Man reibt sich die Augen: Die US-Börse hat einen neuen Rekord aufgestellt - trotz Corona-Wirren

Apple, Amazon, Microsoft, Facebook, Alphabet und Tesla: Technologieaktien bescheren dem amerikanischen Markt die beste August-Performance seit 34 Jahren.

Daniel Zulauf
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Kommt es wieder so weit? Händler an der New Yorker Börse während des grossen Krachs vom 19. Oktober 1987. (KEYSTONE/EPA/AFP-FILES/MARIA R. BASTONE)

Kommt es wieder so weit? Händler an der New Yorker Börse während des grossen Krachs vom 19. Oktober 1987. (KEYSTONE/EPA/AFP-FILES/MARIA R. BASTONE)

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Für den amerikanischen Aktienmarkt gibt es offenbar kein Halten mehr. Seitdem die Börse im März, im Zug der Corona-Krise, den Tiefpunkt erreicht hatte, steigen die Kurse Monat für Monat – ohne Unterbruch. Der S&P-500-Index, das repräsentativste Börsenbarometer in den USA, notiert seit kurzem auf einem neuen Allzeithoch. Allein im August legte der Index mehr als sieben Prozent zu – mehr als im bisher besten Sommermonat vor 34 Jahren.

An der Spitze der Gewinnerliste finden sich viele tief gefallene Titel, wie beispielsweise die Aktien der Fluggesellschaft Delta, die vom Einbruch des Reiseverkehrs natürlich schwer gezeichnet ist und im zweiten Quartal einen Verlust von sieben Milliarden Dollar ausweisen musste. Manch ein mutiger Anleger scheint darauf zu wetten, dass sich Delta schneller gesundschrumpfen kann als ihre Mitbewerber.

US-Tech: So viel Wert wie ganz Europa

Doch für die spektakulären Indexrekorde der US-Börse sind selbst heftige Kursaufschläge wie jene von Delta (+20 Prozent) irrelevant. Entscheidend sind die Kursgewinne der grossen Technologiefirmen wie Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet und Facebook. Apple allein ist seit dem vergangenen Monat mehr als 2000 Milliarden Dollar wert. Zusammen kommen die fünf Schwergewichte auf einen Wert von rund 7500 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Fünftel des Börsenwertes aller im S&P-500-Index enthaltenen Gesellschaften.

Gemäss einer Analyse der Bank of America beläuft sich die Marktkapitalisierung aller US-Technologiefirmen zusammen aktuell auf über 9000 Milliarden Dollar. Das ist mehr als der aggregierte Gesamtwert aller europäischen Aktienmärkte. Zum US-Technologiesektor gehört auch der Elektroautomobilbauer Tesla. Die Tesla-Aktien haben sich allein im August um zwei Drittel verteuert. Inzwischen ist Tesla mit einer Marktkapitalisierung von über 460 Milliarden Dollar ziemlich genau doppelt so viel Wert an der Börse wie alle sechs europäischen Automobilkonzerne miteinander.

Eine Handvoll grosser Firmen hatte in den USA schon immer einen überproportional starken Einfluss auf die Gesamtbörse. Doch inzwischen ist die Diskrepanz doppelt so gross wie im langjährigen historischen Durchschnitt.

Der Boom schafft Super-Milliardäre

Der Boom der Technologieaktien widerspiegelt sich auch im Reichstenranking. An de Spitzen der globalen Reichstenliste des US-Magazins «Forbes» stehen mit Amazon-Gründer Jeff Bezos (200 Milliarden Dollar), Microsoft-Gründer Bill Gates (117 Milliarden Dollar), Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (108 Milliarden Dollar) und Tesla-Gründer Elon Musk (100 Milliarden Dollar) gleich vier US-Tech-Unternehmer auf den ersten fünf Plätzen. Nur ein Europäer, Bernard Arnault, Hauptaktionär des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH, vermochte mit einem Vermögen von 114 Milliarden Dollar in diese US-Phalanx einzudringen.

Wie lange die Börsenparty in diesem Stil noch weitergehen kann, weiss niemand. Zwar erhalten in den USA inzwischen 27 Millionen arbeitsfähige Personen eine Form von Arbeitslosenhilfe und allein in der vergangenen Woche kamen eine Million hinzu. Doch Anleger rechnen offensichtlich damit, dass die Corona-Krise bald überwunden ist und ein neuerlicher Lockdown in den Wintermonaten vielleicht auch mit Hilfe eines Impfstoffes verhindert werden kann.

Freilich sind die auch hierzulande immer weiter steigenden Aktienkurse ebenso Ausdruck einer gewissen Ratlosigkeit. Die von den im Krisenmodus operierenden Notenbanken und Regierungen geleisteten Unterstützungsmassnahmen für die Wirtschaft sorgen für ein weltweit beispiellos niedriges Zinsniveau, in dem es fast nur auf den Aktienmärkten positive Renditen zu verdienen gibt. Dass sich der Börsenboom nicht ewig fortsetzen wird, ist eine Binsenwahrheit. Doch wie und wann es zu einer Korrektur kommen kann, wagt kaum mehr jemand vorauszusagen.

Damals ging die Party noch 14 Monate weiter

Interessant ist vielleicht, dass im Jahr 1987, 14 Monate nach dem seinerzeitigen Rekord-August, der grösste Börsencrash aller Zeiten folgte. Am 19. Oktober 1987 verlor der Dow-Jones-Index unter dem Druck einer Flut von zuvor nie gesehenen Panikverkäufen fast 23 Prozent. Dieser historische Börsencrash markierte den Beginn einer bis heute andauernden Politik, mit der sich die grössten Notenbanken mit Hilfe immer umfangreicherer geldpolitischer Massnahmen gegen tiefe Konjunktureinbrüche zu stemmen versuchen.