STANS: Mondobiotech plant Neustart

Es ist der zweite Neuanfang, den das Unternehmen Mondobiotech in 12 Jahren probt. Ob die Firma jemals Gewinn erwirtschaften wird, bleibt aber fraglich.

Nelly Keune
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Ein Crew-Mitglied am Mast der Rennyacht «Luna Rossa». Im Jahr 2007 war Mondobiotech Sponsor. Seitdem hat sich die finanzielle Lage der Stanser Firma massiv verschlechtert. (Bild: Luna Rossa Challenge/Bruno Cocozza)

Ein Crew-Mitglied am Mast der Rennyacht «Luna Rossa». Im Jahr 2007 war Mondobiotech Sponsor. Seitdem hat sich die finanzielle Lage der Stanser Firma massiv verschlechtert. (Bild: Luna Rossa Challenge/Bruno Cocozza)

Am Anfang steht die Hoffnung. Alles neu, alles anders und alles besser – so lassen sich die Zukunftspläne des neusten Chefs des Stanser Technologie-Unternehmens Mondobiotech zusammenfassen. Seit zweieinhalb Jahren leitet Ruggero Gramatica das Stanser Unternehmen. Der Italiener hat ein schweres Erbe angetreten – wie schwer, das ist ihm wohl auch erst im Lauf der letzten Monate klar geworden. Denn seit der Gründung im Jahr 2001 hat das Unternehmen nur heisse Luft und Schulden produziert. Nach aussen wurde aber ein ganz anderes Bild getragen.

Hohe Ausgaben für viel Luxus

Dafür sorgte der Gründer und langjährige Chef Fabio Cavalli. Und eines muss man Cavalli lassen, er hat zumindest bei der Vermarktung seiner Geschäftsidee ganze Arbeit geleistet. Mittels eines Computerprogramms sollen im Internet Datenbanken durchforstet werden, um Wirkstoffe im Kampf gegen seltene Krankheiten zu finden. Krankheiten gelten dann als selten, wenn sie höchstens eine unter 2000 Personen betrifft. Und von diesen seltenen Krankheiten gibt es laut dem Bundesamt für Gesundheit weltweit zwischen 6000 bis 8000. Allein in der Schweiz leiden rund eine halbe Million Menschen an ihnen. Vielversprechende Wirkstoffe werden lizenziert, die Lizenz an ein Pharmaunternehmen verkauft, welches die weiteren Tests übernimmt.

Die Bilanz der Ära Cavalli ist jedoch ernüchternd. Er meldete zwar über 300 Patente auf Wirkstoffe an, aber keiner hat es bisher wirklich auf den Markt geschafft. Mitte 2011 verabschiedet sich der Tessiner Cavalli dann plötzlich aus seiner Firma. Zurück liess er einen Schuldenberg und viele enttäuschte Aktionäre. Alleine im ersten Halbjahr 2011 hatte das Unternehmen einen Verlust von 54 Millionen Franken erwirtschaftet. Dass das Geld nicht alleine für den Aufbau des Unternehmens ausgegeben wurde, kam nach und nach her­aus. Cavalli leistete sich zwei Flugzeuge, zahlte sich im Jahr 2010 noch einen Lohn von 695 000 Franken aus und hatte jedem alles versprochen. So auch der Nidwaldner Regierung. Die vermietet dem Unternehmen das ehemalige Kapuzinerkloster in Stans für gut 4350 Franken pro Monat. Er versprach das Kloster zu renovieren – mit Hilfe von Star-Architekt Norman Foster für etwa 25 Millionen Franken.

Firmenjets längst abgeschafft

Die Renovierung ist eines von den Luftschlössern, an denen Gramatica nicht mehr weiterbauen will. «Es ist ausser Diskussion, dass wir so viel Geld ausgeben können», erklärt der Italiener freundlich, aber bestimmt. Überhaupt ist Gramatica im Gegensatz zum Firmengründer kein Mann der grossen Auftritte. Bescheiden wirkt der Ingenieur, der zurzeit am renommierten Londoner Kings College einen Doktor in angewandter Mathematik macht. Die zwei Firmenjets hat er längst abgeschafft, und auch die hochtrabenden Renovierungspläne stehen nicht mehr zur Diskussion. Gramatica war bisher bei verschiedenen Telekomunternehmen und Start-ups beschäftigt und lebt mit seiner Familie in London.

