spielraum, um sich zu organisieren. Er hat das Potenzial, Markführer zu sein, aber im Moment arbeitet Schmolz + Bickenbach nur für die Banken. Der Konzern muss wieder für die Aktionäre und die Angestellten arbeiten können.

Für wie hoch halten Sie die Chancen Ihres Vorschlags an der morgigen GV?

Kuznetsov: Wenn der Hauptaktionär mit seinen vollen 40 Prozent der Stimmen antreten könnte, käme unser Vorschlag durch. Da bin ich sicher. Nun hat das Zürcher Handelsgericht verfügt, dass die KG die Hälfte ihrer Stimmen nicht verwenden darf. Es wird sicher sehr eng werden.

Zweifeln Sie den Entscheid des Zürcher Handelsgerichts an?

Kuznetsov:Ich bin kein Jurist. Allerdings teilten mir unsere Rechtsberater mit, dass vorsorgliche Massnahmen bei Aktionärsbindungsverträgen stark umstritten sind. Ich halte es grundsätzlich für absurd, wenn ein Aktionär, der 40 Prozent der Aktien hält, an der GV nur mit der Hälfte davon abstimmen darf.

Es ist eine superprovisorische Verfügung, und die Beschwerdefrist läuft noch. Werden Sie oder die KG Beschwerde einlegen, sollten Sie an der GV nicht durchkommen?

Kuznetsov:Wir sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht Aktionär und nicht direkt involviert. Daher können wir auch keine juristischen Schritte unternehmen. Ich denke aber, dass die KG ihre legitimen Interessen mit allen Mitteln versucht durchzusetzen; inklusive den juristischen.

Wen hoffen Sie bis morgen noch auf Ihre Seite zu ziehen?

Kuznetsov: Unser Vorschlag ist nachhaltiger und richtet sich an Aktionäre, die langfristig denken. Daher hoffen wir, dass wir auch einige institutionelle Anleger überzeugen können.

ISS und andere Stimmrechtsvertreter sind durch das Band gegen den Vorschlag der KG und halten sich an den Vorschlag des Verwaltungsrats.

Kuznetsov:Ich habe nicht mit der ISS gesprochen, daher weiss ich nichts über deren Beweggründe. Aber Stimmrechtsgruppen haben die Tendenz, aus der Distanz, den Empfehlungen der Verwaltungsräte zu folgen.

Nehmen wir an, die AG kommt mit ihrem Vorschlag durch, und Sie unterliegen. Gibt es einen Plan B für Renova, sich an S+B zu beteiligen?

Kuznetsov: Die Kapitalerhöhung von 330 Millionen wäre zwar teuer für die finanzielle Lage des Konzerns, es wäre aber nicht das Ende der Welt. Unabhängig vom Ausgang der Generalversammlung bleiben wir am Unternehmen interessiert. Allerdings nur als Grossaktionär mit entsprechendem Einfluss im Verwaltungsrat. Wir sind ein industrieller Investor. Wir haben kein Interesse daran, Anteile zu erwerben und nach kurzer Zeit mit etwas Gewinn wieder zu veräussern. Unter einem Ankerinvestor verstehen wir eine Zeit als Grossaktionär von fünf bis sieben Jahren als Minimum.

Welche Szenarien sehen Sie für einen Einstieg von Renova?

Kuznetsov:Wir warten jetzt erst einmal die GV ab. Anschliessend werden wir uns entsprechend orientieren. Genaues können wir erst nachher bestimmen. Es gibt verschiedene Szenarien, wie wir uns am Unternehmen beteiligen. Voraussetzung dafür, dass wir uns als Kapitalgeber beteiligen, ist sicher eine eingehende Buchprüfung, die uns bisher verwehrt wurde. Und eins will ich absolut klarstellen. Als Investor werden wir dem jetzigen Verwaltungsrat in dieser Zusammensetzung kein Geld geben. Dafür fehlt das Vertrauen.

HINWEIS
*Der Russe Vladimir Kuznetsov ist Chief Investment Officer beim Unternehmen Renova. Er gilt als der «erste Offizier» von Renova-Hauptaktionär Viktor Vekselberg. Der 52-Jährige wohnt mit seiner Frau und drei Kindern in der Stadt Zug.