Zugzwang
Steht Novartis vor dem grossen Deal?

Der Pharmakonzern muss sich im Bereich Onkologie etwas einfallen lassen.

Stefan Schuppli
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«Wartet doch erst den 5. Oktober ab» – so werden Novartis-Manager derzeit abgespeist, wenn sie ihre Investitionsprojekte beantragten. Was steckt dahinter?

Der erste Gedanke: Sparmassnahmen. Der zweite: Am 5. Oktober wird klar, wohin die Reise bei Novartis geht. Antworten gibt es derzeit noch nicht, die Medienstelle kommentiere keine Gerüchte, heisst es auf Anfrage.

Eine Investitionsbremse als Vorbote einer plumpen Sparmassnahme? Eher nein. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, wie der Konzern seit kurzem aufgestellt ist. Im Mai führte Novartis eine separate Onkologie-Sparte ein unter der Leitung von Bruno Strigini, der vom Konkurrenten Merck & Co. geholt wurde. Dies wohl im Bewusstsein, dass Novartis im Bereich einen Nachholbedarf hat, besonders auf dem verheissungsvollen Gebiet der Immun-Onkologie (vgl. Kasten rechts). Andere Firmen wie BristolMyersSquibb, Merck, Pfizer und Roche sind hier deutlich weiter.

Nicht aus eigener Kraft

Aus eigener Kraft wird Novartis den Rückstand auf die Konkurrenz in der Immun-Onkologie nicht stemmen können, sagen Fachleute. «Novartis kann nur mit einem Firmenzukauf aufholen», ist Michael Nawrath, Pharmaanalyst der Zürcher Kantonalbank, überzeugt. Novartis-Chef Joe Jimenez hatte im Juli zumindest kleinere Akquisitionen nicht ausgeschlossen.

Die Anzahl Firmen, die dafür infrage kämen, ist überschaubar. Es müssen solche sein, die schon reife Produkte haben. Das wiederum hat zur Folge, dass die Preise hoch sind. Ausserdem ist die Konkurrenz unter den Grossfirmen, die eine Akquisition planen, gross. Die US-Firma Gilead hat rund 40 Milliarden Dollar Cash auf der hohen Kante. Finanzanalyst Elmar Sieber von der Basler Kantonalbank sagt: «Die Preise sind derzeit sehr hoch.»

Gemäss Nawrath könnte für Novartis Incyte Corporation eine Kandidatin sein. Die in Wilmington USA domizilierte Firma ist seit 2002 im Bereich der Immunotherapie tätig und beschäftigt in Europa und den USA rund 900 Mitarbeitende. Eines ihrer Forschungsfelder ist die «targeted Therapy». Diese knüpft zielgerichtet («targeted») an ganz bestimmten Orten der Krebsentwicklung an. Die Firma ist rund 17 Milliarden Dollar wert. Incyte ist auf der Forbes-Liste der innovativsten Firmen der Welt auf Platz vier.

Auch andere Firmen sind der Erwähnung wert. Exelixis (San Rafael, USA) hat einige Krebsmedikamente im Köcher, kürzlich erhielt eines die Erstzulassung der US-Gesundheitsbehörde. Zu erwähnen ist auch Biomarin (San Francisco, USA), eine Firma mit einem leicht anderen Fokus. Sie entwickelt mit 2200 Mitarbeitenden Medikamente für seltene genetische Krankheiten (Orphan Drug).

Personelle Verflechtungen

Die Forschungscommunity in diesem hoch spezialisierten Sektor ist vergleichsweise überschaubar. Viele haben eine Karriere bei «Big Pharma» hinter sich. So ist Incyte nicht nur bezüglich Produkte, sondern auch personell sehr interessant. Firmenchef Hervé Hoppenot war bis vor zwei Jahren bei Novartis verantwortlich für die Abteilung Onkologie. Auch zwei weitere Manager kommen von Novartis. Der Europa-Manager Johnathan E. Dickinson war bei Roche als Genetiker ebenfalls in der Krebsforschung tätig.

Weniger wahrscheinlich ist gemäss Nawrath eine Übernahme einer grossen Firma, etwa die britische Astra Zeneca – weil zu teuer. Bereits im Frühling dieses Jahres gab es entsprechende Gerüchte. Auch mit Astra Zeneca gibt es übrigens personelle Verflechtungen mit der Basler Pharma: Paul Hudson, Chef des Novartis-Departementes «Innovative Medikamente», kommt von Astra Zeneca. Umgekehrt kam Astra-Chef Pascal Soriot von Roche. Vor 12 Jahren legten Novartis und Astra Zeneca ihre Agrogeschäfte zusammen und gründeten Syngenta. Architekten des neuen Astra-Zeneca-Hauptsitzes in Cambridge UK heissen Herzog & Demeuron. Sie bauen, nicht zu bescheiden, auch für Roche und Novartis.

Roche-Beteiligung zu verkaufen

Angekurbelt werden Übernahmefantasien auch, weil sich Novartis von ihrem strategisch nutzlosen Beteiligungspaket von 33 Prozent an Roche trennen will. Dieses würde rund 13 bis 14 Milliarden Franken in die Kasse spülen. Nicht zu vergessen: Bereits im vergangenen Jahr hat Novartis von GlaxoSmithKline das Onkologieportfolio mit 22 Medikamenten im Wert von rund 16 Milliarden Dollar übernommen.