Stans
Ende einer Ära: Patron Oscar J. Schwenk gibt das VR-Präsidium bei Pilatus ab, sein Nachfolger wird Hansueli Loosli

Nach einem trotz Coronakrise erfolgreichen 2020 kommt es zu gewichtigen Veränderungen beim Stanser Flugzeugbauer Pilatus. Nicht nur das VR-Präsidium wechselt, das ganze Gremium soll breiter aufgestellt werden.

Christopher Gilb
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Oscar J. Schwenk am 21. April 2021. Ein Tag später wird er kommunizieren, dass er bei der nächsten Generalversammlung nicht mehr als Verwaltungsratspräsident antritt.
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Oscar J. Schwenk und Markus Bucher (links), der ihn 2013 als CEO abgelöst hat.
Anfang 2021 wurde ein Meilenstein erreicht. Der Stanser Flugzeughersteller konnte den 100. PC-24 an einen Kunden ausliefern.
Der PC-24 ist der erste Düsenjet von Pilatus und der ganze Stolz von Firmenpatron Schwenk.
Oscar J. Schwenk ist bekannt für klare Worte. Hier bei einem Interview in seinem Büro in Stans.
Hier posiert Schwenk vor einem PC-21, der bei Piloten als Ausbildungsflugzeug zum Einsatz kommt.
Hier vor einem PC-12, das Turboprop-Mehrzweckflugzeug ist der Verkaufsschlager des Unternehmens.
Das neue PC-12 Demoflugzeug liess Pilatus 2014 durch den Luzerner Künstler Hans Erni gestalten.
Hans Erni (links) signiert das Flugzeug in seinem Atelier in Luzern.
Oscar J. Schwenk 2010 bei seiner Rede am 6. Wirtschaftstreffen «Gesichtspunkte» in den Pilatus-Flugzeugwerken.
Schwenk in einer typischen Pose während eines Interviews im März 2010.
Stolz nimmt er 2006 im Verkehrshaus Luzern den Aerosuisse Aviation Award des Luftfahrt-Dachverbands entgegen.
«Bern ist mein Terrain», sagte Schwenk einst im Interview mit dem «Schweizer Monat». Hier besucht der damalige Bundesrat Joseph Deiss (rechts) die Pilatus Flugzeugwerke. Begleitet wurde er dabei vom einstigen Nidwaldner Landammann Gerhard Odermatt.

Oscar J. Schwenk am 21. April 2021. Ein Tag später wird er kommunizieren, dass er bei der nächsten Generalversammlung nicht mehr als Verwaltungsratspräsident antritt.

Bild: Dominik Wunderli

Für viele sind die Pilatus Flugzeugwerke AG in Stans und Oscar J. Schwenk ein und dasselbe. 1979 kam Schwenk als Ingenieur zu Pilatus, 1994 übernahm der Mann mit dem markanten Vollbart die Geschäftsleitung, ab Juli 2006 gleichzeitig das Verwaltungsratspräsidium. 2013 gab Schwenk die Geschäftsleitung ab, war aber noch Projektleiter bei der Entwicklung des ersten Jets des Unternehmens.

In der Medienmitteilung zum Geschäftsjahr 2020 am Donnerstagmorgen hat «Mister Pilatus» nun eine Bombe platzen lassen: An der Generalversammlung im Juni werde er sich nicht mehr zur Wahl stellen lassen. Den Entscheid, sich zurückzuziehen, habe er schon x-mal forciert, erklärt der inzwischen 77-Jährige auf Nachfrage: «Aber die Firma war noch nicht so weit.» Das sei nun anders:

«Wir haben inzwischen alle Flieger im Angebot, die wir wollen, ein gut gefülltes Bestellbuch und mehr als genug finanzielle Reserven.»

Gute Umsätze, volle Auftragsbücher

Wie erfolgreich der Schweizer Flugzeugbauer unterwegs ist, zeigte sich auch am letzten Jahr. Trotz Coronapandemie und der bekannten Einschränkungen in der Luftfahrt konnte Pilatus den Umsatz 2020 mit rund 1,1 Milliarden Franken nahezu auf dem Niveau von 2019 halten. Das Betriebsergebnis fiel mit 155 Millionen Franken sogar noch leicht besser aus (2019: 153 Millionen Franken). «Zwar haben wir das ganze Jahr von der Hand in den Mund gelebt», wie es Schwenk formuliert, «weil Lieferketten unterbrochen waren, mussten wir beispielsweise Teile aus Flugzeugen wieder ausbauen und in andere, die schneller geliefert werden mussten, einbauen.» Am Schluss hätten aber alle 129 bestellten Flugzeuge aus Stans ausgeliefert werden können. Zu Entlassungen sei es wegen der Coronakrise nicht gekommen. Die Mitarbeiterzahl nahm zwar von 2289 auf 2196 leicht ab. Dies aber im Rahmen der natürlichen Fluktuation innerhalb eines Jahres, so Schwenk. Wegen des guten Ergebnisses erhalten die Angestellten nun 1,5 Monatslöhne als Bonus. Denn auch das aktuelle Bestellbuch sei mit 1,7 Milliarden Franken gut gefüllt, sagt Schwenk erfreut.

