START-UP: Luzerner «Bier» für Tiere

Twenty Green will den Markt für Tierfutter aufmischen. Dabei gehen die Luzerner Jungunternehmer wie Bierbrauer ans Werk.

Maurizio Minetti
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Die drei Start-up-Unternehmer von Twenty Green begutachten ihr erstes Büro im Technopark in Root. Von links: Duncan Sutherland, Adrian Koller und Lukas Hartmann. (Bild Jakob Ineichen)

Die drei Start-up-Unternehmer von Twenty Green begutachten ihr erstes Büro im Technopark in Root. Von links: Duncan Sutherland, Adrian Koller und Lukas Hartmann. (Bild Jakob Ineichen)

Maurizio Minetti

Duncan Sutherland lächelt verlegen, blickt in dem halb leeren Büro im Technopark Luzern aus dem Fenster und sagt in einer Mischung aus Schweizerdeutsch und Englisch: «Es war eine Art lucky discovery.» Eine unverhoffte Entdeckung. Anfang 2015 forschte der Doktor der Immunologie an der ETH Lausanne, als ihm klar wurde, dass er möglicherweise das Rezept dafür gefunden hatte, wie man Nutztiere gesünder und nachhaltiger füttern kann.

Sutherland hatte ein sogenanntes Probiotikum isoliert, das in Pulverform dem Futter zugemischt werden kann. Das Pulver wird dabei fermentiert. «Das kann man sich vorstellen wie in einer Brauerei: Die Stammbakterien werden unter optimalen Bedingungen und mit den richtigen Nährstoffen millionenfach vermehrt», sagt Sutherland. «Wir machen sozusagen Bier für Tiere», schmunzelt der Jungunternehmer. Ziel ist es, dass Tiere Pflanzen besser verdauen können und so weniger Tier- oder Fischmehl brauchen. Für Bauern würde ein solches Produkt tiefere Futterkosten bedeuten. Zusätzlich hätte es den Effekt, dass weniger Antibiotika eingesetzt werden muss. Im März 2015 hat der 37-Jährige mit Unterstützung der ETH Lausanne ein Patent für seine Entdeckung angemeldet.

Zwischen Canberra und Luzern

Sutherland ist im australischen Canberra aufgewachsen, seine Mutter stammt aber aus Luzern. Deshalb hat er sich letztes Jahr entschieden, seine neu gegründete Firma Twenty Green im Technopark in Root anzusiedeln. «Hier finden wir das nötige Business-Netzwerk; nur mit einer Idee können wir kein Geschäft aufziehen. Ausserdem gibt es in Luzern viele Bauern und Agrarunternehmen», nennt der Immunologe weitere Vorteile des Standorts. Wir, das sind Duncan Sutherland, der 33-jährige Lukas Hartmann aus Zug und der 38-jährige Adrian Koller aus Grossdietwil. Hartmann hat an der ETH Zürich Ernährungswissenschaften studiert und schliesst derzeit seinen MBA an der Universität St. Gallen ab. Er kümmert sich um das Betriebswirtschaftliche. Koller, auf einem Bauernhof aufgewachsen, hat einen Doktor in Biosystemtechnik und ist in erster Linie für die Zulassungen zuständig.

Wer Zusätze für Tierfutter auf den Markt bringen will, muss erst eine Reihe von Tests passieren. Agroscope, das Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, hat dem Produkt von Twenty Green bereits attestiert, dass es nicht schädlich ist.

Günstiger und gesünder

Doch wie funktioniert das Produkt genau? Im Darm von Menschen und Tieren schwirren unzählige Bakterien herum, die für eine funktionierende Verdauung sorgen und das Immunsystem stimulieren. Um diese Funktionen zu unterstützen, kann man Probiotika einnehmen, sozusagen gesunde Bakterien. Als Konsument kennt man Probiotika zum Beispiel als Zusatz im Joghurt. Das von Duncan Sutherland entwickelte Probiotikum sorgt bei Monogastriern – das sind Tiere mit nur einem Magen – dafür, dass pflanzliches Futter besser verdaut werden kann. Das heisst, dass man zum Beispiel bei der Lachszucht teures Fischmehl durch günstigeres pflanzliches Futter ersetzen kann.

Der schöne Nebeneffekt dabei: Fressen Lachse, Hühner oder Schweine mehr Pflanzen und weniger tierische Produkte, hat das einen positiven Einfluss auf das Ökosystem. Zudem stärkt das Produkt das Immunsystem, und die Tiere werden weniger krank. Dadurch braucht es weniger Antibiotika, weil die Tiere auf natürliche Weise geschützt sind. «Eine pflanzliche Ernährung ist nachhaltiger, weil sie einen kleineren ökologischen Fussabdruck hinterlässt», erklärt Sutherland.

Was genau Bestandteil des Probiotikums ist, verrät er aber nicht. Nur so viel: «Wir verwenden unter anderem landwirtschaftliche Nebenprodukte.» Der neue Bakterienstrang soll effizienter wirken als das, was heute auf dem Markt ist. Und das Produkt soll viel günstiger zu produzieren sein als bestehende Probiotika. Der Firmengründer weiss, dass Innovationen gut und recht sind, der Erfolg sich aber letztlich über das Portemonnaie einstellt.

Geld und Coaches

Twenty Green ist zwar noch kein Jahr alt, doch hat das Luzerner Jungunternehmen schon diverse Preise und Wettbewerbe gewonnen wie den Venture Kick, Fongit und MassChallenge. Gestern kam der mit 15 000 Franken dotierte «Zinno-Ideenscheck» von «Zentralschweiz innovativ» hinzu (siehe Box). Die ETH Lausanne hat der Firma letztes Jahr 130 000 Franken Startkapital mit auf den Weg gegeben. Die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) hat 370 000 Franken für eine Forschungszusammenarbeit mit der Universität Genf gesprochen. Dort betreibt Twenty Green nun ein Forschungs- und Entwicklungszentrum. Ausserdem fungiert die ehemalige Max-Havelaar-Chefin Paola Ghillani als Coach des Unternehmens.

Finanzierungsrunde für 1 Million

Derzeit läuft die erste grosse Finanzierungsrunde, die sogenannte Seed-Finanzierung, welche den Grundstein legen soll. «Wir hoffen, bis im August 1 Million Franken zusammenbringen zu können», sagt Lukas Hartmann. Welche Investoren an Bord sein werden, will er noch nicht verraten. Das Geld sollte reichen, um die Firma zwei Jahre lang über Wasser zu halten. «Bis dann müssen wir ein erstes Produkt auf den Markt bringen», so Hartmann. Darauf sollte dann im idealen Fall eine zweite, grössere Finanzierungsrunde folgen.

Mittlerweile füllt sich das Büro von Twenty Green im Technopark Luzern. Die drei Jungunternehmer haben letzte Woche Möbel angeschafft und planen schon die nächsten Schritte. Duncan Sutherland hofft, bis in zwei Jahren mit dem Futterzusatz auf den Markt zu kommen. Sollte alles wie erwartet klappen, will Twenty Green die Produktion im Kanton Luzern hochfahren.