USA
Starbucks bleibt am Nachmittag geschlossen: Die Mitarbeiter erhalten Anti-Rassismus-Nachhilfe

8000 amerikanische Starbucks-Filialen sind am Dienstagnachmittag geschlossen, weil die Belegschaft eine Weiterbildung über offenen und verdeckten Rassismus absolviert.

Renzo Ruf, Washington
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Starbucks bleibt am Nachmittag geschlossen: Die Mitarbeiter erhalten Anti-Rassismus-Nachhilfe
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Diese blamable Episode – für die sich sowohl Starbucks als auch die Stadtpolizei von Philadelphia öffentlich entschuldigen mussten – hat nun ein Nachspiel.
Am Dienstagnachmittag werden Starbucks sämtliche 8000 US-Filialen, die sich im Besitz des Konzerns befinden, schliessen. Dies, um die annähernd 175 000 Angestellten mit Kursen über expliziten und impliziten Rassismus zu informieren.
Empörte Bürger demonstrieren in Philadelphia gegen die Festnahme zweier Afroamerikaner in einerm Starbucks-Café.

Starbucks bleibt am Nachmittag geschlossen: Die Mitarbeiter erhalten Anti-Rassismus-Nachhilfe

KEYSTONE

Der Anruf an die Polizei erfolgte einige wenige Minuten, nachdem die beiden 23-jährigen Afroamerikaner die Starbucks-Filiale beim Rittenhouse Square in Philadelphia betreten hatten. Zwei Kunden weigerten sich, einen Kauf zu tätigen oder das Café zu verlassen, sagte die Managerin der Notruf-Zentrale und verlangte Hilfe. Also schritt die Stadtpolizei ein, rückte in den Starbucks im noblen Stadtviertel Rittenhouse Square aus und nahm die beiden jungen Männer fest. Später gaben Donte Robinson und Rashon Nelson zu Protokoll, dass sie im Kaffeehaus nur auf einen Geschäftspartner gewartet hätten, mit dem sie einen Immobilien-Deal einfädeln wollten. Sie hätten sich weder auffällig noch unhöflich benommen.

Diese blamable Episode – für die sich sowohl Starbucks als auch die Stadtpolizei von Philadelphia öffentlich entschuldigen mussten – hat nun ein Nachspiel. Am Dienstagnachmittag werden Starbucks sämtliche 8000 US-Filialen, die sich im Besitz des Konzerns befinden, schliessen. Dies, um die annähernd 175 000 Angestellten mit Kursen über expliziten und impliziten Rassismus zu informieren. Von dieser Zwangs-Schliessung nicht betroffen sind die 7000 Starbucks-Filialen, die von Geschäftspartnern betrieben werden und sich zum Beispiel in Hotels oder Supermärkten befinden. Ebenfalls nicht betroffen sind Filialen ausserhalb der USA.

Zudem stellte Starbucks eine Anpassung der Geschäftspolitik in Aussicht: Künftig stünden die Toiletten in den 8000 US-Kaffeehäusern, die sich in Konzernbesitz befänden, allen zur Verfügung – nicht nur den zahlenden Kunden, sagte der langjährige Konzernchef Howard Schultz.

Schultz amtiert derzeit als Vorsitzender des Starbucks-Verwaltungsrat, übt aber immer noch einen prägenden Einfluss auf das Tagesgeschäft seines Konzerns aus. Auch liebäugelt der 64-jährige Demokrat und Multimilliardär mit einer politischen Karriere.

Hinter verschlossenen Türen

Der Rassismus-Kurs – der drei bis vier Stunden dauern soll – findet hinter verschlossenen Türen statt. Medienschaffende sind, so jedenfalls ist bei der Starbucks-Pressestelle zu vernehmen, nicht zugelassen. Vorige Woche gab die Kaffeehaus-Kette aber einen kurzen Einblick in die multimedialen Schulungsunterlagen; demnach werden im Zentrum des Nachmittags vor allem die Erfahrungen stehen, die junge Afroamerikaner im öffentlichen Raum machen.

Für Starbucks steht bei dieser etwas hilflos wirkenden PR-Veranstaltung viel auf dem Spiel. Denn der Milliarden-Konzern leitet aus dem öffentlichen Raum – im Sprachgebrauch der Kaffeehauskette «Third Place» genannt, in Anlehnung an einen Begriff, der durch den Soziologen Ray Oldenburg geprägt worden war – sozusagen seine Existenzgrundlage ab. In den Worten von Howard Schultz ist der «Third Place» derjenige Ort, an dem sich Amerikaner aufhalten, die nicht gerade im Büro oder zu Hause sind.

Inspiriert von italienischen Kaffeehäusern, machte sich Schultz in den Achtzigerjahren daran, in anonymen Grossstädten wie Seattle oder Chicago künstliche Begegnungsräume zu schaffen. Später wurde dieses Konzept, das für das Amerika der Gegenwart doch recht revolutionär war, in die Provinz exportiert. In der Praxis zeigte sich, dass sich die Vision von Schultz in wohlhabenden Vierteln problemlos umsetzen liess. So gleichen die Starbucks in den Vororten von Washington in der Tat einer Mischung aus Büros, Schule und Begegnungsort – eine lebendige Mischung aus Lernstätte und Schwatzbude.

Schwieriger gestaltet sich die Umsetzung der Vision in Ortschaften, in denen soziale Spannungen an der Tagesordnung sind und in denen zum Beispiel Obdachlosigkeit ein grosses Problem darstellt. In diesen Starbucks kommen die Baristas häufig an den Anschlag. Auch deshalb sah sich Starbucks in den vergangenen Tagen gezwungen, zu präzisieren, dass die Politik der offenen WC-Türen natürlich nicht für Menschen gelte, die in den Toiletten illegalen Aktivitäten nachgingen.