140 neue Jobs geplant

Das Jahr 2021 habe für Pilatus so gut angefangen wie 2020 aufgehört habe, sagt CEO Markus Bucher. «Unsere Endkundenbestellungen in den ersten Monaten des Jahres sind bereits 40 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum.» Stark sei die Nachfrage vor allem im Bereich General Aviation, also der zivilen Luftfahrt. «Dieser macht heute etwas mehr als zwei Drittel unseres Umsatzes aus.» Gerade die Nachfrage nach Business-Jets habe in der Coronakrise stark zugenommen, «auch weil wohlhabende Kunden die Anzahl Kontakte beim Reisen minimieren wollen». Auch im Bereich Government Aviation, also bei Militärflugzeugen, konnte sich Pilatus durch die Bestellung von 24 PC-21 zur Ausbildung spanischer Militärpiloten einen wichtigen Auftrag sichern. «Hier merken wir aber, dass potenzielle Aufträge zwar nicht sistiert, aber hinausgezögert werden, weil die Regierungen das Geld für die Bekämpfung der Coronakrise brauchen», so Bucher.

Trotzdem blickt Pilatus zuversichtlich in die Zukunft. Und stellt derzeit 140 zusätzliche Mitarbeitende ein. «Ein grosser Teil davon für die Produktion, die anderen für die Entwicklung», so Bucher. Dort würden verschiedene Projekte laufen, «beispielsweise um die Flugzeuge zukünftig aus noch leichteren Materialien bauen zu können, um so die Reichweite oder Nutzlast zu erhöhen sowie den Kraftstoffverbrauch zu reduzieren». Auch spiele das Thema automatische Landung eine zunehmend bedeutendere Rolle, dass die Maschine also sicher und selbstständig auf dem nächstliegenden Flugplatz landen kann – selbst wenn der Pilot aus gewissen Gründen ausser Gefecht ist. 

Schwenks Nachfolger als VR-Präsident bei Pilatus steht schon fest: Hansueli Loosli. Der bekannte Ex-Verwaltungsratspräsident von Coop und Swisscom war erst letztes Jahr gemeinsam mit dem UBS-Manager Lukas Gähwiler in den Verwaltungsrat des Flugzeugbauers aus der Zentralschweiz gewählt worden. «Ich bin der Meinung, dass er die richtige Person ist», sagt Schwenk. Der 65-jährige Loosli hat erst vor wenigen Tagen seine Präsidiumsmandate beim Detailhändler und Telekomkonzern altershalber abgegeben. In einem Interview mit der «Handelszeitung» 2018 sagte er zu seiner Zeit nach der Pensionierung: «Ich möchte wieder reiten, das habe ich jahrelang nicht mehr gemacht.» Dass das aber nicht seine einzige Beschäftigung bleiben wird, hatte sich schon 2020 abgezeichnet, als Loosli eine Firma gründete, um «unabhängige Unternehmensberatungen anzubieten», wie er damals gegenüber dieser Zeitung verlauten liess.

Zeiten des Patrons sind vorbei

Schwenks designierter Nachfolger: Hansueli Loosli.

Schwenks designierter Nachfolger: Hansueli Loosli.

Bild: PD

Spannend wird sein, wie Loosli seine Rolle als VR-Präsident interpretiert. Schwenk selbst hatte dies bekanntlich offensiv getan: «Ich bin mehr als ein Stratege, ich erledige auch Operatives», verriet er einst im Interview mit dem «Schweizer Monat». Er und der CEO Markus Bucher würden sich praktisch jeden Morgen sehen und sich genau absprechen. Schwenk lässt aber durchblicken, dass das zukünftig anders sein wird: «Ich bin schon ein hemdsärmeliger Typ und habe auf kurze Entscheidungswege gesetzt, auch deshalb ist Pilatus in den letzten Jahren so schnell vorwärtsgekommen.» In der heutigen Zeit und aufgrund der vielen regulatorischen Anforderungen im Bereich Unternehmensführung sei ein solcher Stil aber nicht mehr so akzeptiert - auch wenn «wegen solcher Vorgaben noch kein Flugzeug verkauft wurde», kann sich Schwenk einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen.

Der gesamte Verwaltungsrat soll deshalb zukünftig professionalisiert und breiter aufgestellt werden. Nebst Loosli und Gähwiler sitzt dort Vizepräsident Gratian Anda, als Vertreter des Industriellenclans Anda-Bührle, der laut Schätzungen zwischen 40 und 45 Prozent an Pilatus besitzt, sowie Dominik Burkart, Vertreter der Burkart-Familie, die ebenfalls rund 40 bis 45 Prozent an Pilatus hält. Auf die nächste GV hin sei nun in enger Abstimmung mit den Eigentümern geplant, diesen «um Fachpersonen, die in ihrem Metier jeweils zur Spitze gehören», zu erweitern, so Schwenk. Weiter ins Detail könne er zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht gehen. Schwenk selbst beabsichtigt, sich komplett aus dem Verwaltungsrat zurückzuziehen. In seiner typisch direkten Art sagt er:

«Ich bin Präsident oder nichts.»

Trotzdem will er dem Unternehmen erhalten bleiben: «Pilatus ist wie eine Familie, da kann man nicht einfach davonlaufen.» Auf welche Weise genau er dem Flugzeughersteller treu bleibt, sei aber noch offen.