Start-ups: Schweizer Risikokapitalgeber trotzen der Coronakrise

763,4 Millionen Franken Risikokapital wurden dieses Jahr bereits in Schweizer Start-ups investiert. Im Vergleich zu 2019 fehlt es aber an Megafinanzierungsrunden. Dafür kommt das Geld vermehrt aus dem Inland.

Christopher Gilb
Drucken
Teilen

Eigentlich erscheint der Swiss Venture Capital Report, also die Analyse der Finanzierungssituation von Schweizer Start-ups, einmal im Jahr. Am Dienstag nun wurde ausnahmsweise auch ein Halbjahresbericht publiziert. «Wir wussten selbst nicht genau, wie sich die Investmentsituation durch den Einfluss der Coronakrise entwickelt», sagt Stefan Kyora, Chefredaktor des in Luzern ansässigen Portals «Startupticker.ch» und einer der Autoren des Berichts.

Das Ergebnis des Berichts bezeichnet er nun als recht gut. Denn insgesamt wurde das Wachstum von Schweizer Jungunternehmen im ersten Halbjahr 2020 mit 763,4 Millionen Franken Risikokapital unterstützt. Das ist zwar deutlich weniger als die 1,183 Milliarden Franken im gleichen Zeitraum 2019, aber auch deutlich mehr als die 456,1 Millionen Franken im ersten Halbjahr 2018.

Zudem fanden 2020 bisher sogar mehr Finanzierungsrunden als im gleichen Zeitraum 2019 statt und im Mittel (Median) erhielten die einzelnen Start-ups 20 Prozent mehr Geld. «Es ist das erste Mal, dass die Schweiz sich in diesem Bereich krisenresistent zeigt», sagt Kyora. Denn im Vergleich zur Schweiz nahmen im europäischen Ausland die Zahl der Investments in Start-ups im ersten Halbjahr deutlich ab.

Ausländisches Geld fehlt

Für Thomas Heimann von der Investorenvereinigung Seca, der zweite Autor des Berichts, ist diese Entwicklung in der Schweiz auch Ausdruck der diversen Risikokapitalgefässe Venture Capital Fonds, die in den letzten Jahren oft mit Unterstützung erfolgreicher Gründer lanciert wurden.

Thomas Heimann, Analyst beim Private-Equity-Branchenverband Seca.

Thomas Heimann, Analyst beim Private-Equity-Branchenverband Seca.

So beträgt der Anteil von Schweizer Investitionen am Gesamtinvestitionsvolumen 2020 erstmals 45,5 Prozent, während er im Durchschnitt der letzten neun Jahre nur 23,1 Prozent betrug.

Investitionsvolumen in Schweizer Start-ups

nach Herkunftsländern in Prozent
Schweiz
USA
Deutschland
Andere
2010-2019 (Durchschnitt)2020 (1. Halbjahr)01020304050

«Ob dieser markante Anstieg ein langfristiger Trend ist, müssen wir aber noch sehen», so Heimann. Denn Schweizer Investoren seien auch vermehrt in die Bresche gesprungen, weil ausländische Investitionen während der Krise ausblieben.

Hatten also all jene, die wegen der Coronakrise warnten, die Schweizer Start-up-Szene könnte in ihrem Wachstum jahrelang zurückgeworfen werden, unrecht? Was es 2020 jedenfalls noch nicht gab, ist eine Megafinanzierungsrunde, also eine Finanzierungsrunde im dreistelligen Millionenbereich, im ersten Halbjahr 2019 waren es derer bereits drei gewesen. Die Autoren des Berichts führen dies auf das Ausbleiben der ausländischen Investitionen durch die Coronakrise zurück. Denn auch wenn in der Schweiz vermehrt selbst investiert wird, für den ganz grossen Wachstumsschub sorgen weiterhin Investoren aus dem Ausland. Kyora:

«Diese Investoren müssen zurückkommen.»

Fondsmanager zeigen sich zuversichtlich

Als weiterer Indikator für das Fehlen von ausländischen Investoren kann derweil die Zahl der Übernahmen genommen werden, denn auch derer gab es wegen der weltweiten Coronarestriktionen in den letzten Monaten fast keine. Im Januar waren noch sieben Schweizer Start-ups durch ausländische Firmen übernommen worden.

Zudem verweist Kyora darauf, dass das internationale Geschäft, welches für die global ausgerichteten Start-ups so wichtig sei, wegen der Restriktionen in verschiedenen Ländern ebenfalls noch nicht unbehindert laufe – was zu schmerzhaften Umsatzeinbussen führe. Heimann verweist zudem darauf, dass die Finanzierungen im ersten Halbjahr aus bereits gefüllten Fonds getätigt worden seien. Wie sich die Krise auf das Sammeln von Investorengeldern für zukünftige Fonds auswirke, stehe noch nicht fest.

Trotzdem gibt es Grund zur Zuversicht. Denn für den Bericht wurde gemeinsam mit dem Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern eine Umfrage unter den wichtigsten Schweizer Wagniskapitalgebern durchgeführt. Mit dem Ergebnis, dass sie ihre Investmenttätigkeit während der Krise fast ungebremst aufrechterhalten haben und zudem davon ausgehen, dass sie bei den angestrebten Zielgrössen der Fonds in Zukunft keine Abstriche machen müssen. Für 2021 erwarten zudem drei Viertel der Befragten, dass die Investments in Schweizer Start-ups wieder auf das Rekordniveau von 2019 zurückkehren.

Was sagt der Bericht nun aber zur Situation der Zentralschweizer Start-ups-Szene aus? Dass populäre Start-ups in unserer Region derzeit fehlen. Denn unter den zehn Start-ups mit den grössten Finanzierungsrunden dieses Halbjahr kommt kein einziges aus der Zentralschweiz. Für Thomas Heimann ist das auf die Branchen zurückzuführen, die gerade während der Coronakrise gefragt seien, also Medtech und Biotech. Und bei diesen sind die grossen Start-ups eher in Clustern rund um die Eidgenössischen Hochschulen in Zürich und Lausanne sowie in Basel zu finden.

Mehr zum Thema