Zweieinhalb Jahre ist er nun Chef in Stans. Eine Bilanz seiner Arbeit zeigt, dass sich bei Mondobiotech einiges geändert hat, aber noch nicht alles. So hat das Unternehmen 2012 keinen Rappen erwirtschaftet und somit auch noch immer keinen Wirkstoff lizenziert. Aber in der Tat ist es Gramatica gelungen, die Ausgaben deutlich zu senken. 2012 wurde nur noch ein Verlust von 6 Millionen Franken erwirtschaftet. «Ich glaube an die Zukunft des Unternehmens. Ich habe selbst 500 000 Franken investiert», erklärt Gramatica. Doch warum ist der Verlust so hoch, obwohl Gramatica nur noch fünf Mitarbeiter beschäftigt? «Ich habe in den letzten 2,5 Jahren nach und nach die Schulden abgebaut und die Verpflichtungen reduziert», erklärt Gramatica. Im laufenden Jahr rechnet er nur noch mit Kosten von 2 Millionen Franken. Wann das Unternehmen Einnahmen generieren wird und einen Wirkstoff lizenzieren kann, ist noch offen. Man sei mit mehreren grossen Pharmaunternehmen in Verhandlungen. Namen will das Unternehmen aber keinen nennen. «Spätestens im nächsten April werden wir mit Dienstleistungen auf Basis unseres bio-mathematischen Modells Erträge erzielen», sagt Gramatica.

Neues Geschäftsmodell?

Für Gramatica ist dieses Modell der Schlüssel zum Erfolg. Mit Hilfe einer Software sollen die Informationen über Wirkstoffe gebündelt und ausgewertet werden. Zurzeit verfüge das Unternehmen über eine Datenbank, in der 3 Millionen Dokumente mit medizinischen Fakten gespeichert sind, heisst es in der Dokumentation von Mondobiotech selbst. Auch Cavalli prahlte damals mit einer Datenbank, deren Existenz wurde aber von Experten bezweifelt. Gramatica erklärt, erst mit dem jetzt verfügbaren bio-mathematischen Modell habe man die Möglichkeit, die vorhandenen Da­-ten sinnvoll auszuwerten und zu ver­knüpfen.

Ob es die Datenbank tatsächlich wirklich gibt und das Modell funktioniert, wird sich bald zeigen. Denn vergehen wieder Jahre, ohne dass ein Wirkstoff lizenziert werden kann, dann ist das hochgelobte Geschäftsmodell des Unternehmens wohl endgültig gescheitert.

Den nächsten grossen Schritt nach vorn, den Gramatica mit seiner Firma nehmen will, ist die bereits angekündigte Fusion mit der Mailänder Firma Pierrel. Diese bietet Dienstleistungen rund um die Entwicklung von Pharmazeutika an und produziert auch Medikamente für Dritte. Mondobiotech will nun mit der Schweizer Tochter Pierrel Research International in Thalwil fusionieren. Am kommenden Donnerstag können die Aktionäre von Mondobiotech an der Generalversammlung in Stans über die Fusion abstimmen. Geht alles gut, werden die rund 20 Mitarbeiter von Pierrel in Thalwil nach Stans ziehen, verspricht Gramatica. Wie erfolgreich das neue Unternehmen an Mondobiotechs Seite ist, muss aber hinterfragt werden. Der Börsenkurs bewegt sich seit fünf Jahren kontinuierlich nach unten. Laut Gramatica glaube Pierrel an das neue Geschäftsmodell von Mondobiotech und wolle auch in eine Weiterentwicklung investieren. 15 Millionen Franken brauche Mondobiotech in den nächsten Jahren, um in die USA und nach Asien zu expandieren und neue Technologien zu entwickeln, so der CEO. Das Geld soll von Pierrel aber auch von neuen Investoren kommen. «Nach der Fusion werden wir unser Geschäfts­modell den Investoren vorstellen, ich glaube, dass einige investieren werden», sagt Gramatica.

Kloster wird nicht renoviert

Die Ansiedelung von Mondobiotech im Kloster ist damit verknüpft gewesen, dass die Firma die notwendigen Renovierungsarbeiten an der Liegenschaft übernimmt. Firmengründer Cavalli engagierte für seine Pläne für teures Geld den Architekten Norman Foster. Diese Pläne stehen für Firmenchef Ruggero Gramatica nicht mehr zur Debatte: «Wir haben das Erdgeschoss renoviert und unterhalten das Klostergebäude gut. Wir sind laufend daran, notwendige Arbeiten vorzunehmen. Mehr können wir uns nicht leisten.»

Der Nidwaldner Volkswirtschaftsdirektor Gerhard Odermatt zog gestern auf Anfrage ein gemischtes Fazit: «Unsere ursprünglichen Ziele und Erwartungen wurden sicher nicht erfüllt.» Das Unternehmen übernehme aber den Unterhalt und zahle pünktlich seine Mieten. «Wir versuchen, das Bestmögliche aus der Situation zu machen», sagte Odermatt. Mit dem neuen CEO Ruggero Gramatica habe man ein sehr gutes Einvernehmen, die Informationspolitik des Unternehmens habe sich deutlich verbessert.